1778_Jung_Stilling_125_33.txt

-Post von seinem unglücklichen Tod, ihre Seele in Kummer aushauchen möchte. Sollte sie aber zu ihrer Ruhe schon übergegangen sein, so gab er sich mit Freuden an Gottes Willen über. Indem er so dachte, sah er auf, und nah vor sich einen Mastbaum von einer Jagd, er rief mit starker stimme um hülfe, in dem Augenblick war ein Schiffmann mit einer Leuchte, und langen Haken auf dem Verdeck. Seine Schiffleute ruderten mit aller Macht abwärts, allein es gelung ihnen nicht, denn weil sie nahe am Ufer hinfuhren, so trieb sie Wind und Strom auf die Jagd an, und eh sie's vermuteten, war der Haken im Nachen, und der Nachen am Schiff. Stilling und sein Gefährte waren mit ihren Felleisen auf dem Verdeck, ehe sichs die Bösewichter von Schiffern versahen. Der Schiffmann leuchtete mit der Leuchte hin, und fing an: Ha, ha! seid ihr die T ... Kerls, die vor einigen Wochen die zwei Reisenden da unten vertränkt habt? wart, lasst mich wieder nach Maynz kommen! – Stilling warf ihnen ihren vollen Lohn herab ins Nächelgen, und liess sie laufen. Wie froh war er aber und wie dankte er Gott! als er dieser Gefahr entronnen war. Nun gingen sie unten in die Cajüte. Die Schiffer waren von Coblenz, und brave Leute. Sie assen alle zusammen, und nun legten sich beide Reisende ins Gepäcke das daselbst war, und schliefen ruhig, bis wieder der Tag anbrach. Nun befanden sie sich vor Bingen, sie gaben den Schiffern ein gutes Trinkgeld, stiegen aus, und sahen ihren Nachen, mit dem sie nach Cölln fahren wollten, daselbst an einen Pfahl gebunden. Nicht weit vom Ufer war ein Wirtshaus, Stilling mit seinem Cameraden ging da hinein, und in die stube, welche voller Stroh gespreitet war. Dort in der Ecke lag ein vortreflicher ansehnlicher Mann. Eine Strecke von demselben ein Soldat. Wieder einen Schritt weiter ein junger Mensch, der einem versoffenen Kautz von Studenten so ähnlich sah als ein Ei dem andern. Der erste hatte eine baumwollene Mütze über die Ohren gezogen, und einen Mantelrock auf der Schulter hangen, sein russischer Frack war um die Füsse gewickelt. Der andre hatte sein Schnupftuch um den Kopf gebunden und den Soldatenrock über sich her, und schnarchte. Der dritte lag da mit blossem Haupt im Stroh, und ein englischer Frack lag quer über ihn her; er richtete sich auf, sah über queer in die Welt, wie einer, der den vorigen Abend zu viel ins Brandteweinglas geguckt hatte. Hinten im Eck lag etwas, man wusste nicht was es war, bis es sich regte und zwischen Tüchern und Küssen hervorgukte: nun entdeckte Stilling dass es eine Gattung von Weibs-Menschen war.

Stilling betrachtete diese herrliche Gruppe eine Weile mit Freuden, endlich fing er an: "Meine Herren, ich wünsche Ihnen allerseits einen glückseeligen Morgen, und gute Reise!" – Alle drei richteten sich auf, gähneten, räusperten sich, und was dergleichen erste Morgens-Verrichtungen mehr sind; sie guckten auf, sahen da einen langen lächelnden Mann mit einem muntern Knaben bei sich stehen; sie sprungen alle auf, machten ein Compliment, ein jeder auf seine Weise, und dankten freundlich.

Der vornehmste Herr war ein Mensch von einer hohen und edlen Gesichtsbildung, dieser trat vor Stilling und sagte: "Wie kommen sie so früh her?" Stilling erzählte kurz und gut wie es ihm ergangen war. Mit einer edlen Miene fing dieser Herr an: "Sie sind doch wohl kein Kaufmann, Sie kommen mir so nicht vor! –" Stilling verwunderte sich über diese Rede, er lächelte und sagte: Sie müssen sich gut auf die Physiognomie verstehn, ich bin auch kein Kaufmann, ich studiere Medicin! Der fremde Herr sah ihn ernst an, und versetzte: "Sie studieren also in der Mitte Ihres Lebens, da müssen wohl ehe Berge zu übersteigen gewesen sein, oder Sie haben spät gewählt! –" Stilling erwiderte: Beides hat bei mir Platz. Ich bin ein Sohn der Vorsehung, ohne ihre sonderbare Leitung wär ich entweder ein Schneider oder ein Kohlenbrenner! Stilling sagte dieses mit Nachdruck und Herzensbewegung, wie er immer tut, wenn er auf diese Materie kommt. Der Unbekannte fuhr fort: "Sie erzählen uns wohl unterwegens Ihre geschichte!" Ja, sagte Stilling von Herzen gern! Nun klopfte ihn jener auf die Schulter, und sagte: "Sein Sie wer Sie wollen, Sie sind ein Mann nach meinem Herzen."

Ihr die ihr meinen Bruder Lavater so peitscht, woher kams dass dieser vornehme Fremde Stillingen im ersten Anblick lieb gewann? und welches ist die Sprache, welches sind die Buchstaben, die er so geschickt zu lesen und zu studieren wusste? –

Nun wurde auch der Student munter, er war auch ein wackerer Mann, er grüsste Stillingen, desgleichen auch der Soldat. Stilling fragte: ob die Herren frühstückten? Ja, sagten sie alle: Wir trinken Caffee: Ich auch, setzte Stilling hinzu; er lief hinaus und bestellte. Als er wieder herein kam, fragte er: Kann ich wohl die Ehre haben, mit meinem gefährten von Dero angenehmen Gesellschaft bis Cölln zu profitiren? Alle sagten einmütig, ja! es würde ihnen Ehre und Freude machen. Stilling bückte sich. Nun kleideten sie sich alle an, und das Frauenzimmer dahinten legte auch sehr schamhaft ein Stück nach dem