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, die Leiber ihrer Verstorbenen mitten in den Städten, ja sogar in den Kirchen beizusezen, wo sie Seuchen und Tod für die Lebenden aushauchten.

Matias. I das tun sie ja noch!

Vater. Leider! Und das sei euch abermals ein Beispiel, wie schwer es den Menschen fält, böse Gewohnheiten wieder abzuschaffen. Deswegen eben rate ich euch so oft, dass ihr euch ja bestreben möget, frühzeitig Weise und gut zu werden. Denn hat man Torheiten und Laster erst einmal angenommen und sind sie unglücklicher weise uns erst zur Gewohnheit geworden: o dan hält es sehr, sehr schwer, sie jemahls wieder abzulegen, wenn man ihre Schädlichkeit auch noch so deutlich erkant hat.

Jederman weiss jetzt, dass die Ausdünstungen der toten Körper für die Lebenden vergiftend sind: aber fährt man nicht dem ungeachtet fort, sie auf den Kirchhöfen in der Stadt zu begraben, oder gar in Kirchengewölbe zu sezen, wo sie nicht einmal mit Erde bedekt sind. Vielleicht wird noch ein ganzes Jahrhundert verstreichen, ehe es den Menschen einfällt, an die Abschaffung dieses bösen Gebrauches mit Ernst zu denken.

Hans. Ich wolte nur, dass ich etwas zu befehlen hätte: so solt's nicht lange mehr währen!

Vater. Sieh da, lieber Hans, eine der vorzüglichsten Ursachen, die dich und alle andere jungen Leute bewegen muss, euch recht viele und grosse Verdienste zu erwerben, diese nämlich: weil alsdan eure Mitmenschen viel Vertrauen auf euch sezen und euch zu Aemtern hervorziehen werden, die euch berechtigen, viele schädliche Missbräuche abzuschaffen und viele nüzliche Einrichtungen einzuführen. Euch alle scheint der Himmel dazu bestimt zu haben, solche viel vermögende Menschen zu werden, die ein Seegen für die ganze Geselschaft ihrer Mitbürger sein können: denn alles, was dazu gehört, hat seine gütige Vorsehung an euch verwandt. Sie hat euch lassen von guten, rechtschaffenen Eltern gebohren werden, welche das Vertrauen und die Liebe ihrer Mitbürger haben; sie hat euch einen gesunden Leib und unverwahrlosete Selenkräfte gegeben, und lässt euch nun auch eine Erziehung angedeien, deren sich noch nicht viele Menschen rühmen können. Alles also, was dazu gehört, ein treflicher vielvermögender Man zu werden, hat der gütige Himmel euch verliehen: Schande für den, der nun nicht wolte!

Doch das besorge ich nicht von euch. Soltet ihr also, wie ich zu Gott hoffe, eure grosse Bestimmung erreichen; soltet ihr wirklich solche Männer werden, welche Einfluss auf die Glückseeligkeit von tausend andern Menschen haben: o so braucht doch ja das Ansehen, welches man euch verwilligen wird, dazu, des Bösen immer weniger, des Guten immer mehr zu machen unter euren Brüdern, und Freud' und Glückseeligkeit rund um euch her zu verbreiten! Dan erinnert euch auch der heutigen Veranlassung zu dieser meiner väterlichen Ermahnung und beweget, wenn ihr könt, eure Mitbürger, die Leichname ihrer toten an solchen Oertern zu verscharren, wo ihre Ausdünstungen keine Pest unter den Lebenden verursachen können.

Nikolas. Wenn ich nur wieder in die Stadt komme: so will ich's meinem Grosvater und meinen Onkeln sagen; die sollens wohl machen!

Vater. Tue das, lieber Nikolas!

Robinson und seine gefährten waren jetzt mit dem Verbrennen der toten Körper fertig und gingen wieder nach haus. Freitag hatte unterdessen seinen Vater gelehrt, dass gesittete Leute kein Menschenfleisch ässen, welches diesem anfangs auch gar nicht recht einleuchten wolte. Aber Freitag fuhr fort, ihm alles dasjenige wieder zu erzählen, was er selbst von seinem Herrn gelernt hatte, und brachte ihn dadurch in kurzer Zeit zu einem wahren Abscheu gegen diese unmenschliche Gewohnheit. Diesem Alten gab Robinson aus dem grund, weil er doch eher, als sein Sohn gewesen wäre, den Nahmen Donnerstag; und so wollen wir ihn denn künftig auch nennen.

jetzt berief Robinson Alle zu einer Ratsversamlung, in welcher Freitag abermals sein Dolmetscher so wohl gegen den Spanier, als auch gegen den alten Donnerstag, sein muste. Er selbst, als das Haupt der übrigen, eröfnete die Sizung mit folgender kurzen Anrede:

»Meine guten Freunde, wir, die wir hier versamlet sind, sehen uns jetzt im Besize aller derjenigen Dinge, die zu einem ruhigen und vergnügten Leben erfodert werden. Aber ich für mein teil werde dieses Seegens doch nicht mit ruhigem Herzen geniessen können, so lange es Menschen gibt, die ein grösseres Recht, als ich, dazu hätten, und die demohngeachtet in Mangel und Elend hinschmachten müssen. Eure Landsleute, europäischer Freund, die unter den Wilden noch zurückgebliebenen Spanier, meine ich. Es ist daher mein ernstlicher Wille, dass mir jeder von euch seine Gedanken eröfne, wie wir es am klüglichsten anzufangen haben, um diese Notleidenden mit uns zu vereinigen

Er schwieg; und jeder liess nun seine Meinung hören. Der Spanier erbot sich, in einem der erbeuteten Kähne allein hinzufahren, um sie abzuholen. Ein Gleiches zu tun, war auch Donnerstag bereit. Freitag hingegen riet, dass sein alter Vater zurückbleiben, und dass es ihm vielmehr vergönt sein mögte, den Spanier zu begleiten. Da nun hierüber ein grossmütiger Wetstreit entstand, indem der Eine noch lieber, als der Andere, sein Leben wagen wolte: so sah sich Robinson endlich genötiget, einen entscheidenden Ausspruch zu tun, dem alle, wie es sich geziemte, freudigst sich unterwarfen. Dieser fiel dahin aus, dass Donnerstag und der Spanier abreisen, Freitag hingegen bei ihm zurückbleiben sollte.

Karl. Warum schikt' er aber nicht lieber