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sie zu dem alten Brauer, der Stillingen bei seiner Durchreise seine geschichte erzählt hatte; er erzählte dem ehrlichen Alten sein neues Glück, dieser freute sich, wie es schien, nicht so sonderlich darüber, doch sagte er: das ist schon für Sie ein hübscher Anfang. Stilling aber dachte dabei: der Mann kann seine Ursachen haben, dass er so spricht.

Nun gingen sie noch eine halbe Stunde weiter, und kamen an Hochbergs Haus an. Dieses lag in einem kleinen angenehmen Tal an einem schönen Bach, nicht weit von der Landstrasse, die Stilling gekommen war. Als sie ins Haus traten, so kam die Frau Hochberg aus der stube heraus. Sie war prächtig gekleidet, und eine Dame von ungemeiner Schönheit; sie grüsste Stillingen freundlich, und hiess ihn in die stube gehen; er ging hinein, und fand ein herrlich meublirtes und schön tapezirtes Zimmer; zwei wakkere junge Knaben kamen herein, nebst einem artigen Mädchen; die Knaben waren in rote scharlachene Kleider auf Husaren-Manier gekleidet, das Mädchen aber völlig im Ton einer jungen Prinzessin. Die guten Kinder kamen, um dem neuen Lehrmeister ihre Aufwartung zu machen, sie bückten sich nach der Kunst, und traten herzu, um ihm die Hand zu küssen. Das war Stillingen nun in seinem Leben noch nicht wiederfahren, er wusste sich gar nicht darein zu schicken, noch was er sagen sollte; sie ergriffen seine Hand; da er ihnen nun die hohle Hand hinhielt, so mussten sie sich plagen, dieselbe herum zu drehen, um mit dem kleinen Mäulchen oben auf die Hand zu kommen. Nun merkte Stilling, wie man sich bei der gelegenheit anstellen müsse. Die Kinder aber hüpften wieder fort, und waren froh, dass sie ihre Sache vollendet hatten.

Herr Hochberg und sein alter Schwiegervater waren in die Kirche gegangen. Die Frau aber war in der Küche, um ein und anderes zu veranstalten, also befand sich Stilling allein in der stube; er merkte sehr wohl, was hier zu tun war, und dass ihm zwei wesentliche Stücke fehlten, um Hochbergs Hauslehrer zu sein. Er verstund die Complimentir-Kunst gar nicht; ob er gleich nicht in dummer Grobheit erzogen war, so hatte er sich doch noch in seinem Leben nicht gebückt, alles war bis dahin Gruss und Händedruck gewesen. Die Sprache war sein vaterländischer Dialect, worin er, aufs höchste genommen, jemand mit dem Wörtchen Sie beehren konnte. Und vors zweite: seine Kleider waren nicht modisch, und dazu nicht einmal gut, sondern schlecht und abgetragen; er hatte zwar bei Meister Nagel acht Gulden verdient; allein, was war das in so grossem Mangel? – Er hatte vor zwei Gulden neue Schuh, vor zwei einen Hut, vor zwei ein Hemd angeschaft, und zwei Gulden hatte er also noch in der tasche. Alle diese Anlagen aber waren noch kaum an ihm zu sehen; er fühlte alsofort, dass er sich täglich würde schämen müssen, doch hatte er auch durch Aufmerksamkeit täglich mehr und mehr Lebensart zu lernen, und durch seinen treuen Fleiss, Geschicklichkeit, und gute Aufführung seine herrschaft zu gewinnen, so dass man ihm vor und nach aus seiner Not helfen würde.

Herr Hochberg kam nun endlich auch herein, denn es war Mittag; dieser vereinigte nun alles, was nur Würde und kaufmännisches Ansehn genennt werden mag, in Einer person. Er war ein ansehnlicher Mann, lang und etwas corpulent, er hatte ein apfelrundes ganz brunettes Gesicht, mit grossen pechschwarzen Augen, und etwas dicken Lippen, und wenn er redete, so sah man allezeit zwo Reihen Zähne wie Alabaster; sein Gehen und Stehen war vollkommen spanisch, doch muss ich auch dabei gestehen, dass nichts affectirtes dabei war, sondern es war ihm alles so ganz natürlich. So wie er herein trat, schaute er Stillingen ebenso an, wie grosse Fürsten gewohnt sind, jemand anzuschauen. Stillingen drung dieser blick durch Mark und Bein, vielleicht eben so stark, als derjenige tat, den er neun Jahr hernach vor einem der grössten Fürsten Teutschlands empfand. Allein seine Weltkenntniss mogte sich auch wohl zu der Zeit gegen die letztere verhalten, wie Hochberg gegen diesen vortreflichen Fürsten.

Nach diesem blick nickte Herr Hochberg Stillingen an, und sprach:

Serviteur Monsieur!

Stilling war kurz resolvirt, bückte sich so gut er konnte und sagte:

"Ihr Diener, Herr Principal!"

Doch dass ich die Wahrheit gestehe, auf dieses Compliment hatte er auch eine Stunde her studiret; da er aber nicht voraus wissen konnte, was Hochberg weiter sagen würde, so war es nun auch geschehen, und seine Geschicklichkeit hatte ein Ende. Ein paarmahl ging Hochberg die stube auf und ab; nun sah er wieder Stilling an, und sagte:

Sind Sie resolvirt als Präceptor bei mir zu serviren?

"Ja."

Verstehn Sie auch Sprachen?

"Die lateinische so ziemlich."

Bon Monsieur! Sie brauchen sie zwar noch nicht, doch ist Ihre Connoissance das Wesentliche in der Ortographie. Verstehen Sie das Rechnen auch?

"Ich habe mich in der Geometrie geübt, und dazu wird das Rechnen erfordert, auch hab ich mich in der Sonnuhrkunst und Matematik etwas umgesehen."

Eh bien, das ist artig! das convenirt mir; ich geb Ihnen nebst freien Tisch fünf und zwanzig Gulden im Jahr.

Stilling liess sich das gefallen, wiewohl es ihm etwas zu wenig dauchte, deswegen sagte er:

"Ich bin zufrieden mit dem was Sie mir