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als er Abschied nahm. Aufs neue gestärkt wanderte er wieder seinen Weg fort.

Nach fünf Stunden da es gerad Mittag war, kam er in einen schönen Flecken, der in einer angenehmen Gegend lag; er fragte nach einem guten Wirtause; man wies ihm eins an der Strasse, er ging hinein, trat in die stube, und forderte etwas zu essen. Hier sass ein alter Mann am Ofen; der Schnitt seiner Kleider zeigte etwas Vornehmes, die eigentliche Beschaffenheit derselben aber, dass er weit von seinem ehemaligen Zustand herunter gekommen sein musste; sonst waren zwei Jünglinge und ein Mädgen daselbst, deren tiefe Trauerkleider den Verlust eines nahen Anverwandten vermuten liessen. Das Mädgen besorgte die Küche, sie sah modest und reinlich aus.

Stilling setzte sich gegen den alten Mann über; sein offenes Gesicht und seine Freundlichkeit erweckte den Greis, das er sich mit ihm in ein Gespräch einliess. Beide wurden bald vertraulich, so dass Stilling seine ganze geschichte erzehlte. Conrad Brauer (so hiess der Alte) verwunderte sich über ihn, und weissagte ihm viel Gutes. Nun rüstete sich der ehrliche Mann auch, um seine Schicksale zu erzählen; das tat er einem jeden, der nur Lust hatte ihm zuzuhören; dieses geschah vor, während und nach dem Mittagessen. Die jungen Leute, welche seines Bruders Kinder waren, mochten das alles wohl hundertmal gehört haben; sie merkten nicht sonderlich auf, doch bekräftigten sie zuweilen etwas, das unglaublich war. Stilling hörte indessen fleissiger zu; denn erzählen war doch ohnhin seine Lieblingssache. Conrad Brauer fing folgendermassen an:

"Ich bin der ältste unter dreien Brüdern; der mittlere ist ein reicher Kaufmann an diesem Ort, und der jüngste war der Vater dieser Kinder, deren Mutter vor einigen Jahren, mein Bruder aber vor wenig Wochen gestorben ist. Ich legte mich in meiner Jugend aufs Wollenweberhandwerk; und da wir von unsern Eltern nichts ererbt hatten, so führte ich meine beiden Brüder mit dazu an, doch der jüngste tat eine gute Heurat hier in dieses Haus; er verliess also das Handwerk und wurde ein Wirt. Ich und mein mittelster Brudes setzten unterdessen die Fabrique fort. Ich war glücklich, und kam unter Gottes Seegen in eine gute Handlung, so, dass ich Wohlstand und Reichtum erlangte; ich liess es meinen mittleren Bruder reichlich geniessen. Ja, Gott weiss, dass ichs getan habe!

Indessen fing mein Bruder eine sonderbare Freierei an. Hier in der Nähe wohnte eine alte Frauensperson, die wenigstens sechzig Jahr alt, und dabei aus der massen hässlich war, so, dass man sie auch wegen ihrer übermässigen Unreinlichkeit, so zu sagen, mit keiner Zange hätte anfassen sollen. Diese alte Jungfer war sehr reich, dabei aber so geizig, dass sie kaum satt Brod und wasser genoss. Die gemeine Rede ging: dass sie ihr vieles Geld in einem Sack habe, den sie an einem ganz unbekannten Ort verborgen hätte. Mein Bruder ging dahin, und suchte das ausgelöschte Feuer dieser person wiederum anzuzünden, es gelung ihm auch nach Wunsch, sie wurde verliebt in ihm, und er auch in sie, so, dass Trauung und Hochzeit bald vor sich gingen. Mit der Entdeckung des Hausgötzens wollte es aber lange nicht recht fort, doch geriet es meinem braven Bruder endlich auch, er fand ihn, und brachte ihn mit Freuden in Sicherheit; das kränkte nun die gute Schwägerin, dass sie die Auszehrung bekam, und zu grosser Freude meines Bruders starb.

Er hielt ehrlich die Trauerzeit aus, suchte sich aber unter der Hand eine junge, die ungefehr so schwer sein mochte, als er ganz unschuldiger Weise geworden war; diese nahm er, und nun fing er an, mit seinem Geld zu wuchern, und zwar auf meine Unkosten; denn er handelte mit wollen Tuch, und so stach er mir alle meine Handlungsfreunde ab, indem er immer die Waaren wohlfeiler umschlug, als ich. Hierüber fing ich an zurück zu gehen, und meine Sachen verschlimmerten sich von Tag zu Tag. Dieses sah er wohl, er fing daher an freundlich gegen mich zu sein, und versprach mir Geld vorzuschiessen, so viel ich nötig haben würde; ich war so törigt, ihm zu glauben; endlich, als es ihm Zeit dauchte, nahm er mir alles, was ich auf der Welt hatte; meine Frau kränkte sich zu Tod, und ich lebe in Elend, Hunger und Kummer; meinen seligen Bruder hier im Haus, hat er auf eben die Weise aufgefressen."

Ja, das ist wahr! sagten die drei Kinder, und weinten.

Stilling hörte diese geschichte mit Entsetzen; er sagte: das ist wohl einer von den abscheulichsten Menschen unter der Sonnen, dem wirds in jener Welt sauer eingetränkt werden.

Ja! sagte der alte Brauer, darauf lassens solche Leute ankommen.

Nach dem Essen ging Stilling an ein Clavier, das an der Wand stunde, spielte und sung dazu: Wer nur den lieben Gott lässt walten. Der Alte faltete die hände, und sung aus vollem Halse mit, so, dass ihm die Tränen über die Wangen herab rollten, desgleichen taten auch die drei jungen Leute.

Nun bezahlte Stilling was er verzehrt hatte, gab einem jeden die Hand, und nahm Abschied. Alle waren vertraulich mit ihm, und begleiteten ihn vor die Haustür, wo sie ihm noch einmal alle vier die Hand gaben, und ihn dem Schutz Gottes empfohlen.

Er wanderte also wiederum die Schönentaler Landstrasse fort,