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ja nicht überzeugt, dass er vorher im Irtum gewesen sei. Und was kan uns ein Bekentniss nüzen, von dessen Wahrheit wir nicht überzeugt sind? – Und denn, woher weiss denn der Erste so ganz gewiss, dass der Andere, den er zu seinem Glauben zwingen will, im Irtum sei? Könt' es nicht auch möglich sein, dass er, er selbst, sich darin befände?

Hans. O ja!

Vater. Warum?

Hans. Weil alle Menschen irren können.

Vater. Und sich also keiner einfallen lassen darf, seine Meinungen für untrügliche Wahrheit zu halten!

Gott also, lieben Kinder, Gott allein, als dem einzigen Untrieglichen, kömt es zu, Richter unsers Glaubens zu sein. Er allein weiss ganz genau, wie viel Wahrheit oder Irtum in unseren Meinungen sei; er allein weiss auch ganz genau, wie redlich, oder wie leichtsinnig wir bei der Erforschung der Wahrheit zu Werke gegangen sind; er allein weiss auch also nur, in wie fern wir an unserm Irtume schuldig, oder unschuldig sind.

Unser Robinson stelte sich die Sache ungefähr eben so vor. Verwünscht, rief er daher aus, verwünscht sei der unvernünftige Eifer, jemanden mit Gewalt zu seinem Glauben bekehren zu wollen! Verwünscht die blinde Wut, seinen Bruder zu verfolgen und zu quälen, bloss weil er so unglücklich ist zu irren und so tugendhaft, nichts mit dem mund bekennen zu wollen, wovon er in seinem Herzen noch nicht überzeugt ist! Auf meiner Insel wenigstens sol diese Unmenschlichkeit nie stat finden. Zwar will ich tun, was ich kan, um meine neuen Mitbürger zu belehren: aber solt' ich nicht so glücklich sein, sie von ihrem Irtume und von der Wahrheit meiner Religion zu überzeugen: so mögen sie glauben, was sie können und nicht mirihrem irrenden Mitbrudersondern Gott einst Rechenschaft davon geben.

Es ward also beschlossen, dass Allen ohne Ausnahme, eine freie Religionsübung zugestanden werden sollte, fals sie, nach erhaltenem Unterrichte, nicht selbst für gut finden sollten, einen und eben denselben Glauben anzunehmen.

Mitlerweile war Freitag zurückgekommen und nun ging's frisch ans Kochen und ans Braten. Dieser Tag, sagte Robinson, muss uns ein doppelter Festtag sein, weil wir zwei unserer Brüder aus den Klauen menschlicher Tiger gerissen haben, und weil du, Freitag, deinen Vater wieder erhalten hast. Das Beste also, was wir haben, sol heute auf unserm Tische sein!

Freitag bedurfte nicht, zur Freude erst ermuntert zu werden. Noch nie war er so lustig gewesen, als heute. Er hörte gar nicht auf, zu singen, zu springen und zu lachen; doch verrichtete er dabei alles, was er zu tun hatte, auf das hurtigste und ordentlichste; und wenn man das tut, so ist Lustigkeit kein Fehler.

jetzt waren die beiden Gäste erwacht. ungeachtet sie noch einige Schmerzen empfanden, so fühlten sie sich doch schon so erquikt und gestärkt, dass sie, mit Freitags und Robinsons hülfe aufstehen und sich zu Tische sezen konnten. Und nun bezeigte sich der alte Wilde bei allem, was er hier sah, eben so verwundrungsvol und erstaunt, als sein Sohn gewesen war, da er die europäischen Sachen zum erstenmahle sah.

Freitag muste seinem Herrn zum Dolmetscher dienen, indem dieser sich mit seinem Vater und mit dem Spanier unterredete.

Ferdinand. Verstand er denn Spanisch?

Vater. Nein! Aber der Spanier der schon ein halbes Jahr unter den Wilden gelebt hatte, verstand schon etwas von Freitags Landessprache, und konte sich also gegen ihn einigermaassen verständlich machen. Der Hauptinhalt seiner Erzählung war folgender:

»Unser schiff war zum Sklavenhandel bestimt. Wir kamen von der afrikanischen Küste, wo wir gegen allerlei europäische Sachen, Goldkörner, Elfenbein, und schwarze Menschen eingetauscht hatten. Der leztern hatten wir hundert geladen, die nach Barbados geführt und alda verkauft werden sollten. Zwanzig davon waren aber schon gestorben, weil man sie, wie die Heringe, eingepakt hatte. Ein anhaltender gewaltiger Sturm verschlug uns von unserm Laufe bis an die Küste von Brasilien und weil unser schiff dabei lek geworden war: so getraueten wir uns nicht wieder auf die hohe See zu fahren, sondern steuerten vielmehr längst der Küste des festen Landes herauf. Plözlich überfiel uns ein abermahliger Sturm, der aus Westen bliess. Dieser trieb uns wütend von dem festen land weg und warf uns zur Nachtzeit, ohnweit einer Insel, auf Felsen. Wir taten einige Notschüsse und waren entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, so lange es möglich sein wurde. In dieser Absicht löseten wir die Fesseln der gefangenen Schwarzen, damit sie helfen sollten, das eindringende wasser auszupumpen. Aber diese fühlten sich kaum auf freien Füssen, als sie sich einmütig der Böte bemächtigten, um damit ihre Freiheit und ihr Leben zu retten.

Was wolten wir nun tun? Sie zwingen konnten wir nicht; denn unserer waren nur funfzehen, ihrer hingegen achtzig und viele unter ihnen hatten sich überdem unserer Waffen bemächtiget. Ohne Boot aber auf einem gestrandeten Schiffe zurück zu bleiben, war sichtbare Todesgefahr. Wir legten uns also aufs Bitten und suchten diejenigen, welche kurz vorher unsere Sklaven gewesen waren, durch unser Flehen zu bewegen, entweder zu bleiben, oder uns wenigstens mit zu nehmen. Und hier kan ich nicht umhin, die Grossmut und Menschlichkeit dieser armen Sklaven zu rühmen. ungeachtet unser Verfahren gegen sie sehr hart gewesen war, liessen sie sich doch von Mitleid rühren, und erlaubten uns