Vorbericht.
Wenn ich die mannigfaltigen Zwekke, die ich bei der Ausarbeitung dieses Werkchens vor Augen hatte, nicht alle verfehlt habe, so liefere ich hier ein Buch, welches in mehr, als einer, Hinsicht Nuzen verspricht. Ich will diese Zwekke kürzlich darlegen, um einen jeden in den Stand zu sezen, sie mit der Ausführung zusammen zu halten. Das wird dan auch den Vorteil haben, dass angehende Erzieher daraus den Gebrauch ersehen können, den ich von diesem buch gemacht wünsche.
Erstlich wolte ich meine jungen Leser auf eine so angenehme Weise unterhalten, als es mir möglich wäre; weil ich wusste, dass die Herzen der Kinder sich jedem nüzlichen Unterrichte nicht lieber öfnen, als wenn sie vergnügt sind. Auch darf ich hoffen, diese meine erste Absicht in einem ziemlichen Grade erreicht zu haben.
Dan nahm ich mir zweitens vor, an den Faden der Erzählung, die in diesem buch zum grund liegt, so viel elementarische Kentnisse zu schürzen, als es, ohne meinem ersten Zwekke Eintrag zu tun, nur immer geschehen könnte. Ich verstehe aber unter den elementarischen Kentnissen nicht etwa bloss litterarische, sondern auch vornehmlich solche, welche den eigentlichen litterarischen oder wissenschaftlichen Elementen vorgehen müssen; nämlich alle die Vorbegriffe von Dingen aus dem häuslichen Leben, aus der natur und aus dem weitläuftigen Kreise der gemeinen menschlichen Wirksamkeit, ohne welche jeder andere Unterricht einem Gebäude gleicht, das keine Grundlage hat.
Nebenbei wolte ich freilig auch drittens manche nicht unerhebliche litterarische Vorerkentniss, besonders aus der Naturgeschichte, mitnehmen, weil es sich auf einem Wege tun liess. Denn warum hätt' ich nicht, stat der erdichteten Dinge, womit die geschichte des alten Robinsons aufgestuzt ist, lieber wahre Gegenstände, wahre Produkte und Erscheinungen der natur – und zwar in Beziehung auf diejenigen Weltgegend, wovon die Rede ist, – in meine Erzählung aufnehmen sollen, da ich beide zu einem Preise haben, und mit beiden einerlei Absicht erreichen konte? Schon eine Ursache, warum ich von der geschichte des alten Robinsons bei der Meinigen wenig Gebrauch machen konte. Es werden sich mehrere finden.
Meine vierte und wichtigste Absicht war, die Umstände und begebenheiten so zu stellen, dass recht viele Gelegenheiten zu moralischen, dem verstand und dem Herzen der Kinder angemessenen Anmerkungen und recht viele natürliche Anlässe zu frommen, gottesfürchtigen Empfindungen dadurch hervorwüchsen. Auch um dieser Ursache willen musste ich mir einen eigenen Stof nach meinem jedesmahligen Bedürfnisse schaffen und von der alten geschichte abgehen. Derjenige also, der dies Buch bloss zur Leseübung für seine Kinder brauchen wolte, (welches gewöhnlicher Weise nicht das angenehmste Geschäft für sie ist) werde meinen angelegentlichsten Wunsch, – den Samen der Tugend, der Frömmigkeit und der Zufriedenheit mit den Wegen der göttlichen Vorsehung, in junge Herzen auszustreuen, gar sehr vereiteln. Es sol erwachsenen Kinderfreunden zum Vorlesen dienen und nur solchen Kindern selbst in die hände gegeben werden, die im Lesen schon eine zureichende Fertigkeit erlangt haben.
Meine fünfte Absicht hatte Beziehung auf eine dermalige epidemische Selenseuche, welche unter allen Kräften unserer gesamten körperlichen und geistigen natur, zu recht sichtbarer Verminderung der Summe unserer Lebensfreuden, seit einigen Jahren eine so fürchterliche Verwüstung angerichtet hat. Ich meine das leidige Empfindsamkeitsfieber. Zwar hat – dem Himmel sei Dank! – die Wut dieser moralischen Seuche in so fern wieder nachgelassen, dass sie nicht mehr eine Pestilenz ist, die am hellen Mittage verderbet, weil wohl keiner mehr das Schild der Empfindsamkeit öffentlich auszuhängen wagt: aber nichts destoweniger ist sie noch bis auf diesen Tag eine Seuche geblieben, die im Finstern schleicht, und gleich andern Krankheiten, deren man sich schämt, an der Gesundheit der menschlichen Sele im Verborgenen nagt. Nichts hat mich mehr dabei gejammert, als zu sehen, dass man das sässe einschmeichelnde Gift dieser Krankheit auch unserer jungen Nachkommenschaft anzuhauchen und also auch das kommende Geschlecht eben so an Leib und Sele kränkelnd, eben so nervenlos, eben so unzufrieden mit sich selbst, mit der Welt, und mit dem Himmel zu machen suche, als es das gegenwärtige ist. Indem ich nun darüber nachdachte, welches wohl das wirksamste Gegengift wider diese Anstekkung sein mögte, stelte sich meiner Sele das Ideal eines buches dar, welches grade der Gegenfüssler der empfindsamen und empfindelnden Bücher unserer Zeit wäre; ein Buch, welches die Kinderselen aus der fantastischen Schäferwelt, welche nirgends ist, und in welche Andere sie hinzukörnen suchen, in diejenige wirkliche Welt, in der wir uns dermalen selbst befinden, und aus dieser in den ursprünglichen Zustand der Menschheit zurückführte, aus dem wir herausgegangen sind; ein Buch, welches jede in uns schlummernde phisische und moralische Menschenkraft wekte, anfeuerte, stärkte; ein Buch, welches zwar eben so unterhaltend und anziehend, als irgend ein Anderes wäre, aber nicht so, wie Andere, bloss zu untätigen Beschauungen, zu müssigen Rührungen, sondern unmittelbar zur Selbsttätigkeit führte; ein Buch, welches den jungen Nachahmungstrieb der Kindersele (den ersten unter allen Trieben, die bei uns zu erwachen pflegen) unmittelbar auf solche Gegenstände richtete, welche recht eigentlich zu unserer Bestimmung gehören, ich meine – auf Erfindungen und Beschäftigungen zur Befriedigung unserer natürlichen Bedürfnisse; ein Buch, worin diese natürlichen Bedürfnisse des Menschen mit den erkünstelten und eingebildeten, so wie die wahren Beziehungen der Dinge in der Welt auf unsere Glückseeligkeit, mit den fantastischen, anschaulich kontrastirten; ein Buch also endlich, welches Junge und Alte das Glück des geselligen Lebens, bei allen seinen Mängeln und unvermeidlichen Einschränkungen, recht mit Händen greifen liesse, und