Er sass da in einem dunklen Stübchen, hatte einen schmutzigen Schlafrock von schlechtem Camelot an, mit einer Binde von demselben Zeug umgürtet; auf dem Kopf hatte er eine latzige Mütze; sein Gesicht war blass, wie eines Menschen, der schon einige Tage im grab gelegen, und im verhältnis gegen die Breite viel zu lang. Die Stirn war schön, aber unter pechschwarzen Augbraunen lagen ein paar schwarze schmale kleine Augen tief im Kopf, die Nase war schmal lang, der Mund ordentlich, aber der Kinn stunde platt und scharf vorwärts, den er auch immer sehr weit vorwärts trug; sein rabenschwarzes Haar war rund abgeschnitten, und rund um gekräuselt; so war er schmal, lang und schön gewachsen.
Stilling erschrack einigermassen vor diesem seltsamen gesicht, liess sich aber doch nichts merken, sondern grüsste ihn, und trug ihm sein Vorhaben vor. Herr Heesfeld nahm ihn freundlich auf, und sagte: ich werde an Ihnen tun was ich vermag. Stilling suchte sich nun ein Quartier, und fing sein Studium der französischen Sprache an, und zwar folgendergestalt. Der Vormittags von acht bis elf Uhr, wohnte er der ordentlichen Schule bei, des Nachmittags von zwo bis fünf auch, er sass aber mit Heesfeld an einem Tisch, sie sprachen immer, und hatten Zeitvertreib zusammen, wenn aber die Schule aus war, so gingen sie spaziren.
So sonderlich als Heesfeld gebildet war, so sonderlich war er auch in seinem Leben und Wandel. Er gehörte zur klasse der Launer wie ehmahls Glaser auch, denn er sagte niemand was er dachte, kein Mensch wusste wo er her war, und eben so wenig wusste jemand ob er arm oder reich war. Vielleicht hat er niemand in seinem Leben zärtlicher geliebt als Stillingen, und doch ist dieser erst nach seinem tod inne geworden, wo er her war, und dass er ein reicher Mann gewesen.
Seine sonderliche denkart leuchtete daraus auch hervor, dass er immer seine Geschicklichkeit verbarg, und nur so viel davon blicken liess, als just nötig war. Dass er vollkommen französisch verstund, äusserte sich alle Tage; dass er aber auch ein vortreflicher Lateiner war, das zeigte sich erst, als Stilling zu ihm kam, mit welchem er die Information auf den Fuss der lateinischen Grammatik einrichtete, und täglich mit ihm lateinische Verse machte die unvergleichlich schön waren. Zeichnen, Tanzen, Physik und Chymie verstund er in einem hohen Grad; und noch zwei Tage vor Stillings Abreise traf es sich, dass letzterer in seiner Gesellschaft auf einem Clavier spielte. Heesfeld hörte zu. Als Stilling aufhörte, setzte er sich hin, und tat anfänglich, als wenn er in seinem Leben kein Clavier berührt hätte, aber in weniger als fünf Minuten fing er so treflich melancholisch-fürchterlich an zu phantasiren, dass einem die Haare zu Berge stunden; allmählich schwung er sich zum melancholischzärtlichen, von da ins cholerisch-feurige, darauf ins gelassene ruhige, phantasirte eine phlegmatische Murqui, darauf in ein sanguinisch-zärtliches Adagio, dann ein Allegro, und nun schloss er mit einer lustigen Menuette aus D dur. Stilling hätte zerschmelzen mögen über seine empfindsame Art zu spielen, und bewunderte diesen Mann aus der Maassen.
Heesfeld war in seiner Jugend in Kriegsdienste gegangen; wegen seiner Geschicklichkeit wurde er von einem hohen Officier in seine eigene Dienste genommen, der ihn in allem hatte unterrichten lassen, wozu er nur Lust gehabt hatte; mit diesem Herrn war er durch die Welt gereist, der nach zwanzig Jahren stirbt, und ihm ein schönes Stück Geld vermacht. Heesfeld war nun vierzig Jahr alt, reiste nach Haus, aber nicht zu seinen Eltern und Freunden, sondern er nahm einen fremden Geschlechtsnamen an, ging nach Dornfeld als französischer Sprachmeister, und obgleich seine Eltern und zwei Brüder nur zwo Stunden von ihm ab wohnten, so wussten sie doch gar nichts von ihm, sondern sie glaubten, er sei in der Fremde gestorben; auf seinem Todbette aber hat er sich seinen Brüdern zu erkennen gegeben, ihnen seine Umstände erzählt, und eine reichliche Erbschaft hinterlassen; und nach seinem System war es auch da noch früh genug.
Man nenne dieses nun Fehler oder Tugend, er hatte bei dem allem eine edle Seele; seine Menschenliebe war auf einen hohen Grad gestiegen, aber er handelte in geheim; auch denen er Guts tat, die durftens nicht wissen. Nichts konnte ihn mehr ergetzen, als wenn er hörte, dass die Leute nicht wüssten, was sie aus ihm machen sollten.
Wenn er mit Stilling spaziren ging, so sprachen sie von Künsten und Wissenschaften. Ihr Weg ging immer in die wildesten Einöden, dann stieg Heesfeld auf einen schwanken Baum der sich gut biegen liess, setzte sich oben in den Gipfel, hielt sich fest, und wiegte sich mit ihm auf die Erde, legte sich eine Weile in Aeste und ruhete. Stilling machte ihm das dann nach, und lagen sie und plauderten; wenn sie dessen müde waren, so stunden sie auf, und dann richteten sich die Bäume wieder auf; das war Heesfelds Freude, dann sagte er wohl: schön sind unsre Betten, wenn wir aufstehen so fahren sie gegen Himmel! – Zuweilen gab er auch wohl jemand ein Rätsel auf, und fragte: was sind das vor Betten, die in die Luft fliegen, wenn man aufsteht?
Stilling lebte aus der massen vergnügt zu Dornfeld. Herr Spanier schickte ihm Geld genug, und er studierte recht fleissig, denn in neun Wochen war er fertig;