1778_Jung_Stilling_125_30.txt

, hatte er täglich Versuchungen genug, ein Religionszweifler zu werden. Er hörte alle Tage neue Gründe gegen die Bibel, gegen Christentum, und gegen die Grundsätze der christlichen Religion. Alle seine Beweise die er jemahls gesammlet, und die ihn immer beruhiget hatten, waren nicht hinlänglich mehr, seine strenge Vernunft zu beruhigen; bloss diese Glaubensproben, deren er in seiner Führung so viel erfahren, machten ihn ganz unüberwindlich. Er schloss also:

"Derjenige, der augenscheinlich das Gebet der Menschen erhört, und ihre Schicksale wunderbarer Weise und sichtbarlich lenkt, muss unstreitig wahrer Gott, und seine Lehre Gottes Wort sein.

Nun hab ich aber von je her Jesum Christum als meinen Gott und Heiland verehrt und ihn gebeten. Er hat mich in meinen Nöten erhört, und mir wunderbar beigestanden, und mir geholfen.

Folglich ist Jesus Christus unstreitig wahrer Gott, seine Lehre ist Gottes Wort, und seine Religion, so wie er sie gestiftet hat, die wahre."

Dieser Schluss galt ihm zwar bei andern nichts, aber für ihn selbst war er vollkommen hinreichend, ihn vor allem Zweifel zu schützen.

So bald Herr R ... fort war, fiel Stilling zur Erde nieder, dankte Gott mit Tränen, und warf sich aufs neue in seine väterliche arme; darauf ging er ins Collegium, und bezahlte so gut als der Reichste.

Indem dass dieses zu Strasburg vorging, besuchte einsmahls Herr Liebmann von Schönental, Herrn Friedenberg zu Rasenheim, denn sie waren sehr gute Freunde. Liebmann wusste von Stillings Verbindung mit Christinen nichts, doch wusste er wohl, dass Friedenberg sein Herzensfreund war.

Als sie so zusammen sassen, so fiel auch das Gespräch auf ihren Freund zu Strasburg. Liebmann wusste nicht genug zu erzählen: wie Herr Troost in seinen Briefen Stillings Fleiss, Genie, und guten Fortgang im Studiren rühmte. Friedenberg und seine Leute, besonders Christine, fühlten Wonne dabei in ihren Herzen. Liebmann konnte nicht begreifen, woher er Geld bekäme? Friedenberg auch nicht. Ei, fuhr Liebmann fort: ich wollte, dass ein Freund mit mir anstünde, wir wollten ihm einmal einen tüchtigen Wechsel schicken.

Herr Friedenberg merkte diesen Zug der Vorsehung; er konnte sich kaum des Weinens entalten. Christine aber lief hinauf auf ihr Zimmer, legte sich vor Gott nieder, und betete. Friedenberg versetzte: Ei, so will ich mit anstehen! Liebmann freute sich, und sagte: "Wohlan! so zahlen Sie hundert und fünfzig Reichstaler, ich will auch so viel herbei schaffen, und den Wechsel an ihn abschicken." Friedenberg tat das gerne.

Vierzehn Tage nach der schweren Glaubensprobe, die Stilling ausgestanden hatte, bekam er ganz unvermutet einen Brief von Herrn Liebmann, nebst einem Wechsel von dreihundert Reichstalern. Er lachte hart, stellte sich gegen das Fenster, sah mit freudigem blick gegen Himmel, und sagte:

"Das war Dir nur möglich, du allmächtiger Vater!"

"Mein ganzes Leben sei Gesang!

Mein Wandel wandelnd Lied der Harfe!"

Nun bezahlte er Herrn Troost, Herrn R ... und was er sonst schuldig war, und behielt noch genug übrig, den ganzen Winter auszukommen. Seine Lebensart zu Strasburg war auffallend, so dass die ganze Universität von ihm zu sagen wusste. Die Philosophie war eigentlich von jeher diejenige Wissenschaft gewesen, wozu sein Geist die mehreste Neigung hatte. Um sich nun noch mehr darinnen zu üben, beschloss er, des Abend von 5 bis 6 Uhr, welche Stunde ihm übrig war, ein öffentliches Collegium in seinem Zimmer darüber zu lesen. Denn weil er eine gute natürliche Gabe der Beredsamkeit hatte, so entschloss er sich um desto lieber dazu, teils um die Philosophie zu wiederhohlen, und sich ferner darinnen zu üben, teils aber auch, um eine Geschicklichkeit zu erlangen, öffentlich zu reden. Da er sich nun nichts dafür bezahlen liess, und dieses Collegium als eine Repetition angesehen wurde, so gings ihm durch, ohne dass jemand etwas dagegen zu sagen hatte. Er bekam Zuhörer die Menge, und durch diese gelegenheit viele Bekannte und Freunde.

Seine eigene Collegia versäumte er nie. Er präparirte auf der Anatomie selbsten mit Lust und Freude, und was er präparirt hatte, das demonstrirte er auch öffentlich, so dass Professoren und Studenten sich sehr über ihn verwunderten. Herr Professor Lobstein, der dieses Fach mit bekanntem grössten Ruhm verwaltet, gewann ihn sehr lieb, und wendete allen Fleiss an, um ihm diese Wissenschaft gründlich beizubringen. Auch besuchte er schon diesen Winter mit Herrn Professor Ehrmann die Kranken im Hospital. Er bemerkte da die Krankheiten, und auf der Anatomie ihre Ursachen. Mit Einem Wort: er wendete in allen Disciplinen der Arzenei-Wissenschaft alles mögliche an, um Gründlichkeit zu erlangen.

Herr Göte gab ihm in Ansehung der schönen Wissenschaften einen andern Schwung. Er machte ihn mit Ossian, Shakespeare, Fielding und Sterne bekannt; und so geriet Stilling aus der natur ohne Umwege wieder in die natur. Es war auch eine Gesellschaft junger Leute zu Strasburg, die sich die Gesellschaft der schönen Wissenschaften nannte, dazu wurde er eingeladen, und zum Mitglied angenommen; auch hier lernte er die schönsten Bücher, und den jetzigen Zustand der schönen Litteratur in der Welt kennen.

Diesen Winter kam Herr Herder nach Strasburg. Stilling wurde durch Göte und Troost mit ihm bekannt. Niemahlen hat er in seinem Leben mehr einen Menschen bewundert, als diesen Mann. "Herder hat nur einen Gedanken, und dieser ist eine