gern verbrauchen wollte. Diese hatte er einsmahlen aufgesetzt, und kam damit an den Tisch. Niemand störte sich daran, als nur Herr Waldberg von Wien. Dieser sah ihn an; und da er schon vernommen hatte, dass Stilling sehr für die Religion eingenommen war, so fing er an und fragte ihn: Ob wohl Adam im Paradies eine runde Perücke mögte getragen haben? Alle lachten herzlich bis auf Salzmann, Göte und Troost; diese lachten nicht. Stillingen fuhr der Zorn durch alle Glieder, und antwortete darauf: "Schämen Sie sich dieses Spotts. Ein solcher alltäglicher Einfall ist nicht wert, dass er belacht werde!" – Göte aber fiel ein, und versetzte: Probier erst einen Menschen, ob er des Spotts wert sei? Es ist teufelmässig, einen rechtschaffenen Mann, der keinen beleidiget hat, zum besten zu haben! Von dieser Zeit nahm sich Herr Göte Stillings an, besuchte ihn, gewann ihn lieb, machte Brüderschaft und Freundschaft mit ihm, und bemühte sich bei allen Gelegenheiten, Stillingen Liebe zu erzeigen. Schade, dass so wenige diesen vortreflichen Menschen seinem Herzen nach kennen!
Nach Martini wurde das Collegium der Geburtshülfe angeschlagen, und die Lernbegierigen dazu eingeladen. Stillingen war dieses ein Hauptstück, deswegen fand er sich des Montags Abends mit andern ein, um zu unterschreiben. Er dachte nicht anders, als dass dieses Collegium eben so wie die andern erst nach Endigung desselben bezahlt würde; allein wie erschrack er, als der Doctor ankündigte: dass sich die Herren möchten gefallen lassen, künftigen Donnerstag Abend sechs neue Louisd'or fürs Collegium zu bezahlen! Hier war also eine Ausnahme, und die hatte auch ihre gegründete Ursachen. Wenn nun Stilling den Donnerstag nicht bezahlte, so wurde sein Name ausgestrichen. Dieses war schimpflich, und schwächte den Credit, der doch Stillingen absolut nötig war. Jetzt war also guter Rat teuer. Herr Troost hatte schon sechs Carlinen vorgeschossen, und noch war kein Anschein da, sie wieder geben zu können.
So bald als Stilling in sein Zimmer kam und dasselbe leer fand, (denn Herr Troost war in ein Collegium gegangen,) so schloss er die Tür hinter sich zu, warf sich in einen Winkel nieder, und rang recht mit Gott um hülfe und Erbarmen; indessen äusserte sich nichts tröstliches für ihn, bis den Donnerstag Abend. Es war schon fünf Uhr, und um sechs war die Zeit, dass er das Geld haben musste. Stilling begonnte fast im Glauben zu wanken; der Angstschweiss brach ihm aus, und sein ganzes Angesicht war nass von Tränen. Er fühlte weder Mut noch Glauben mehr, und deswegen sah er von ferne in eine Zukunft, die der Hölle mit allen ihren Qualen ähnlich war. Indem er mit solchen traurigen Gedanken in dem Zimmer auf und abging, klopfte jemand an die Tür. Er rief: herein! Es war der Patron des Hauses, der Herr R ... Dieser trat ins Zimmer, und nach den gewöhnlichen Complimenten fing er an: ich komme, um zu sehen, wie Sie sich befinden, und ob Sie mit meinem Zimmer zufrieden sind. (Herr Troost war wiederum nicht da, und der wusste auch von Stillings jetzigen Kampf gar nichts.) Stilling antwortete: Es macht mir viel Ehre, dass Sie sich nach meinem Befinden zu erkundigen belieben. Ich bin Gott lob! gesund, und Dero Zimmer ist nach unser beider höchstem Wunsch.
Herr R ... versetzte: das macht mir Freude, besonders da ich sehe, dass Sie so sittsame wackere Leute sind. Aber ich wollte doch vornehmlich nach eins fragen: "Haben Sie Geld mitgebracht, oder bekommen Sie Wechsel? –" Nun wards Stillingen als dem Habacuc, wie ihn der Engel des Herrn beim Schopf nahm, um ihn nach Babel zu führen. Er antwortete: Nein, ich habe kein Geld mitgebracht.
Herr R ... stand, sah ihn starr an und versetzte: "Wie kommen Sie denn doch um Gottes willen zurecht?"
Stilling antwortete: Herr Troost hat mir schon geliehen. "hören Sie, fuhr Herr R ... fort: der hat sein Geld selber nötig. Ich will Ihnen Geld vorschiessen, so viel Sie brauchen; wenn Sie dann Wechsel bekommen, so geben Sie mir nur selbigen, auf dass Sie keine Unruhe mit dem Verkauf haben mögen. Brauchen Sie auch wohl jetzt etwas Geld?" Stilling konnte sich kaum entalten, dass er nicht laut rief, doch hielt er an sich und liess sich nichts merken. Ja! sagte er, ich habe diesen Abend sechs Louisd'or nötig, und ich war verlegen.
Herr R ... entsetzte sich, und erwiderte: "Ja das glaube ich! Nun sehe ich: Gott hat mich zu Ihrer hülfe hergesandt." Nun ging er zur Tür hinaus.
Stilling war es nun wie dem Daniel im Löwengraben, da ihm Habacuc die Speise brachte; er versank ganz von Empfindung, und wurde kaum gewahr, dass Herr R ... wieder hereintrat. Dieser vortrefliche Mann brachte acht Louisd'or, zählte sie ihm dar, und sagte: "Da haben Sie noch etwas übrig, und wenn das all ist, so fordern Sie mehr."
Stilling durfte seinen herzlichen Dank nicht ganz auslassen, um sich nicht allzusehr bloss zu geben. Nun empfahl sich der edle Mann, und ging fort.
In dem Kreis, worin sich Stilling jetzt befand