ganze Welt." Dieser machte Stilling einen Umriss von allem in einem, ich kanns nicht anders nennen; und wenn jemahls ein Geist einen Stoss bekommen hat zu einer ewigen Bewegung, so bekam ihn Stilling von Herdern, und das darum, weil er mit diesem herrlichen Genie, in Ansehung des Naturells mehr harmonirte als mit Göte.
Das Frühjahr rückte heran, und Herr Troost rüstete sich wiederum zur Abreise. Stilling fühlte zwar diese Trennung von einem so teuren mann recht tief, allein er hatte doch nunmehr die schönste Bekanntschaft in Strasburg, und dazu hoffte er über ein Jahr wieder bei ihm zu sein. Er gab ihm Briefe mit; und da er ihm seine Verlobung entdeckt hatte, so empfahl er ihm mit erster gelegenheit nach Rasenheim zu gehen, und den Seinigen alle seine Umstände mündlich zu erzählen.
So verreiste dieser ehrliche Mann im April wieder in die Niederlande, nachdem er noch einmal seine nötigsten Wissenschaften mit grösstem Fleiss wiederhohlt hatte. Stilling aber setzte seine Studien wacker fort.
Zehn Tage vor Pfingsten ging Stilling in die Comödie, um ein gewisses Stück zu sehen, das man ihm sehr gerühmt hatte. Es war Romeo und Julie, so wie es Weisse dem deutschen Teater bequem gemacht hat. Er kannte das Shakespearische Original, daher wollte er gern sehen, wie dieses Stück von der im Tragischen so berühmten Madam Abt, welche die Hauptrolle spielte, ausgeführt würde.
Auf dem Parterre überfiel ihn ein sehr trauriges Gefühl, ohne zu wissen wo es herkam. Er hatte die schönsten Briefe von den Seinigen, sowohl aus dem Salenschen land, als auch von Rasenheim. Er ging nach haus, und besann sich wo das wohl herrühren mögte. Doch es verschwand wieder, Stilling bekümmerte sich also nicht weiter darum.
Des Dienstags vor Pfingsten hatte der Sohn eines Professors Hochzeit, deswegen waren keine Collegia. Stilling beschloss also, diesen Tag in seinem Zimmer zu bleiben, und für sich zu arbeiten. Um neun Uhr überfiel ihn ein plötzlicher Schrecken, das Herz klopfte wie ein Hammer, und er wusste nicht wie ihm geschah. Er stunde auf, ging im Zimmer auf und ab, und nun fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb nach haus zu reisen. Er erschrack über diesen Zufall, und überdachte den Schaden, der ihm sowohl in Ansehung seines Geldes, als auch seines Studierens, dadurch zuwachsen könnte. Er glaubte endlich, dass es eine hypochondrische Grille sei, suchte sich's deswegen mit Gewalt aus dem Sinn zu schlagen, und setzte sich also wieder hin an seine Geschäfte. Allein die Unruhe ward so gross, dass er wieder aufstehen musste. Nun wurde er recht betrübt; es war etwas in ihm, das ihn mit Gewalt andrunge nach haus zu reisen.
Stilling wusste hier weder Rat noch Trost. Er stellte sich vor, was man von ihm denken könnte, wenn er so auf Geradewohl funfzig Meilen weit reisen, und vielleicht zu haus alles im besten Wohlstand antreffen würde. Da aber die Verängstigung und der Trieb gar nicht nachlassen wollte, so gab er sich ans beten, und flehte zu Gott, wenn es ja sein Wille sei, dass er nach haus reisen müsste, so möchte er ihm doch sichere Gewisheit geben: warum? Indem er so bei sich seufzte, trat der Comtoirbediente des Herrn R ... herein ins Zimmer, und brachte ihm folgenden Brief:
Rasenheim, den 9. May 1771.
Herzlichgeliebter Schwiegersohn! "Ich zweifle nicht, Sie werden die Briefe von meiner Frauen, Sohn und Herrn Troost wohl erhalten haben. dass Ihre liebe Braut ziemlich krank ist. Diese Krankheit hat seit zwei Tagen wieder so heftig zugesetzt, dass sie jetzt recht – ja recht schwach ist. Mein Herz ist darüber so zerschmolzen, dass mir tausend Tränen die Wangen herunter geflossen sind. Doch ich mag hievon nicht viel schreiben, ich möchte zu viel tun, ich bete und seufze für das liebe Kind recht herzlich, und auch für uns, damit wir uns kindlich seinem heiligen Willen überlassen mögen. O der ewige Erbarmer wolle sich unser aller aus Gnaden annehmen! So hat nun Ihre liebe Braut gerne, dass ich Ihnen dieses schreibe, denn sie ist so schwach, dass sie gar nicht viel sprechen kann – ich muss mit dem Schreiben ein wenig einhalten, der allmächtige Gott wolle mir doch ins Herz legen, was ich schreiben soll! – ich fahre in Gottes Namen fort, und muss Ihnen melden, dass Ihre Braut menschlichem Ansehen nach – halten Sie sich fest, teuerster Sohn! – nicht manchen Tag mehr hier zubringen wird, so wird sie in die ewige Ruhe übergehen; doch ich schreibe, wie wir Menschen es ansehen. Nun mein allerliebster Sohn! ich meine mein Herz zerschmölze, ich kann Ihnen nicht viel mehr schreiben. Ihre Braut sähe Sie in dieser Welt noch einmal gern; allein, was soll ich sagen und raten? ich kann nicht mehr, weil mir die Tränen häufig aufs Papier fallen. Gott! du kennest mich, dass ich gern die Reisekosten bezahlen will! aber raten darf ich nicht, fragen Sie den rechten Ratgeber, dem ich Sie auch von Herzen empfehle. Ich, Ihre Mutter, Braut, und die Kinder grüssen Sie alle tausendmahl, ich bin in Ewigkeit Ihr getreuer Vater
Peter Friedenberg."
Stilling stürzte wie ein Rasender von einer Wand an die andre, er weinte nicht, seufzte nicht, sondern sah aus wie einer der an seiner Seeligkeit zweifelt; er besann sich endlich so