Friedenberg schrieb, einen Brief, worin ihn dieser Mann ersuchte, so bald als möglich nach Rasenheim zu kommen, weil einer seiner Nachbarn einen Sohn habe, der seit einigen Jahren mit bösen Augen behaftet gewesen, und Gefahr laufe blind zu werden. Herr Spanier trieb ihn an, alsofort zu gehen. Stilling tat das, und nach dreien Stunden eben Vormittag kam er bei Herrn Friedenberg zu Rasenheim an. Dieser Mann bewohnte ein schönes niedliches Haus, welches er vor ganz kurzer Zeit hatte bauen lassen. Die Gegend wo er wohnte, war überaus angenehm. So bald Stilling in das Haus trat, und überall Ordnung, Reinigkeit und Zierde ohne Pracht bemerkte, so freute er sich, und fühlte, dass er da würde wohnen können. Als er aber in die stube trat, und Herrn Friedenberg selber nebst seiner Gattin und neun schönen wohlgewachsenen Kindern so der Reihe nach sah, wie sie alle zusammen nett und zierlich, aber ohne Pracht gekleidet, da gingen und stunden, wie alle Gesichter Wahrheit, Rechtschaffenheit und Heiterkeit um sich strahlten, so war er ganz entzückt, und nun wünschte er wirklich, ewig bei diesen Leuten zu wohnen. Da war kein Treiben, kein Ungestüm, sondern eitel wirksame Tätigkeit aus Harmonie und guten Willen.
Herr Friedenberg bot ihm freundlich die Hand, und nötigte ihn zum Mittagessen. Stilling nahm das Anerbieten mit Freuden an. So wie er mit diesen Leuten redete, so entdeckte sich alsofort eine unaussprechliche Uebereinstimmung der Geister; alle liebten Stilling in dem Augenblick, und er liebte sie auch alle über die massen. Sein ganzes Gespräch mit Herrn und Frau Friedenberg war bloss vom Christentum und der wahren Gottseeligkeit, wovon diese Leute ganz und allein Werk machten.
Nach dem Essen ging Herr Friedenberg mit ihm zum Patienten, welchen er besorgte, und darauf wieder mit seinem Freund zurück ging um Caffee zu trinken. Mit Einem Wort, diese drei Gemüter, Herr und Frau Friedenberg und Stilling, schlossen sich vest zusammen, wurden ewige Freunde, ohne sich es sagen zu dürfen. Des Abends ging Letzterer wieder zurück an seinen Ort, allein er fühlte etwas leeres nach diesem Tage, er hatte seit der Zeit seiner Jugend nie wieder eine solche Haushaltung angetroffen, er hätte gern näher bei Herrn Friedenberg gewohnt, um mehr mit ihm und seinen Leuten umgehen zu können.
Indessen fing der Patient zu Rasenheim an, sich zu bessern, und es fanden sich mehrere in dasigen Gegenden, sogar in Schönental selbsten, die seiner hülfe begehrten; daher beschloss er, mit Genehmhaltung des Herrn Spaniers, alle vierzehn Tage des Samstags Nachmittags wegzugehen, um seine Patienten zu besuchen, und des Montags morgens wieder zu kommen. Er richtete es deswegen so ein, dass er des Samstags Abends bei Herrn Friedenberg ankam, des Sonntags Morgens ging er dann umher, und bis nach Schönental, besuchte seine Kranken, und des Sonntags Abends kam er wieder nach Rasenheim, von wannen er des Montags Morgens wieder nach haus ging. Bei diesen vielfältigen Besuchen wurde seine genaue Verbindung mit Herrn Friedenberg und seinem haus immer stärker; er erlangte auch eine schöne Bekanntschaft in Schönental mit vielen frommen Gottesfürchtigen Leuten, die ihn Sonntags Mittags wechselsweise zum Essen einluden, und sich mit ihm vom Christentum und andern guten Sachen unterredeten.
Dieses dauerte so fort bis in den Februar des folgenden 1770sten Jahrs, als Frau Friedenberg mit einem jungen Töchterlein entbunden wurde; diese frohe Neuigkeit machte Herr Friedenberg nicht nur seinem Freunde Stilling bekannt, sondern er ersuchte ihn sogar des folgenden Freitags als Gevatter bei seinem kind an der Taufe zu stehen. Dieses machte Stillingen ungemeine Freude. Herr Spanier indessen konnte nicht begreifen, wie ein Kaufmann dazu komme, den Bedienten eines andern Kaufmanns zu Gevattern zu bitten; allein Stillingen wunderte das nicht, denn Herr Friedenberg und er, wussten von keinem Unterschied des Standes mehr, sie waren Brüder.
Zur bestimmten Zeit ging also Stilling hin, um der Taufe beizuwohnen. Nun hatte aber Herr Friedenberg eine Tochter, welche die ältste unter seinen Kindern, und damahls im ein und zwanzigsten Jahr war. Dieses Mädchen hatte von ihrer Jugend an die Stille und Eingezogenheit geliebt, und deswegen war sie blöde gegen alle fremde Leute, besonders wenn sie etwas vornehmer gekleidet waren als sie gewohnt war. Ob dieser Umstand zwar in Ansehung Stillings nicht im Wege stunde, so vermied sie ihn doch so viel sie konnte, so dass er sie wenig zu sehen bekam. Ihre ganze Beschäftigung hatte von Jugend auf in anständigen Hausgeschäften, und dem nötigen Unterricht in der christlichen Religion nach dem evangelisch-luterischen Bekenntniss, nebst Schreiben und Lesen bestanden; mit Einem Worte, sie war ein niedliches artiges junges Mädgen, die eben nirgends in der Welt gewesen war, um nach der Mode leben zu können, deren gutes Herz aber, alle diese einem rechtschaffenen Mann unbedeutende Kleinigkeiten reichlich ersetzten.
Stilling hatte diese Jungfer vor den andern Kindern seines Freundes nicht vorzüglich bemerkt, er fand in sich keinen Trieb dazu, und er durfte auch an so etwas nicht denken, weil er noch ehe weit aussehende Dinge aus dem Wege zu räumen hatte.
Dieses liebenswürdige Mädgen hiess Christine. Sie war seit einiger Zeit schwerlich krank gewesen, und die ärzte verzweifelten alle an ihrem Aufkommen. Wenn nun Stilling nach Rasenheim kam, so fragte er nach ihr, als nach der Tochter seines Freundes; da ihm aber niemand Anlass gab, sie auf ihrem Zimmer zu besuchen, so dachte er auch nicht daran.
Diesen Abend aber, nachdem die Kindtaufe