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zulegen werden, und ich hoffe: Sie werden mir geben was ich verdiene."

Oui! Ihre Conduite wird determiniren, wie ich mich da zu verhalten habe.

Nun ging man an Tafel. Auch hier sah Stilling, wie viel er noch zu lernen hatte, eh er einmal Speiss und Trank nach der Mode in seinen Leib bringen konnte. Bei aller dieser Beschwerlichkeit spürte er eine heimliche Freude bei sich selbst, dass er doch nun endlich einmal aus dem Staube heraus, und in den Zirkel vornehmer Leute kam, wornach er so lange verlangt hatte. Alles was er sah, das zum Wohlstand und guten Sitten gehörte, das beobachtete er aufs genaueste, sogar übte er sich in geschickten Verbeugungen, wenn er allein auf seiner kammer war, und ihn niemand sehen konnte. Er sah diese Condition als eine Schule an, worin er Anstand und Lebensart lernen wollte.

Des andern tages fing er mit den beiden Knaben und dem Mädchen die Information an; er hatte alle seine Freude an den Kindern, sie waren wohl erzogen, und besonders sehr zärtlich gegen ihren Lehrer, und dieses versüsste alle Mühe. Nach einigen Tagen zog Herr Hochberg in die Messe. Dieser Abschied tat Stillingen sehr leid; denn er allein war der Mann, der mit ihm sprechen konnte; die andern redeten immer von solchen Sachen, die ihm ganz gleichgültig waren. So verflossen einige Wochen ganz vergnügt, ohne dass Stilling etwas zu wünschen hatte, ausser dass er doch endlich einmal bessere Kleider bekommen möchte. Er schrieb diese Veränderung an seinen Vater, und erhielt fröliche Antwort.

Herr Hochberg kam um Michaelis wieder. Stilling freuete sich bei seiner Ankunft, allein diese Freude dauerte nicht lange, alles veränderte sich vor und nach in eine betrübte Lage für ihn. Herr und Frau Hochberg hatten geglaubt, dass ihr Informator noch Kleider zu Schauberg habe. Da sie nun endlich sahen, dass er wirklich alles mitgebracht hatte, so fingen sie an, schlecht von ihm zu denken, und ihm nicht zu trauen; man verschloss alles vor ihm, war zurückhaltend, und oft merkte er aus ihren Reden, dass man ihn für einen Vagabunden hielte. Nun war alles in der Welt Stillingen eher möglich, als jemand nur eines Hellers wert zu entwenden, und deswegen war ihm dieser Umstand ganz unerträglich. Es ist auch gar nicht zu begreifen, woher doch die guten Leute auf einen so fatalen Einfall gerieten. Es ist indessen am aller wahrscheinlichsten, dass jemand unter dem Gesinde untreu war, der diesen Verdacht hinter seinem rücken auf ihn zu schieben suchte; und was noch das Schlimmste war, sie liessen ihn nichts deutliches merken, daher man ihm auch alle gelegenheit abgeschnitten, sich zu verteidigen.

Vor und nach machte man ihm sein Amt schwerer. So bald er des Morgens aufstund, ging er herunter in die stube; man trank sodann Caffee, um sieben Uhr war das geschehen, und sofort musste er mit den Kindern in die Schule, welche aus einem Kämmerchen bestund, das vier Fuss breit und zehn Fuss lang war; da kam er nun nicht heraus, bis man zwischen zwölf und zwo Uhr zum Mittagessen rief, und alsofort nach dem Essen ging er wieder hinein bis um vier Uhr, da man Tee trank; gleich nach dem Tee hiess es wieder: Nun Kinder in die Schule! und dann kam er vor neun Uhr nicht wieder heraus, dann speiste man zu Nacht, und ging darauf schlafen.

Auf diese Weise hatte er keinen Augenblick für sich, als nur bloss den Sonntag, und diesen brachte er auch traurig zu, weil er wegen Kleidermangel nicht mehr vor die Tür, geschweige zur Kirchen gehen konnte. Wär er nun zu Schauberg geblieben, so würde ihn Meister Nagel vor und nach gnugsam versorgt haben, denn er hatte schon wirklich von weitem Anstalten dazu gemacht.

Nun war wirklich ein dreiköpfigter Höllenhund auf den armen Stilling losgelassen. Aeusserste Bettelarmut, eine immerfort dauernde Einkerkerung oder Gefangenschaft, und drittens ein unerträgliches Mistrauen, und daher entstandene äusserste Verachtung seiner person.

Gegen Martini fing sein ganzes Gefühl an zu erwachen, seine Augen gingen auf, und er sah die schwärzeste Melancholie wie eine ganze Hölle auf ihn rücken. Er rief zu Gott, dass es von einem Pol zum andern hätte erschallen mögen, aber da war keine Empfindung noch Trost mehr, er konnte sogar an Gott nicht einmal denken, so dass das Herz teil daran hatte; und diese erschreckliche Qual hatte er nie dem Namen nach gekannt, vielweniger jemahlen das mindeste davon empfunden; dazu hatte er rund um sich her keine einzige treue Seele welcher er seinen Zustand entdecken konnte, und einen solchen Freund aufzusuchen, dazu hatte er nicht Kleider genug; sie waren zerrissen, und die Zeit mangelte ihm sogar dieselben auszubessern.

Gleich anfangs glaubte er schon nicht, dass er es in diesem Zustand lange aushalten würde, und doch wurde es von Tag zu Tag schlimmer; seine herrschaft und alle andre Menschen kehrten sich gar nicht an ihn, so als wenn er nicht in der Welt gewesen wäre, ob sie schon mit seiner Information wohl zufrieden waren.

So wie Weihnachten heranrückte, so nahm auch sein erschrecklicher Zustand zu. Den ganzen Tag über war er ganz starr und verschlossen, wenn er aber des Abends um zehn Uhr auf seine Schlafkammer kam, so fiengen seine Tränen an los zu werden; er zitterte und zagte, wie ein Uebeltäter der in dem Augenblick geradebrecht werden soll, und wenn er vollends ins Bett