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andern an. Sie war Haushälterinn bei einem geistlichen Herrn in Cölln, und folglich sehr behutsam in Gesellschaft fremder Mannsleute, wiewohl sie das gar nicht nötig hatte, denn sie war über alle maassen hässlich.

Der Caffee kam, Stilling setzte sich vor den Tisch, zog den Krahnnen der Caffeekanne vor sich und fing an zu zapfen; er war aufgeräumt, und in seiner Seelen vergnügt, warum? weiss ich nicht. Der fremde Herr setzte sich neben ihn, und klopfte ihn wieder auf die Schulter, der Soldat setzte sich auf seine andere Seite und klopfte ihn da auf die Schulter, die beiden jungen Leute aber setzten sich hinter den Tisch, und das Frauenzimmer sass dahinten, und trank aus einem Kännchen allein.

Nach dem Frühstück setzte man sich in den Nachen, und Stilling merkte, dass niemand den fremden Herren kannte. Dieser drunge Stilling, dass er seine Lebensgeschichte erzählen möchte. Sobald sie durch das Bingerloch gefahren waren, fing er damit an, und erzählte alles ohne das mindeste zu verschweigen, sogar seine Verlöbniss, und das Schicksal seiner jetzigen Reise sagte er aufrichtig. Der Unbekannte liess zuweilen helle Tränen fallen, der Soldat desgleichen, und beide wünschten von Herzen zu vernehmen, ob und wie er seine Verlobte angetroffen habe. Alle beide waren nun vertraut mit ihm, und nun fing auch der Soldat an:

"Ich bin aus dem Zweibrückschen, und von geringen Eltern gebohren, doch wurde ich fleissig zur Schule gehalten, um durch Wissenschaft zu ersetzen, was mir an Erbschaft mangelte. Nachdem ich von der schulen kam, nahm mich ein gewisser Beamter zum Schreiber bei sich. Ich war da einige Jahre: seine Tochter ward mir geneigt, und wir wurden gute Freunde, sogar dass wir uns vest verlobten, und uns verbunden nie zu heuraten, wenn man uns etwas in den Weg legen würde. Meine herrschaft entdeckte dieses bald, und nun wurde ich fortgejagt. Doch fand ich noch ein Stündchen mit meiner Verlobten allein zu reden, bei welcher gelegenheit wir unser Band noch fester knüpften. Darauf ging ich nach Holland und liess mich zum Soldaten annehmen; ich schrieb sehr oft an meine Geliebte, bekam aber nie Antwort, denn man hatte alle Briefe aufgefangen. Ich wurde darüber so verzweifelt, dass ich oft den Tod suchte, doch hatte' ich noch immer Abscheu vor dem Selbstmord."

"Bald darauf wurde unser Regiment nach Amerika abgeschickt; die Cannibalen hatten Krieg gegen die Holländer angefangen, ich muste also mit. Wir kamen in Surinam an, und meine Compagnie lag in einem sehr abgelegenen Fort. Ich war noch immer bis auf den Tod betrübt, und wünschte nichts mehr, als dass mich doch endlich einmal eine Kugel treffen möchte, nur schauderte ich vor der Gefangenschaft, denn wer will wohl gerne aufgefressen werden! Ich hielte deswegen beständig bei unserm Commendanten an: er möchte mir doch einige Mannschaft mitgeben, um gegen die Cannibalen zu streifen; dieses geschah, und da wir immer glücklich waren, so machte er mich zum Sergeanten."

"Einsmahls commandirte ich funfzig Mann; wir durchstrichen einen Wald, und kamen weit von unserer Vestung ab; wir hatten alle unsre Musqueten mit gespannten Hahnen unter dem Arm. Indem fiel ein Schuss auf mich; die Kugel pfiff mein Ohr vorbei. Nach einer kleinen Pause geschah das wieder. Ich schaute hin, und sah einen Wilden wieder laden. Ich rief ihm zu halten, und richtete das Gewehr auf ihn. Er war nah bei uns: Er stand, und wir fiengen ihn. Dieser Wilde verstund holländisch. Wir zwungen ihn, dass er uns ihr Oberhaupt verraten, und zu demselben hinführen muste. Es war nicht weit bis dahin. Wir fanden einen Trupp Wilden, die in guter Ruhe lagen. Ich hatte das Glück, ihr Oberhaupt selber zu fangen. Wir trieben ihrer so viel vor uns her, als wir ihrer erhalten konnten, viele aber entwischten."

"Hierdurch hatte nun der Katzenkrieg ein Ende. Ich wurde Lieutenant zur See, und kam mit meinem Regiment wieder nach Holland. Nun reiste ich mit Urlaub nach haus, und fand meine Braut noch so wie ich sie verlassen hatte. Da ich nun mit Geld und Ehre versehen war, so fand ich keinen Wiederstand mehr, wir wurden getraut, und nun haben wir schon fünf Kinder zusammen."

Diese geschichte ergötzte die Reisegesellschaft. Nun hätten sowohl der Lieutenant als auch Stilling gern des Unbekannten nähere Umstände gewusst, allein er lächelte und sagte: Verschonen Sie mich damit, meine Herren! ich darf nicht.

So verfloss dieser Tag unter den angenehmsten Gesprächen. Gegen Abend bekamen sie Sturm, und fuhren deswegen zu Leitersdorff unterhalb Neuwied ans Land, wo sie über Nacht blieben. Der liederliche Bursche, den sie bei sich hatten, war ein Strasburger, und seinen Eltern entlaufen. Dieser machte mit dem kleinen Passagier bald Freundschaft. Stilling warnte letzteren höchlich, besonders seinen Wechsel nicht sehen zu lassen, allein das alles half nicht. Er hörte hernach, dass der Knabe um all sein Geld gekommen, und der Strasburger sich aus dem Staube gemacht hatte.

Des Abends als man schlafen gehen wollte, fanden sich nur drei Betten für fünf Personen. Sie loosten, welche zwei und zwei beisammen schlafen sollten, und da fielen die zwei Burschen zusammen, der Lieutenant auf eins allein, und der fremde Herr mit Stillingen bekamen das beste. Hier bemerkte nun Stilling die geheimen Kostbarkeiten seines Schlafgesellen, die etwas sehr hohes anzeigten