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Des Morgens früh stunde er auf, und setzte sich an die Werckstatt. Meister Nagel hatte keinen andern Gesellen als ihn, aber seine Frau seine beiden Töchter, und zwei Knaben halfen alle Kleider machen.

Stillings Behändigkeit, und ungemeine Geschicklichkeit im Schneider-Handwerk gewann ihm alsofort die Gunst seines Meisters; seine freundliche Gesprächigkeit und Guterzigkeit aber die Liebe und Freundschaft der Frauen und der Kinder. Er war kaum drei Tage da gewesen, so war er schon zu haus; und weilen er weder Vorwürfe noch Verfolgungen zu befürchten hatte, so war er vor die Zeit so zu sagen vollkommen vergnügt.

Den ersten Sonntag Nachmittag verwendete er aufs Briefschreiben, indem er seinem Vater, seinem Oheim und sonstigen guten Freunden seine gegenwärtige Umstände berichtete, um seine Familie zu beruhigen; denn man kann denken, dass sie so lange um ihn sorgten, bis sie wussten, dass er am Brod war. Er erhielt auch bald freundschaftliche Antworten auf diese Briefe, worin er zur Demut und Rechtschaffenheit ermahnet, und vor aller Gefahr im Umgang mit unsichern Leuten gewarnt wurde.

Indessen wurde er bald in ganz Schauberg bekannt. Des Sonntags Vormittags, wenn er in die Kirche ging, so ging er nirgend anders als auf die Orgel; und weilen der Organist ein steinalter und ungeschickter Mann war, so getraute sich Stilling während dem Singen und beim Ausgang aus der Kirche besser zu spielen; denn ob er gleich das Clavierspielen nie kunstmässig, sondern bloss aus eigener Uebung und Nachdenken gelernt hatte, so spielte er doch den Choral ganz richtig nach den Noten, und vollkommen vierstimmig; er ersuchte deswegen den Organisten, ihn spielen zu lassen; dieser war von Herzen froh, und liess ihn immer spielen. Weilen er nun in den Vor- und Zwischenläufen beständig mit Sexten und Terzen um sich warf, und gern die sanftesten und rührendsten Register zog, wodurch das Ohr des gemeinen Mannes, und derer, die keine Musik verstehen, am mehresten gerühret wird, und weilen er beim Ausgang aus der Kirche auch immer ein harmonisches Singestück, das aber allezeit entweder traurig oder zärtlich war, spielte, wobei fast immer die Flöten-Register mit dem Tremulanten gebraucht wurden: so war alles aufmerksam auf den sonderbaren Organisten; der mehreste Haufen stunde vor der Kirchen, bis er von der Orgel herunter, und zur Kirchentür heraus kam; dann steckten die Leute die Köpfe zusammen, und fragten sich untereinander: was das vor ein Mensch sein möchte? Endlich wards allgemein bekannt, es war des Schneider Nagels sein Geselle.

Wenn jemand zu Meister Nagel kam, besonders Leute von Condition, Kaufleute, Beamten, oder auch wohl Gelehrte, die etwas wegen Kleider-Sachen zu bestellen hatten: so liessen sie sich mit Stillingen, wegen des Orgelsschlagens, in ein Gespräch ein; da brachte dann ein Wort das andere. Er mischte zu der Zeit viele lateinische Brocken mit in seine Reden, sonderlich wenn er mit Leuten umging, von denen er vermutete, dass sie Latein verstünden; das setzte dann alle in Erstaunen, nicht dass er eben ein Wunder von Gelehrsamkeit gewesen wäre, sondern weilen er da sass und nähte, und doch so sprach, welches in einer person vereinigt, besonders in Schauberg, etwas unerhörtes war. Alle Menschen, vornehme und Geringe, kamen und liebten ihn, und dieses war eigentlich Stillings Element; wo man ihn nicht kannte, war er still, und wo man ihn nicht liebte, traurig. Meister Nagel und alle seine Leute ehrten ihn dergestalt, dass er mehr Herr als Geselle im haus war.

Die vergnügtesten Stunden hatten sie alle zusammen des Sonntags Nachmittags; dann gingen sie oben ins Haus auf eine schöne kammer, deren Aussicht ganz herrlich war; hier las ihnen Stilling aus einem Buch vor, dass die Frau Nagels geerbt hatte; es war ein alter Foliant mit vielen Holzschnitten, das Titelblatt war verloren; es handelte von den Niederländschen Geschichten und Kriegen, unter der Stadtalterschaft der Herzogin von Parma, des Herzogs von Alba, des grossen Commeters u.s.w., nebst den wunderbaren Schicksalen des Prinzen Morizens von Nassau; hiebei verhielt sich nun Stilling wie ein Professor, der Lehrstunden hält; er erklärte, er erzählte ein und anderes dazwischen, und seine Zuhörer waren ganz Ohr. Erzählen ist immer so seine Sache gewesen, und Uebung macht endlich den Meister.

Gegen Abend ging er alsdenn mit seinem Meister, oder vielmehr mit seinem Freund Nagel um die Stadt spazieren; und weilen dieselbe auf einer Höhe, kaum fünf Stunden vom Rhein abliegt, so war dieser Spaziergang wegen der herrlichen Aussicht unvergleichlich. Westwärts sah man eine grosse Strecke hin, diesen prächtigen Strom im Schimmer der Abendsonne, majestätisch auf die Niederlande zu eilen: rund umher lagen tausend buschigte Hügel, wo überall entweder blühende Bauerhöfe, oder prächtige Kaufmannspalläste zwischen den grünen Bäumen hervorguckten; dann waren Nagels und Stillings gespräche herzlich und vertraulich, sie ergossen sich in einander, und Stilling ging eben so vergnügt schlafen, als er auch ehmahlen zu Zellberg getan hatte.

Herr Pastor Stollbein hatte seine herzliche Freude daran, dass sein Landsmann Stilling so allgemein beliebt war, und er machte ihm hoffnung, dass er ihn mit der Zeit würde anständig versorgen können.

So angenehm verflossen dreizehn Wochen, und ich kann sagen: dass Stilling während der Zeit sich weder seines Handwerks schämte, noch sonsten grosses Verlangen trug, davon abzukommen. Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, ging er an einem Sonntag Nachmittag durch eine Gasse