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Hör Henrich! sei demütig und fromm, so wirds Dir wohl gehen, schäme Dich nie Deines Herkommens und deiner armen Freunde, Du magst so gross werden in der Welt als Du willst. Wer gering ist, kann durch Demut gross werden, und wer vornehm ist, kann durch Stolz gering werden; wenn ich nun tot bin, so ist es einerlei, was ich in der Welt gewesen bin, wenn ich nur christlich gelebt habe.

Stilling musste ihr mit Hand und Mund alles dieses angeloben. Nachdem er nun noch ein und anders mit ihr geredet hatte, nahm er schnell Abschied von ihr, das Herz brach ihm, denn er wusste dass er sie in diesem Leben nicht wieder sehen würde; sie war am rand des Todes; allein sie grif ihm die Hand, hielt ihn vest, und sagte: Du eilstGott sei mit Dir mein Kind! vor dem Tron Gottes sehe ich dich wieder! Er drückte ihr die Hand und weinte. Sie merkte das: Nein! fuhr Sie fort, weine nicht über mich! mir gehts wohl, ich empfehl Dich Gott von Herzen in seine väterliche hände, der wolle Dich seegnen, und vor allem Bösen bewahren! Nun geh in Gottes Namen! Stilling riss sich fort, lief aus dem haus weg, und ist auch seitdem nicht wieder dahin gekommen. Einige Tage nachher starb Margarete Stillings; sie liegt zu Florenburg, neben ihrem mann, begraben.

Nun war's Stilling als wenn ihm sein Vaterland zuwider wäre; er machte sich fort und eilte wieder in die Fremde, kam auch bei Herrn Spanier wieder an, nachdem er fünf Tage ausgeblieben war. Ich will mich mit Stillings einförmigen Lebensart und Verrichtungen die ersten vier Jahre durch, nicht aufhalten, sondern ich gehe zu wichtigern Sachen über. Er war nun schon eine geraume Zeit her mit der Information, und Herrn Spaniers Geschäften umgegangen; er rückte immer mehr und mehr in seinen Jahren fort, und es begann ihm zuweilen einzufallen: was doch wohl am Ende noch aus ihm werden würde? – Mit dem Handwerk war es nun gar aus, er hatte es in einigen Jahren nicht mehr versucht, und die Unterweisung der Jugend war ihm ebenfalls verdriesslich, er war ihrer von Herzen müde, und er fühlte, dass er nicht dazu gemacht war; denn er war geschäftig und wirksam. Die Kaufmannschaft gefiel ihm auch nicht, denn er sah wohl ein, dass er sich gar nicht dazu schicken würde, beständig fort mit dergleichen Sachen umzugehen, dieser Beruf war seinem Grundtrieb zuwider; doch wurde er weder verdriesslich noch melancholisch, sondern er erwartete, was Gott aus ihm machen würde.

Einsmahls an einem Frühlingsmorgen, im Jahr 1768, sass er nach dem Coffeetrinken am Tisch; die Kinder liefen noch eine Weile im Hof herum, er grif hinter sich nach einem Buch, und es fiel ihm just Reizens Historie der Wiedergebornen in die Hand, er blätterte ein wenig darinnen herum ohne Absicht und ohne Nachdenken; indem fiel ihm die geschichte eines Mannes ins Gesicht, der in Griechenland gereist war, um daselbsten die Ueberbleibsel der ersten christlichen Gemeinden zu untersuchen. Diese geschichte las er zum Zeitvertreib. Als er dahin kam, wo der Mann auf seinem Todtbette, noch seine Lust an der griechischen Sprache bezeugt, und besonders bei dem Wort Eilikrineia so ein vortrefliches Gefühl hat, so war es Stilling als wenn er aus einem tiefen Schlaf erwachte. Das Wort Eilikrineia stand vor ihm als wenn es in einem Glanz gelegen hätte, dabei fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb die griechische Sprache zu lernen, und einen verborgenen starken Zug zu etwas, das er noch gar nicht kannte, auch nicht zu sagen wusste, was es war. Er besann sich, und dachte: Was will ich doch mit der griechischen Sprache machen? wozu wird sie mir nutzen? welche ungeheure Arbeit ist das für mich, in meinem 28sten Jahr noch eine so schwere Sprache zu lernen, die ich noch nicht einmal lesen kann! Allein alle Einwendungen der Vernunft waren ganz fruchtlos, sein Trieb dazu war so gross, und die Lust so heftig, dass er nicht gnug eilen konnte, um zum Anfang zu kommen. Er sagte dieses alles Herrn Spanier; dieser bedachte sich ein wenig, endlich sagte er: Wenn Ihr Griechisch lernen müsst, so lernt es! Stilling machte sich alsofort auf, und ging nach Waldstätt zu einem gewissen vortreflichen Candidaten der Gottesgelahrteit, der sein sehr guter Freund war, diesem entdeckte er alles. Der Candidat freute sich, munterte ihn dazu auf, und sogar empfahl er ihm die Teologie zu studieren; allein Stilling spürte keine Neigung dazu, sein Freund war auch damit zufrieden, und riet ihm, auf den Wink Gottes genau zu merken, und demselben, so bald er ihn spürte, blindlings zu folgen. Nun schenkte er ihm die nötigen Bücher, die griechische Sprache zu lernen, und wünschte ihm Gottes Seegen. Von da ging er auch zu den Predigern, und entdeckte ihnen sein Vorhaben, diese waren auch sehr wohl damit zufrieden, besonders Herr Seelburg versprach ihm alle hülfe und nötigen Unterricht, denn er kam alle Woche zweimal in Herrn Spaniers Haus.

Nun fing Stilling an griechisch zu lernen. Er applicirte sich mit aller Kraft darauf, bekümmerte sich aber wenig um die Schulmetode, sondern er suchte nur mit Verstand in den Genius der Sprache einzudringen, um das, was er las, recht zu verstehen. Kurz, in fünf Wochen hatte