auf den Spanier. jetzt können wir es immer mit einer ganzen Legion dieser Armseeligen aufnehmen, besonders wenn wir ihren Anfal hinter Wal und Mauer erwarten wollen.
Lotte. Das war doch wieder recht schön von Robinson, dass er die andern Wilden nicht auch tot machen wolte!
Vater. Allerdings war das gut gehandelt; denn grausam würde' es gewesen sein, ohne dringende Not ein Einziges dieser armen Geschöpfe zu erwürgen, die gar keinen Begrif davon hatten, dass das, was sie taten, etwas Böses sei, und die sogar in dem traurigen Irtume standen, dass es etwas Verdienstliches sei, recht viele Feinde geschlachtet und verzehrt zu haben.
Christel. O das hätten sie doch auch wohl wissen können, dass das nicht hübsch sei!
Vater. Und woher, lieber Christel, hätten sie das denn wohl wissen können?
Christel. O das weiss ja das kleinste Kind, dass es nicht recht ist, einen umzubringen, um ihn aufzuessen!
Vater. Aber woher weiss denn dieses das kleinste Kind? Nicht wahr, weil es frühzeitig belehrt worden ist?
Christel. Ja!
Vater. Und wenn's nun nicht belehrt worden wäre? Wenn sogar seine Eltern und andere erwachsene Menschen, die es liebte und ehrte, ihm von früher Kindheit an immer vorgesagt hätten, dass es etwas sehr schönes sei, seine Feinde zu ermorden und aufzuessen?
Christel. Ja denn –
Vater. Nicht wahr, dan würde' es wohl schwerlich einem kind jemahls einfallen, das Gegenteil zu vermuten? Es wurde vielmehr, sobald es gross genug dazu wäre, mit schlachten und mit verzehren helfen. Und das war der Fall worin diese armen Wilden sich befanden. Wohl uns, dass Gott uns nicht unter ihnen, sondern von gesitteten Eltern hat lassen geboren werden, die uns frühzeitig lehrten, was recht und unrecht, was gut und böse sei!
Unser menschenfreundlicher Held ging jetzt mit Tränen des Mitleids im Auge auf dem Schlachtfelde umher, um zu sehen, ob nicht Einem oder dem Andern von denen, die noch lebten, vielleicht noch geholfen werden könnte? Aber die Meisten waren schon verschieden; und die übrigen starben bald unter seinen Händen, indem er ihnen Wein in die Wunden goss und sie auf alle Weise zu ermuntern suchte. Es waren der toten überhaupt ein und zwanzig. Die siegende Armee betreffend, so war kein Man von ihr gefallen, nicht einmal einer verwundet worden; nur dass der Spanier, da er zu Boden geworfen war, eine Beule davon getragen hatte.
Matias. Wie mogte denn der Spanier den Wilden in die hände gefallen sein?
Vater. Darnach zu fragen, hat Robinson noch nicht Zeit; also müssen wir gleichfalls unsere Neugierde bis Morgen sich gedulden lassen.
Alle. O schon wieder aus?
Sieben und zwanzigster Abend.
Matias. Na, Vater, wie war denn der Spanier unter die Wilden gekommen?
Vater. Nur noch ein wenig Geduld, so wirst du's hören! Es hat sich unterdessen noch etwas Anderes ereignet, welches ich zuerst erzählen muss.
Johannes. Nun, das sol mich wundern!
Vater. Robinson war neugierig, einen der beiden zurückgelassenen Kanoes zu besichtigen; trat also hinzu und fand in einem derselben zu seiner grossen Verwunderung noch einen unglücklichen Menschen liegen, der so, wie der Spanier, an Händen und Füssen fest geknebelt war. Er schien mehr tot, als lebendig zu sein.
Robinson eilte, seine Bande aufzulösen, und wolte ihm aufhelfen. Allein er war weder im stand zu stehen, noch zu reden, sondern winselte nur erbärmlich, weil er vermutlich in der Meinung stand, dass man ihn jetzt zur Schlachtbank führen wolte.
Da dieser kein Europäer, sondern ein Wilder war: so rief Robinson seinen Freitag herbei, der eben die toten Körper zusammen schlepte, um in seiner Landessprache mit ihm zu reden. Aber kaum hatte dieser ihn recht ins Auge gefasst, so erfolgte ein Auftrit, dem Robinson und der Spanier nicht ohne Tränen beiwohnen konnten. Freitag war nämlich auf einmal, wie ausser sich. Er flog dem Gefangenen in die arme, küsste, drückte ihn, schrie, lachte, hüpfte, tanzte, weinte, rang die hände, zerschlug sich Gesicht und Brust, schrie wiederum und bezeugte sich durchaus, als ein Wahnwiziger. Es dauerte eine gute Weile, ehe Robinson auf sein wiederhohltes fragen, die Antwort von ihm heraus brachte: mein Vater!
Es ist unmöglich alle Aeusserungen der Entzükkung und der kindlichen Liebe dieses guten Burschen zu beschreiben. Zwanzig mahl sprang er aus dem Kahne und wieder in den Kahn. Bald sezt' er sich nieder, machte seine Jakke auf und legte seines Vaters Kopf an seine Brust, um ihn zu erwärmen; bald rieb er ihm die arme und Knöchel, welche von dem festen Binden steif geworden waren; bald fiel er ihm wieder um den Hals oder um den Leib und bedekte ihn mit liebevollen Küssen. Robinson hatte noch etwas Wein in der Flasche, womit er ihn die angelaufenen Gliedmassen seines Vaters bestreichen liess; und ging, um ihn seiner Freude ganz zu überlassen, ein wenig auf die Seite.
Da er nach einer guten Weile zurückkam, fragt' er ihn: ob er seinem Vater nicht ein bischen Brod gegeben hätte? »Der Schlingel hat alles selber aufgegessen!« antwortete Freitag, indem er auf sich selbst wies. Robinson reichte ihm darauf sein eigenes Frühstük, welches er noch in der tasche hatte, und Freitag gab es