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auf einmal und äusserst ermüdet von dem langen vergeblichen Herumirren. Ihr Erstaunen, und ihr Wehklagen über die Abwesenheit des Boots war unbeschreiblich. Da ihrer fünf zusammen waren, wurde einer der Begnadigten Matrosen mit der Anfrage an sie abgeschikt: ob sie sogleich gutwillig das Gewehr strekken und sich ergeben wolten? Wo nicht, so hätte der Stadtalter der Insel in einer Entfernung von dreissig Schritten funfzig Man aufmarschiren lassen, um sie alle nieder zu schiessen. Ihr Boot wäre schon genommen, alle ihre Kameraden wären gefangen und sie hätten also bloss zwischen Tod und Gefangenschaft zu wählen.

Robinson liess hierauf alle seine gefährten ein Geklirre mit den Waffen machen, um der Aussage des Matrosen noch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. »Haben wir Pardon zu hoffenfragte endlich Einer, dem der Kapitain ungesehen folgendermassen zurief: Tomas Schmit, du kenst meine stimme: leget ihr unverzüglich das Gewehr nieder, so sol euch das Leben geschenkt sein, bis auf Atkins. Dieser war nämlich einer der Urheber der Meuterei gewesen.

Alle warfen darauf augenbliklich ihre Flinten nieder und Atkins schrie: »ach! um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Kapitain, Pardon! Pardon! Sie sind ja alle eben so schlim gewesen, als ich. O Pardon! PardonDer Kapitain antwortete: alles, was er tun könnte, wäre, dass er ein Fürwort beim Stadtalter für ihn einlegte. Was darauf erfolgen würde, müsse er erwarten. Hierauf wurde Freitag abgeschikt, der nebst den Matrosen ihnen allen die hände binden muste. unterdessen kamen die drei lezten herbei, und da sie sahen und hörten, was geschehen sei, wagten sie eben so wenig sich zu widersezen und liessen sich geduldig binden.

jetzt traten auch der Kapitain und Robinson, der für einen Offizier des Stadtalters angesehen wurde, hinzu, und der erstere suchte diejenigen von den Gefangenen aus, die er einer aufrichtigen Reue über ihren Fehltrit fähig hielt. Diese wurden bis vor die Burg geführt, die übrigen nach der Grotte. Unter denen, die schon in der Grotte waren, liess er gleichfalls noch zwei abholen, denen er eine ähnliche Bereuung ihres Fehltritts zu trauete.

Was er mit diesen anfing, und was noch weiter vorfiel, das, Kinder, behalte ich mir vor, euch morgen zu erzählen.

Dreissigster Abend.

Vater. Nun, Kinder, das Schicksal unsers Robinsons ist seiner Entscheidung nahe. In einigen Stunden ist das los geworfen; und dan wird es sich zeigen, ob er abermals ohne hoffnung einer Erlösung auf seiner Insel bleiben, oder ob ihm endlich sein langer heisser Wunsch, einmal wieder zu seinen Eltern zu kommen, gewähret werden sol?

Es komt nämlich nun darauf an, ob der Schifskapitain durch hülfe derjenigen Matrosen, die er begnadiget hat, das schiff wieder erobern kan, oder nicht? Ist jenes, so haben die Mühseligkeiten unsers Freundes ein Ende; ist aber dieses, ja so bleibt alles, wie es war, und es ist an keine Erlösung für ihn zu denken.

Der Begnadigten, welche sich jetzt vor der Burg versamlet hatten, waren zehn. Robinson deutete ihnen im Nahmen des Stadtalters an, dass ihr Verbrechen ihnen unter der Bedingung verziehen werden sollte, wenn sie ihren rechtmässigen Vorgesezten behilflich wären, wieder Besiz von seinem Schiffe zu nehmen. Da nun alle die heiligste Versicherung gaben, dass sie diese Bedingung gern und treulich erfüllen würden: so fügte Robinson hinzu, dass sie hierdurch nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch zugleich das Leben ihrer noch gefangenen Kameraden retten könnten, die, im Fal, dass das schiff nicht erobert würde, morgen mit Anbruch des Tages samt und sonders gehengt werden sollten.

Eben dieses Urteil wurde auch den Gefangenen kund getan. Dan führte man beide Parteien, die Gefangenen und die Freigelassenen, zusammen, damit diese durch jene in ihrer Treue bestärkt werden mögten. unterdessen muste der Schifszimmerman in aller Eile den durchlöcherten Boden des einen Boots ausbessern; und da dieses geschehen war, wurden beide Böte in der grössten Geschwindigkeit wieder aufs wasser gebracht. Darauf ward beschlossen, dass der Schifskapitain das eine, der Steuerman hingegen das andere Boot kommandiren, und dass die Manschaft unter sie verteilt werden sollte. Alle wurden mit Gewehr und Munizion versehen, und, nachdem darauf Robinson den Schifskapitain umarmt und ihm Glück zu seiner Unternehmung gewünscht hatte, ging jener unter Segel.

Nikolas. Das wundert mich doch, dass Robinson nicht mit ging!

Vater. Es war nicht Furchtsamkeit, sondern vernünftige überlegung, die ihn zurück hielt. Die Gefangenen hätten losbrechen, hätten in seiner Abwesenheit sich der Burg bemächtigen können; und dieser einzige sichere Aufentalt, der zugleich alle Hülfsmittel zu seiner Glückseeligkeit entielt, war ihm viel zu wichtig, als dass er ihn so leichtsinnig hätte aufs Spiel sezen können. Der Kapitain hatte ihm daher selbst geraten, dass er mit seinem Freitag zur Beschüzung dieses Orts zurück bleiben mögte.

Robinson, dessen ganzes schicksal jetzt entschieden werden sollte, konte vor Unruhe und Beängstigung keine bleibende Stäte finden. Bald sezt' er sich in seiner Höhle nieder, bald stieg er wieder auf den Wal, bald kletterte er die Strikleiter hinan, um von dem Gipfel des Hügels hinab durch die stille Nacht hin zu horchen, ob er nicht von dem Schiffe her irgend etwas hören könnte. ungeachtet er den ganzen Tag über fast nichts gegessen hatte, so war's ihm doch unmöglich, etwas zu geniessen. Seine Unruhe wuchs mit jedem augenblicke, weil das verabredete Signaldrei Kanonenschüsse