die Kanone, nachdem sie mit Kugeln, Schroot und Pulver sich hinlänglich versorgt hatten. So ging der kriegerische Zug in stiller, furchtbarer Feierlichkeit zum Tor hinaus.
Nachdem sie über die Zugbrükke gegangen waren, machten sie Halt. Dan muste Freitag wieder umkehren, um die Zugbrükke aufzuziehen, das Tor zu verschliessen und durch hülfe der Strikleiter, die noch immer den Fels herab hing, sich mit dem Heerführer wieder zu vereinigen. Diese Vorsichtigkeit wandte Robinson auf den Fal an, dass ihr Unternehmen einen unglücklichen Ausgang hätte; damit die Feinde sich alsdan ihrer Burg nicht bemächtigen mögten.
Und nun eröfnete Robinson seinen wohlüberdachten Plan. »Wir wollen, sagt' er, um den Berg herum durch den Wald, wo er am dichtesten ist, marschiren, damit der Feind keine Kundschaft von uns bekomme. Dan wollen wir uns ihnen in dem dikken Gebüsche, welches sich beinahe bis an den Strand erstrekt, so sehr nähern, als wir, ohne gesehen zu werden, nur immer können, und wenn wir bis dahin gekommen sind, wollen wir plözlich eine Kanonenkugel über ihre Köpfe hinschiessen. (Er hatte in dieser Absicht eine brennende Lunte mitgenommen.) Vermutlich werden die Barbaren dadurch so sehr erschrekt werden, dass sie ihre Beute im Stiche lassen und sogleich in ihren Böten die Flucht ergreifen.«
Freitag fand dies sehr wahrscheinlich.
»Dan, fuhr Robinson fort, werden wir die Freude geniessen, die Unglücklichen, die sie braten wolten, gerettet zu haben, ohne dass ein einziger Tropfen Menschenbluts dabei vergossen worden ist. sollte aber, wider Vermuten, unsere hoffnung fehlschlagen; sollten die Kanibalen auf ihre Menge trozen und sich nicht zur Flucht verstehen wollen: dan, lieber Freitag, müssen wir zeigen, dass wir Männer sind, und der Gefahr, der wir uns in der besten Absicht ausgesezt haben, mutig entgegen gehen. Der, welcher alles sieht, weiss, warum wir unser Leben wagen, und wird es uns gewiss erhalten, wenn's uns nüzlich ist. Sein Wille geschehe!«
Er reichte hierauf seinem Mitstreiter die Hand, und beide gelobten sich einen gegenseitigen treuen Beistand bis auf den lezten Blutstropfen.
Mitlerweile waren sie mit leisen Schritten beinahe bis ans Ende des Gebüsches gekommen, und machten Halt. Hier flüsterte Robinson seinem gefährten ins Ohr, er sollte so vorsichtig, als möglich, sich hinter einen grossen Baum schleichen, den er ihm zeigte, und ihm Bescheid bringen, ob man von da aus den Feind übersehen könnte. Freitag kam mit der Nachricht zurück, dass man sie alda volkomen gut beobachten könnte; sie sässen alle ums Feuer herum und nagten an den gebratenen Gebeinen des Einen der Gefangenen der schon geschlachtet wäre; ein Zweiter liege in einiger Entfernung gebunden auf der Erde, und den würden sie nun auch bald abschlachten; dieser schiene aber keiner von seiner Nazion, sondern ein weisser bärtiger Man zu sein.
Robinson glühete, besonders da er von dem weissen mann hörte. Er hatte ein von dem Schiffe gerettetes Fernglas zu sich gestekt; mit diesem schlich er selbst nach dem Baume und fand was Freitag ihm berichtet hatte. Vierzig bis funfzig Kanibalen sassen um das Feuer herum und den noch übrigen Gefangenen erkant' er ganz deutlich für einen Europäer.
Nun hatte' er Mühe sich zu halten. Sein Blut fing an zu kochen; sein Herz pochte laut, und wenn er seiner Begierde hätte folgen wollen, so wär' er unverzüglich hervorgesprungen, um ein Blutbad unter ihnen anzurichten. Aber die Vernunft galt ihm mehr, als blinde leidenschaft; von ihr also liess er sich leiten und hielt seinen Unwillen im Zaum.
Das Gebüsch lief an einer andern Stelle etwas weiter hervor; dahin wandt' er sich also; pflanzte die Kanone hinter den lezten Busch, welcher eine kleine, von fern unbemerkbare Oefnung hatte, und richtete sie so, dass die Kugel hoch über den Köpfen der Wilden hinfliegen muste, um ihnen kein Leides zuzufügen. Dan flüsterte er Freitag ins Ohr: er sollte ihm alles genau nachmachen.
Hierauf legt' er zwei Flinten auf die Erde und die dritte behielt er in der Hand; Freitag tat ein Gleiches. Dan hielt er die brennende Lunte auf das Zündloch der Kanone und puf! – fuhr der Schuss dahin.
In dem augenblicke, dass der Knal gehört wurde, stürzten die meisten Wilden von ihrem Rasensize zur Erde, als wenn sie mit einem mahle alle wären erschossen worden. Robinson und Freitag hingegen standen vol Erwartung des Ausganges und hielten sich, fals es sein müste, bereit zum Kampfe. Nach einer halben Minute waren die betäubten Wilden wieder auf den Füssen. Die Furchtsamsten unter ihnen ranten nach den Kähnen, die Herzhafteren hingegen ergriffen die Waffen.
Zum Unglückke hatten sie von dem Kanonenschusse, weder den Bliz des Pulvers, noch die über sie hinfliegende Kugel wahrgenommen; sondern nur allein den Knal gehört. Ihr Schrekken war daher auch nicht so gross, als man erwartet hatte; und da sie nun rund um sich herblikten, und nirgends etwas sahen, welches sie von neuem hätte erschrekken können: so fingen sie plözlich an, sich wieder zu erhohlen; die Flüchtlinge kehrten zurück; Alle erhoben ein fürchterliches Geheule und begannen, indem sie unter den grimmigsten Gebehrden ihre Waffen schwenkten, den ihnen gewöhnlichen Kriegestanz.
Noch stand Robinson unentschlossen da, bis der Kriegestanz geendiget war. Als er aber darauf zu seinem Erstaunen sehen muste, dass die wilde Geselschaft sich wieder lagerte und zwei von ihnen hingesandt wurden, um den