zu haben. Jetzt war zwar sein Gemüt ganz ruhig, er schmeckte die süsse Freiheit in all ihrer Fülle; allein er war doch so betäubt und fast sinnlos, so dass er an seinen Zustand gar nicht dachte, und keine überlegung hatte. Als er eine Stunde durch wüste Oerter fortgewandelt war, so geriet er auf eine Landstrasse, und hier sah er ohngefehr eine Stunde vor sich hin auf der Höhe, ein Städchen liegen, wohin diese Strasse führte; er folgte derselben ohne einen Willen zu haben warum, und gegen elf Uhr kam er vor dem Tor an. Er fragte daselbst nach dem Namen der Stadt, und er vernahm, dass es Waldstätt war, wovon er zuweilen hatte reden hören. Nun ging er zu einem Tor hinein, gerad durch die Stadt durch, und zum andern wieder heraus. Daselbst traf er nun zwo Strassen, welche ihm beide gleich stark gebahnt schienen, er erwählte eine von beiden, und ging oder lief vielmehr dieselbe fort. Nach einer kleinen halben Stunde geriet er in einen Wald, die Strasse verlohr sich, und nun fand er keinen Weg mehr; er setzte sich nieder, denn er hatte sich müde gelaufen. Jetzt kam seine völlige Kraft zu denken wieder, er besann sich, und hatte keinen einzigen heller Geld bei sich, denn er hatte noch wenig oder gar keinen Lohn von Hochberg gefordert; doch war er hungrig. Er war in einer Einöde, und wusste weit und breit um sich her keinen Menschen der ihn kannte.
Jetzt fing er an und sagte bei sich selber: "Nun bin ich denn doch endlich auf den höchsten Gipfel der Verlassung gestiegen, es ist jetzt nichts mehr übrig, als betteln oder sterben; – das ist der erste Mittag in meinem Leben, an welchem ich keinen Tisch für mich weiss! ja, die Stunde ist gekommen, da das grosse Wort des Erlösers für mich auf der höchsten probe steht! Auch ein Haar von eurem Haupt soll nicht umkommen. – Ist das wahr, so muss mir schleunige hülfe geschehen, denn ich habe bis auf diesen Augenblick auf ihn getraut und seinem Worte geglaubt; – ich gehöre mit zu den Augen die auf den Herrn warten, dass er ihnen zur rechten Zeit Speise gebe und sie mit Wohlgefallen sättige; bin ich doch so gut sein geschöpf, wie jeder Vogel, der da in den Bäumen singt, und jedesmahl seine Nahrung findet, wenn es ihm Not tut." Stillings Herz war bei diesen Worten so beschaffen, als das Herz eines Kindes, wenn es durch strenge Zucht endlich wie Wachs zerfleusst, der Vater sich wegwendet und seine Tränen verbirgt. Gott! was das Augenblicke sind, wenn man sieht, wie dem Vater der Menschen seine Eingeweide brausen; und er sich vor Mitleiden nicht länger halten kann! –
Indem er so dachte, ward es ihm plötzlich wohl im Gemüte, und es war als wenn ihm jemand zuspräche: Geh in die Stadt, und such einen Meister! Im Augenblick kehrte er um, und indem er in eine seiner Taschen fühlte, so wurde er gewahr, dass er seine Scheere und Fingerhut bei sich hatte, ohne dass er es wusste. Er kam also wieder zurück, und ging zum Tor hinein. Er fand einen Bürger vor seiner Haustür stehen, diesen grüsste er und fragte: wo der beste Schneidermeister in der Stadt wohne? Dieser Mann rief ein Kind, und sagte ihm: da führe diesen Menschen bei den Meister Isaac! Das Kind lief vor Stilling her, und führte ihn in einen abgelegenen Winkel an ein kleines Häuschen, und ging darauf wieder zurück; er trat da hinein, und kam in die stube. Hier stunde eine blasse, magere, dabei aber artige und reinliche Frau, und deckte den Tisch, um mit ihren Kindern zu Mittag zu essen. Stilling grüsste sie und fragte: Ob er hier Arbeit haben könnte? Die Frau sah ihn an, und betrachtete ihn von Haupt bis zu Fuss. Ja! sagte sie sittsam und freundlich: mein Mann ist verlegen um einen Gesellen; wo seid Ihr her? Stilling antwortete: aus dem Salenschen land! Die Frau heiterte sich ganz auf, und sagte: da ist mein Mann auch her, ich will ihm rufen lassen. Er war mit einem Gesellen und Lehrburschen in einem Haus in der Stadt in Arbeit; sie schickte eines von den Kindern und liess ihm rufen. In ein paar Minuten kam Meister Isaac zur Tür herein; seine Frau sagte ihm, was sie wusste, und er fragte ferner was er gern wissen wollte; der Meister nahm ihn willig an. Nun nötigte ihn die Frau an den Tisch; und so war schon seine Speise bereitet gewesen, als er noch im Wald irre ging, und nachdachte: Ob ihm auch Gott diesen Mittag die nötige Nahrung bescheren würde.
Meister Isaac blieb da, und speiste mit. Nach dem Essen nahm er ihn mit in die Arbeit, bei einen Schöffen der sich Schauerhof schrieb; dieser war ein Brodbäcker, dabei ein hagerer langer Mann. So wie sich Meister Isaac und sein neuer Geselle gesetzt hatten, und anfiengen zu arbeiten, kam auch der Schöffe mit seiner langen Pfeiffe, setzte sich bei die Schneider, und fing mit Meister Isaac an zu reden, wo sie vorhin vermutlich aufgehört hatten.
Ja! sagte der Schöffe: ich stelle mir den Geist Christi als eine allentalben gegenwärtige Kraft vor, die überall in den Herzen der Menschen