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nun sehr ermattet waren, sich durch Speise und Trank erquikken. Dan kam der Vornehmste unter ihnen mit einem grossen Beutel vol Geld zum Schifskapitain und sagte: »Dies wäre das einzige, was sie von dem Schiffe hätten mitnehmen können. Er überreiche es ihm, als einen kleinen Beweis der Dankbarkeit, die sie für die Erhaltung ihres Lebens ihm schuldig wären

»Gott bewahre mich, antwortete der Schifskapitain, dass ich ihr Geschenk annehmen sollte! Ich habe weiter nichts getan, als was die Menschlichkeit mir zu tun gebot und ich bin versichert, dass sie eben das an uns würden getan haben, wenn sie in unserer Stelle, und wir in der Ihrigen gewesen wären

Vergebens nötigte ihn der dankbare Mann, dass er es doch annehmen mögte: er blieb bei seiner Weigerung und bat ihn, davon zu schweigen. – Darauf entstand die Frage: wohin die Geretteten denn nun gebracht werden sollten? Sie nach Guinea mitzunehmen, ging, um einer zweifachen Ursache willen, nicht wohl an. Denn erstlich warum sollten die armen Leute eine so weite Reise nach einem land machen, wo sie nichts zu tun hatten? Und dan, so waren auf dem Schiffe nicht so viel Lebensmittel vorhanden, dass so viel Menschen bis dahin genug daran gehabt hätten.

Endlich beschloss der brave Schifskapitain, sich die Mühe nicht verdriessen zu lassen, dieser armen Leute wegen, ein Paar hundert Meilen umzuschiffen, um sie erst nach Terreneuve zu bringen, wo sie gelegenheit haben würden mit französischen Stokfischfängern wieder nach Frankreich zurück zu kehren.

Lotte. Was sind das für Leute die Stokfischfänger?

Johannes. Weist du nicht mehr, was uns Vater erzählt hat von den Stokfischen, wie sie da oben aus dem Eismeere herunter kommen bis nach den Sandbänken bei Terreneuve, wo sie in so grosser Menge gefangen werden?

Lotte. Ach ja! Nun weiss ich schon.

Johannes. Sieh, das ist Terreneuve, was hier oben dichte bei Amerika liegt, und die Punkte da bedeuten die Sandbänke! – Na, die Leute die die Stokfische fangen, die heissen die Stokfischfänger.

Vater. Man fuhr also dahin; und weil es gerade in der Zeit war, da die meisten Stokfische gefangen werden, so fand man auch französische Schiffe da, welche diese unglücklichen Leute aufnehmen konnten. Ihre Dankbarkeit gegen den guten Schifskapitain lässt sich mit Worten nicht beschreiben.

Sobald dieser sie an Ort und Stelle gebracht hatte, kehrte er mit gutem Winde wieder zurück, um seine eigentliche Reise nach Guinea fortzusezzen. Das schiff flog durch die Wellen, wie ein Vogel durch die Luft, und in kurzer Zeit hatten sie wieder einige hundert Meilen zurück gelegt. Das war etwas für unsern Robinson, dem's nie zu geschwind gehen konte, weil er ein unruhiger Geist war!

Einige Tage darauf, da sie immer südwärts gesteuert hatten, wurden sie plözlich eines grossen Schiffes gewahr, welches nach ihnen zu hielt. Bald darauf hörten sie, dass es einige Notschüsse tat, und bemerkten nun, dass es den Fokmast und den Boegspriet verloren habe.

Nikolas. Den Boegspriet?

Vater. Ja; du weist doch noch, was das ist?

Nikolas. Ach ja, der kleine Mastbaum, der nicht so, wie die andern, grade in die Höhe gerichtet, sondern nur so schief hingestellt ist auf dem Vorderteil des Schiffes, als wenn's der Schnabel des Schiffes wäre!

Vater. Ganz recht. Sie steuerten also auf dieses beschädigte schiff zu, und da sie nahe genug gekommen waren, um mit den Leuten, die darauf waren, reden zu können; schrien ihnen diese mit aufgehobnen Händen und mit kläglichen Gebehrden zu:

»Rettet, guten Leute, o rettet ein schiff vol Menschen, die alle des Todes sein müssen, wenn ihr euch ihrer nicht erbarmet

Man fragte sie hierauf, worin ihr Unglück denn eigentlich bestehe? und da erzählte einer von ihnen folgender Gestalt:

»Wir sind Engländer, die nach der französischen Insel Martinike – (Seht hier, Kinder; dies ist sie, hier mitten in Amerika!) – schiften, um eine Ladung Kaffebohnen zu holen. Da wir alda vor Anker lagen und bald wieder abreisen wolten, gingen unser Schiffer und der Obersteuerman eines Tages ans Land, um noch etwas einzukaufen. unterdessen erhob sich ein so gewaltiger und zugleich wirbelnder Sturmwind, dass unser Ankertau zerriss und wir aus dem Hafen in das weite Meer hinausgetrieben wurden. Der Orkan

Gotlieb. Was ist das?

Vater. Ein solcher heftiger und wirbelnder Sturmwind, der daraus entsteht, wenn mehrere starke Winde von verschiedenen Seiten gegen einander blasen. – »Der Orkan also wütete drei Tage und drei Nächte; wir verlobten unsere Masten und wurden einige hundert Meilen fortgetrieben. Zum Unglück versteht sich keiner von uns auf die Schiffart; schon neun Wochen werden wir so herum geworfen, all' unsere Lebensmittel sind verzehrt, und die meisten von uns sind schon halb tot gehungert

Der gute Schifskapitain liess sogleich das Boot aussezen, nahm einen Vorrat von Lebensmitteln zu sich und fuhr, nebst Robinson, selbst nach diesem Schiffe hin.

Sie fanden die Leute des Schifs in dem kläglichsten Zustande. Alle sahen so verhungert aus, und viele unter ihnen konnten kaum mehr auf den Füssen stehen. Aber da sie in die Kajüte gingenGott! was für ein schreklicher anblick zeigte sich ihnen da erst! Eine Mutter mit ihrem Sohn und einem jungen Dienstmädchen lagen, allem Ansehen nach,