er auch die fünf ersten Capitel des Evangeliums Mattäi, ohne Fehler gemacht zu haben, ins Lateinische übersetzt, und alle Wörter zugleich analysiret. Herr Pastor Seelburg erstaunte und wusste nicht was er sagen sollte; dieser rechtschaffene Mann unterrichtete ihn nur in der Aussprache, und die fasste er gar bald. Bei dieser gelegenheit machte er sich auch ans Hebräische, und brachte es auch darin in kurzem so weit, dass er mit hülfe eines Lexicons sich helfen konnte; auch hier tat Herr Seelburg sein bestes an ihm.
Indessen dass er mit erstaunlichen Fleiss und Arbeit sich mit diesen Sprachen beschäftigte, schwieg Herr Spanier ganz still dazu, und liess ihn machen; kein Mensch wusste was aus dem Dinge werden wollte, und er selber wusste es nicht; die mehresten aber glaubten von ihm, er würde ein Prediger werden wollen.
Endlich entwickelte sich die ganze Sache auf einmal. An einem Nachmittag im Julius spazierte Herr Spanier in der Stuben auf und ab, wie er zu tun pflegte, wenn er eine wichtige Sache überlegte, Stilling aber arbeitete an seinen Sprachen, und an der Information. "Hört Präceptor! fing endlich Spanier an: mir fällt da auf einmal ein, was Ihr tun sollt, Ihr müsst Medicin studiren."
Ich kanns nicht aussprechen, wie Stilling bei diesem Vorschlag zu Mute war, er konnte sich fast nicht auf den Füssen halten, so dass Herr Spanier erschrack, ihn angriff und sagte: was fehlt Euch? "O Herr Spanier! was soll ich sagen, was soll ich denken? das ist es, wozu ich bestimmt bin. Ja, ich fühl in meiner Seelen, das ist das grosse Ding, das immer vor mir verborgen gewesen, das ich so lange gesucht, und nicht habe finden können! dazu hat mich der himmlische Vater von Jugend auf durch schwere und scharfe Prüfungen vorbereiten wollen. Gelobet sei der barmherzige Gott, dass er mir doch endlich seinen Willen offenbaret hat, nun will ich auch getrost seinem Wink folgen."
Hierauf lief er nach seiner Schlafkammer, fiel auf seine Knie, dankte Gott, und bat den Vater der Menschen, dass er ihn nun den nächsten Weg zum bestimmten Zweck führen möchte. Er besann sich auf seine ganze Führung, und nun sah er klar ein, warum er eine so ausgesonderte Erziehung genossen, warum er die lateinische Sprache so früh habe lernen müssen, warum sein Trieb zur Matematik, und zur erkenntnis der verborgenen Kräfte der natur ihm eingeschaffen worden, warum er durch viele Leiden beugsam und bequem gemacht worden, allen Menschen zu dienen, warum eine Zeit her seine Lust zur Philosophie so gewachsen, dass er die Logik und Metaphysik habe studiren müssen, und warum er endlich zur griechischen Sprache solche Neigung bekommen? Nun wusste er seine Bestimmung, und von stunde an beschloss er für sich zu studiren, und so lange Materialien zu sammlen, bis es Gott gefallen würde, ihn nach der Universität zu schicken.
Herr Spanier gab ihm nun erlaubnis, des Abends einige Stunden für sich zu nehmen; er brauchte ihn auch nicht mehr so stark in Handlung-Geschäften, damit er Zeit haben möchte zu studiren. Stilling setzte nun mit Gewalt sein Sprachstudium fort, und fing an, sich mit der Anatomie aus Büchern bekannt zu machen. Er las Krügers Naturlehre, und machte sich alles, was er lase, ganz zu eigen, er suchte sich auch einen Plan zu formiren, wornach er seine Studien einrichten wollte, und dazu verhalfen ihm einige berühmte ärzte, mit denen er correspondirte. Mit Einem Wort, alle Disciplinen der Arzeneikunde ging er für sich so gründlich durch, als es ihm für die Zeit möglich war, damit er sich doch wenigstens allgemeine Begriffe von allen Stücken verschaffen möchte.
Diese wichtige Neuigkeit schrieb er alsofort an seinen Vater und Oheim. Sein Vater antwortete ihm darauf: dass er ihn der Führung Gottes überlasse, nur könne er von seiner Seiten auf keine Unterstützung hoffen, er sollte nur behutsam sein, damit er sich nicht in ein neues Labyrint stürzen möchte. Sein Oheim aber war ganz unwillig auf ihn, der glaubte ganz gewiss, dass es nur ein blosser Hang zu neuen Dingen sei, der sicherlich übel ausschlagen würde. Stilling liess sich das alles gar nicht anfechten, sondern fuhr nur getrost fort zu studiren. Wo die Mittel herkommen sollten, das überliess er der väterlichen Vorsehung Gottes.
Im folgenden Frühjahr, als er schon ein Jahr studirt hatte, musste er wieder in Geschäften seines Herrn ins Salensche Land reisen. Dieses erfreute ihn ungemein, denn er hoffte jetzt seine Freunde mündlich besser zu überzeugen: dass es wirklich der Wille Gottes über ihn sei, die Medicin zu studiren. Er ging also des Morgens früh fort, und des Nachmittags kam er bei seinem Oheim zu Lichtausen an. Dieser ehrliche Mann fing alsofort, nach der Bewillkommnung, an, mit ihm zu disputiren, wegen seines neuen Vorhabens. Die ganze Frage war: wo soll so viel Geld herkommen, als zu einem so weitläuftigen und kostbaren Studium erfordert wird? – Stilling beantwortete diese Frage immer mit seinem Symbolum: Jehovah jireh, (der Herr wirds versehen.)
Des andern Morgens ging er auch zu seinem Vater; dieser war ebenfalls sorgfältig, und fürchtete, er möchte in diesem wichtigen Vorhaben scheitern: doch disputirte er nicht mit ihm, sondern überliess ihn seinem Schicksal.
Nachdem er nun seine Geschäfte verrichtet hatte, ging er wieder nach seinem Vater, nahm Abschied von ihm, und