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der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einzelnen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ungefähr blickte er in die Höhe und sah eine lichte Wolke über seinem haupt hinziehen; mit diesem Anblick durchdrung eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen leib, und konnte sich kaum entalten, dass er nicht darnieder sunk; von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so gross, dass er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenn's nötig gewesen wäre. Dabei fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gottgeziemend, angenehm, und nützlich sein möchten. Auf der Stelle machte er einen vesten und unwiderruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich Seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, dass er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu sein.

Er kehrte alsofort um, ging nach Haus, und sagte niemand von diesem Vorfall etwas, sondern er blieb wie er vorhin war, nur dass er weniger und behutsamer redete, welches ihn noch beliebter machte.

Diese geschichte ist eine gewisse Wahrheit. Ich überlasse Schöngeistern, Philosophen und Psychologen, daraus zu machen, was ihnen beliebt; ich weiss wohl, was es ist, das den Menschen umkehrt, und so ganz verändert.

Diesen Sonntag, als obiges geschah, über drei Wochen ging Stilling des Nachmittags in die Kirche, nach derselben fiel ihm vor der Kirchtür ein, den Stadtschulmeister einmal zu besuchen; er verwunderte sich selbst, dass er das nicht eher getan hatte, er ging also stehendes Fusses zu ihm hin; dieser war ein ansehnlicher braver Mann, er kannte Stillingen schon, und freute, sich denselben bei sich zu sehen; sie tranken Tee zusammen, und rauchten eine Pfeife Taback dazu. Endlich fing der Schulmeister an, und fragte: Ob er nicht Lust hätte, eine schöne Condition anzutreten? Flugs war seine Lust dazu wieder so gross, als sie jemahlen gewesen. O Ja! antwortete er, das wünscht ich wohl von Herzen. Der Schulmeister fuhr fort: Sie kommen just als wenn Sie gerufen wären; heute hab ich einen Brief von einem vornehmen Kaufmann erhalten, der eine halbe Stunde jenseits Holzheim wohnt; er ersucht mich in demselben, ihm einen guten Haus-Informator zuzuweisen; ich hab an Sie nicht gedacht, bis Sie eben hereinkommen; nun fällt mir ein, dass Sie wohl der Mann dazu wären; wenn Sie nun nur die Stelle annehmen wollen, so ist gar kein Zweifel mehr, Sie werden sie erhalten. Stilling jauchzte innerlich vor Freuden, und glaubte vest, jetzt sei nun endlich einmal die Stunde seiner Erlösung gekommen; er sagte also: dass es von je her sein Zweck gewesen, mit seinen wenigen Talenten Gott und dem nächsten zu dienen, und er ergreife diese gelegenheit mit beiden Händen, weilen sie eine Beförderung seines Glücks sein könne. Davon ist wohl kein Zweifel, versetzte der Schulmeister; es kommt nur auf Ihre Aufführung an, so können Sie mit der Zeit freilich glücklich, und befördert werden; nächsten Posttag will ich dem Herrn Hochberg schreiben, so werden Sie bald abgeholt werden.

Nach einigen Gesprächen ging Stilling wieder nach Haus. Er erzählte alsofort diesen Vorfall Herrn Stollbein, desgleichen auch dem Meister Nagel und seinen Leuten. Der Herr Pastor war froh, Meister Nagel und die Seinigen aber trauerten, sie wendeten alle Beredsamkeit an, um ihn bei sich zu behalten, allein das war vergebens, das Handwerk stunk ihm an, Zeit und Weil wurde ihm lang, bis er an seinen bestimmten Ort kam; doch fühlte er jetzt etwas in seinem inneren, das diesem Beruf beständig widersprach; dies unbekannte Etwas überzeugte ihn in seinem Gemüt, dass diese Neigung wiederum aus dem alten verderbten Grund herrühre; dieses neue Gewissen, wenn ich so reden darf, war erst seit dem gemeldeten Sonntag in ihm aufgewacht, da er eine so gewaltige Veränderung bei sich verspürt hatte. Diese überzeugung kränkte ihn, er fühlte wohl, dass sie wahr war, allein seine Neigung war allzu stark, er konnte ihr nicht widerstehen; dazu fand sich eine Art von Schlange bei ihm ein, welche sich durch die Vernunft zu helfen suchte, indem sie ihm vorstellte: Ja sollte Gott das wohl haben wollen, dass du da ewig an der Nähnadel sitzen bleiben sollst, und deine Talente vergräbst? Keineswegs! du must bei der ersten gelegenheit damit wuchern, lass dich das nicht weiss machen, es ist bloss eine hypochondrische Grille; alsdenn warf das Gewissen wieder ein: Wie oft hast du aber mit deinen Talenten in der Unterweisung der Jugend wuchern wollen, und wie ist es dir dabei gegangen? – Die Schlange wusste dagegen einzuwenden: das seien lauter Läuterungen gewesen, die ihn zu einem wichtigern Geschäfte hätten tüchtig machen sollen. Nun glaubte Stilling der Schlangen, und das Gewissen schwieg.

Schon den folgenden Sonntag kam ein Bote von Herrn Hochberg, der Stilling abhohlte. Alle weinten bei seinem Abschied, er aber ging mit Freuden. Als sie nach Holzheim kamen, so gingen