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kann, er wagts und springt ins Meer, ob er sich mit schwimmen noch retten mögte.

Stilling wusste auch keinen andern Rat mehr; er warf sich mit seinem Mädgen in die arme der väterlichen Fürsorge Gottes, und nun war er ruhig, er beschloss aber dennoch weder Herrn Spanier noch sonst jemand in der Welt etwas von diesem Vorfall zu sagen.

Herr Friedenberg hatte Stillingen die erlaubnis gegeben, alle Medicamenten in dasige Gegenden nun an ihn zu fernerer Besorgung zu übermachen; deswegen schickte er des folgenden Samstags, welches neun Tage nach seiner Verlobung war, ein Päckgen Medicin, an ihn ab, wobei er einen Brief fügte, der ganz aus seinem Herzen geflossen war, und welcher ziemlich entdeckte, was darinnen vorging; ja was noch mehr war, er schlug sogar ein versiegeltes Schreiben an seine Verlobte darin ein, und alles dieses tat er ohne überlegung und Nachdenken, was vor Folgen daraus entstehen könnten; als aber das Paquet fort war, da überdachte er erst, was daraus werden könnte, ihm schlug das Herz, und er wusste sich fast nicht zu lassen.

niemals ist ein Weg für ihn sauerer gewesen, als wie er acht Tage hernach des Samstags Abends seinen gewöhnlichen gang nach Rasenheim ging. Je näher er dem haus kam, je mehr klopfte sein Herz. Nun trat er zur Stubentür hinein. Christine hatte sich in etwas erhohlet; sie war daselbst mit ihren Eltern und einigen Kindern. Er ging, wie gewöhnlich, mit freudigem blick auf Friedenberg an, gab ihm die Hand, und dieser empfieng ihn mit gewöhnlicher Freundschaft, so auch die Frau Friedenberg, und endlich auch Christine. Stilling ging nun wieder heraus, und hinauf nach seinem Schlafzimmer, um ein und anders das er bei sich hatte abzulegen. Ihm war schon ein Band vom Herzen, denn sein Freund hatte entweder nichts gemerkt, oder er war mit der ganzen Sache zufrieden. Er ging nun wieder herunter, und erwartete was ferner vorging. Als er unten auf die Treppe kam, so winkte ihm Christine, die gegen der Wohnstube über, in einer Kammertür stunde; er ging zu ihr, sie schloss die Kammertür hinter ihm zu, und beide setzten sich neben einander. Christine fing nun an:

"Ach! welchen Schrecken hast Du mir mit Deinen Briefen abgejagt! meine Eltern wissen alles. Hör, ich will Dir alles sagen, wie es ergangen ist. Als die Briefe kamen, war ich in der stube, mein Vater auch, meine Mutter aber war in der kammer auf dem Bett. Mein Vater brach den Brief auf, er fand noch einen drinnen an mich, er reichte mir denselben mit den Worten: da ist auch ein Brief an Dich. Ich wurde rot, nahm ihn an, und las ihn. Mein Vater las den seinigen auch, schüttelte zuweilen den Kopf, stunde und bedachte sich, dann las er wieder. Endlich ging er in die kammer zu meiner Mutter; ich konnte alles verstehn was gesprochen wurde. Mein Vater las ihr den Brief vor. Als er ausgelesen hatte, so lachte meine Mutter, und sagte: Begreifst Du auch wohl, was der Brief bedeutet? er hat Absichten auf unsre Tochter. Mein Vater antwortete: Das ist nicht möglich, er ist ja nur eine Nacht mit meinem Sohn bei ihr gewesen, dazu ist sie krank, und doch kommt mir auch der Brief bedenklich vor. Ja, Ja! sagte die Mutter: denke nicht anders, es ist so. Nun ging mein Vater hinaus, und sagte nichts mehr. Alsbald rief mir meine Mutter: Komm Christine! lege Dich ein wenig bei mich, Du bist gewiss des Sitzens müde. Ich ging zu ihr, und legte mich neben sie. Hör! fing sie an: hat Gevatter Stilling Neigung zu Dir? Ich sagte rund aus: Ja! das hat er. Sie fuhr fort: Ihr seid doch noch nicht versprochen? Ja, Mutter! antwortete ich: Wir sind auch versprochen; und nun musste ich weinen. Gott im Himmel! sagte meine Mutter: Wie ist das zugegangen? ihr seid ja nicht zusammen gewesen! Nun erzählte ich ihr umständlich alles wie es ergangen ist, und sagte ihr die klare Wahrheit. Sie erstaunte darüber, und sagte: Du tust einen harten Angang. Stilling muss noch erst studieren, eh ihr beisammen leben könnt, wie willst Du das aushalten? Du bist ohnehin schwächlichen Gemüts und Leibes. Ich antwortete: ich will mich schicken so gut ich kann, der Herr wird mir beistehen! ich muss diesen heuraten; und wenn ihr Eltern mir es verbietet, so will ich euch darinnen gehorchen, aber einen andern werde ich nie nehmen. Das wird keine Not haben, versetzte meine Mutter. Sobald nun meine beide Eltern wieder allein in der kammer, und ich in der stube war, so erzählte sie meinem Vater alles, eben so wie ichs ihr erzählt hatte. Er schwieg lange, endlich fing er an: Das ist mir eine unbeschreibliche Sache, ich kann nichts dazu sagen. So steht die Sache noch, mein Vater hat mir kein Wort gesagt, weder gutes noch böses. Nun ist es aber unsre Pflicht, dass wir noch diesen Abend unsre Eltern fragen, und ihre völlige Einwilligung erhalten. So eben wie Du die Treppe herauf gingst, sagte mein Vater zu mir: Geh mit Stilling in die andre stube allein, du sollst wohl mit ihm zu reden haben."