. Er konnte diese Art zu reisen, mit einem so hohen Stand nicht zusammen reimen, er begonn bald Verdacht zu schöpfen; doch, als er merkte, dass der Fremde vertraut mit Gott war, so schämte er sich seines Verdachts und war ruhig. Sie schliefen unter allerhand vertraulichen Gesprächen ein, und des andern Morgens reisten sie wieder ab, und kamen des Abends gesund und wohl zu Cölln an. Hier wurde der Fremde tätig. Es gingen in aller Geheim vornehme Leute bei ihm ab und zu. Er besorgte sich ein paar Bediente, kaufte Kostbarkeiten ein, und was dergleichen Umstände mehr waren. Sie logierten alle zusammen im Geist. Ungeachtet nun Betten genug daselbst vorrätig waren, so wollte doch der Fremde wieder bei Stilling schlafen. Dieses geschah auch.
Des Morgens eilte Stilling fort. Er und der Fremde umarmten und küssten sich. Letzterer sagte zu ihm: "Ihre Gesellschaft, mein Herr! hat mir ausserordentliches Vergnügen gemacht. Fahren Sie nur fort in Ihrem Lauf, so werden Sie's in der Welt weit bringen, ich werde ihrer nie vergessen." Stilling äusserte noch einmal sein Verlangen, zu wissen, mit wem er gereist habe. Der Fremde lächelte, und sagte: "Lesen Sie die Zeitung fleissig wenn Sie nach haus kommen, und wenn Sie den Namen *** finden werden, so denken Sie an mich."
Stilling reiste nun zu Fuss fort, er hatte noch acht Stunden bis Rasenheim. Unterwegens besann er sich auf den Namen des Fremden, er war ihm bekannt, und doch wusste er nicht wo er mit ihm hin sollte. Nach acht Tagen las er in der Lippstädtischen Zeitung folgenden Artikel:
Cölln, den 19ten May.
"Der Herr von *** Ambassadeur des **** Hofes zu **** ist in grösster Geheim heute hierdurch nach Holland gereist, um wichtige Angelegenheiten zu besorgen." Des zweiten Pfingsttags also am Nachmittag kam Stilling zu Rasenheim an. Er wurde mit tausend Freudentränen empfangen. Christine aber war sich ihrer selbst nicht bewusst, denn sie redete irre, daher als Stilling bei sie kam, stiess sie ihn weg, denn sie kannte ihn nicht. Er ging ein wenig auf ein ander Zimmer, indessen erhohlte sie sich, und man brachte ihr bei, dass ihr Bräutigam angekommen sei. Nun konnte sie sich nicht mehr halten. Man rief ihn; er kam. Hier ging nun die zärtlichste Bewillkommnung vor, die man sich nur denken kann, aber sie kam Christinen teuer zu stehen; sie geriet in die heftigsten Convulsionen, so dass Stilling in äusserster Traurigkeit drei Tage und drei Nächte an ihrem Bette, ihren letzten Stoss abwartete. Doch gegen alles Vermuten erhohlte sie sich wieder, und binnen vierzehn Tagen war sie ziemlich besser, so dass sie zuweilen am Tage etwas aufstund.
Nun wurde diese Verlöbniss überall bekannt. Die besten Freunde rieten Herrn Friedenberg, beide copuliren zu lassen. Dieses wurde bewilliget, und Stilling nach vorhergegangenen gewöhnlichen Formalitäten 1771 den 17ten Junius am Bette mit seiner Christinen zum Ehestande eingeseegnet.
In Schönental wohnte ein vortreflicher Arzt, ein Mann von grosser Gelehrsamkeit und Wirksamkeit noch immer mehr und mehr die natur zu studieren, dabei war er ohne Neid und hatte das beste Herz von der Welt. Dieser teure Mann hatte Stillings geschichte zum teil von seinem Freunde dem Herrn Troost gehört. Stilling hatte ihn auch bei dieser gelegenheit verschiedenemahl besucht, und sich seine Freundschaft und Unterricht ausgebeten. Dieser hiess Dinkler, und bediente eine weitläuftige Praxis.
Herr Doctor Dinkler also und Herr Troost wohnten Stillings Copulation bei; und bei dieser gelegenheit schlugen sie ihm beide vor, dass er sich in Schönental niederlassen möchte, besonders weil eben just ein Arzt daselbst gestorben war. Stilling wartete abermahl auf einen nähern Wink von Gott, daher sagte er; er wolle sich darauf bedenken. Allein die beiden Freunde, Herr Doctor Dinkler und Herr Troost, gaben sich alle Mühe, eine wohnung in Schönental für ihn auszuspähen, und diese fanden sie auch, noch ehe Stilling wieder verreiste; auch versprache der Herr Doctor, seine Christine während seiner Abwesenheit öfters zu besuchen, und für ihre Gesundheit zu sorgen.
Herr Friedenberg fand nun auch eine Quelle für ihn an Geld zu kommen, und nachdem nun alles angeordnet war, so rüstete sich Stilling wieder zur Abreise nach Strasburg. Des Abends vor diesem traurigen Tage ging er auf die kammer seiner gattin. Er fand sie da mit gefaltenen Händen auf den Knien liegen. Er trat bei sie, und sah sie an: Sie war aber starr wie ein Stück Holz. Er fühlte an ihren Puls, der ging ganz ordentlich. Er hub sie auf, redete ihr zu, und brachte sie endlich wieder zurechte. Die ganze Nacht verging unter beständigen Trauren und Kämpfen.
Des andern Morgens blieb Christine auf ihrem Angesicht im Bette liegen. Sie fasste ihren Mann um den Hals, weinte und schluchzte beständig. Er riss sich endlich mit Gewalt von ihr. Seine beiden Schwäger begleiteten ihn bis Cöln. Noch des andern Tages ehe er sich in den Postwagen setzte, kam ein Bote von Rasenheim und brachte die Nachricht, dass sich Christine nun beruhigt habe.
Dieses machte Stillingen Mut, er fühlte nun eine grosse Erleichterung, und er zweifelte nicht, er würde seine getreue liebe Christine gesund wieder finden. Er empfahl sie und sich in die Vaterhände Gottes, nahm Abschied von seinen Brüdern, und fuhr fort.
Binnen sieben Tagen kam er, ohne Gefahr, oder sonst etwas merkwürdiges erfahren zu haben,