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sein Glück, allein es tat ihm doch schmerzlich leid, dass er ihn schon missen sollte, und Stillingen schmerzte es in seiner Seelen, dass er von dem rechtschaffensten Mann in der Welt, und seinem besten Freunde den er je gehabt hatte, Abschied nehmen sollte, eh er ihm seine Kleider abverdient hatte; er redete deswegen mit Herrn Spanier in geheim, und erzehlte ihm was Meister Isaac an ihm getan habe. Spaniern drangen die Tränen in die Augen, und er sagte: "Der vortrefliche Mensch! das soll er mir entgelten, nie soll er Mangel haben. Nun gab er ihm einige Louisd'or mit dem Bedeuten: Isaac davon zu bezahlen, und mit dem übrigen hauszuhalten; wenn es all wäre, sollte er mehr haben, nur dass er alles hübsch berechnete, wozu es verwendet worden."

Stilling freuete sich aus der massen: so einen Mann hatte er noch nicht angetroffen. Er bezahlte also Meister Isaac mit dem Gelde, und nun gestund ihm dieser: dass er wirklich alle Kleider für ihn geborgt hätte. Das ging Stilling durchs Herz, er konnte sich des Weinens nicht entalten, und dachte bei sich selbst: Wenn jemals ein Mann ein marmornes Monument verdient hat, so ist es dieser; nicht, dass er ganze Völker glücklich gemacht hat, sondern darum, dass er es würde getan haben, wenn er gekonnt hätte.

Nochmals! – Gesegnet sei Deine Asche, mein Freund! auserkohren unter Tausenden, – da Du liegst und schläfst; diese heilige Tränen auf dein Grabdu wahrer Nachfolger Christi!!! –

Des Sonntags nahm also Stilling Abschied von seinen Freunden zu Waldstätt, und reiste über Rosenheim nach Schönental, um einen guten Sprachmeister zu suchen. Als er nah bei letztere Stadt kam, so erinnerte er sich: dass er vor einem Jahr und etlichen Wochen diesen Weg zuerst gereist hatte; er überdachte alle seine Schicksale in dieser kurzen Zeit, und nun wieder seinen Zustand, er fiel nieder auf seine Knie, und dankte Gott herzlich für seine strenge aber heilige und gute Führung, bat aber auch zugleich, nunmehr auch seine Gnadensonne über ihn scheinen zu lassen. Als er auf die Höhe kam, wo er ganz Schönental, und das herrliche Tal hinauf übersehen konnte, so wurde er begeistert, setzte sich hin unter das Gesträuche, zog seine Schreibtafel heraus und schrieb:

Ich fühl ein sanftes Liebewallen,

Es säuselt kühlend um mich her.

Ich fühl des Vaters Wohlgefallen,

Der reinen Wonne Wiederkehr.

Die Wolken ziehen sanft herüber,

Tief unten braun, licht oben drüber.

Des kühlen Bachs entferntes Rauschen

Schwimmt wie auf sanften Flügeln her.

Und wie des Frühlings Sänger lauschen,

So horcht mein Ohr; von ungefähr

Ertönt der Vögel süsses Zirbeln

Und mischt sich in der Bäche Wirbeln.

Jetzt heb ich froh die Augenlieder

Zu allen hohen Bergen auf,

Und schlag sie wieder freudig nieder,

Vollführe munter meinen Lauf.

Nun kann ich mit vergnügten Blicken

Den Geist der Qual zur Höllen schicken.

Noch einmal schau ich kühn zurücke

Ins Schattental der Schwermut hin,

Und sehe mit gewohntem Blicke

Den Ort wo ich gewesen bin,

Ich hör ein wildes Chaos brausen,

Und Unglücks- Winde stürmend sausen.

Gleichwie ein blass Gespenste wanket,

In öden Zimmern hin und her,

Ich fühl ein sanftes Liebewallen ...

Wie's da im blöden Nachtschein schwanket,

Streicht langs die Wand und ächzet schwer.

Bemüht sich lang ein Wort zu sagen,

Und jemand seine Not zu klagen.

So wankt ich auch im Höllen-Schlunde,

Im schwärzsten Kummer auf und ab,

Man grub mir jede Marterstunde,

Ein neues grausenvolles Grab.

Tief unten hört ich Drachen grollen,

Hoch droben schwarze Donner rollen.

Ich ging und schaute hin und wieder,

fand Todes-Engel um mich gehen,

Und Blitze zuckten auf mich nieder.

Ich sah ein Pförtchen offen stehen,

Ich eilte durch, und fand mit Freuden,

Das Ende meiner schweren Leiden.

Ich schlupfte hin im stillen Schatten,

Es war noch dämmernd um mich her.

Ich fühlte meinen Fuss ermatten,

Mir wurde jeder Tritt so schwer;

Schon neigt ich mich zum Staub darnieder,

Und schloss die müden Augen-Lieder.

Ich sankdoch wie in Freundes Armen

Ein Todtverwundter niedersinkt,

Wenn ihm das Auge voll Erbarmen

Des Arztes frohe Heilung winkt.

Ich ward erquickt, gestärkt, geheilet,

Und neue Kraft mir mitgeteilet.

Freund Isaac war es, in seiner Halle

fand ich ein lautres Paradeis;

Da schmeckten wir die Freuden alle,

Da stieg zum Höchsten Dank und Preis,

Wir sungen Ihm geweihte Lieder,

Er schaute gnädig auf uns nieder.

Stilling eilte nun den Berg hinunter nach Schönental hin; er vernahm aber, dass die Sprachmeister daselbsten sich für ihn nicht schicken würden, indem sie wegen vieler Geschäfte hin und her in den Häusern, wenig Zeit auf ihn würden verwenden können. Da er nun eilig war und bald fertig sein wollte, so musste er eine gelegenheit suchen, wo er in kurzer Zeit viel lernen konnte; endlich wurde' er gewahr, dass sich zu Dornfeld, wo Herr Dahlheim Prediger war, ein sehr geschickter Sprachmeister aufhielte. Da nun dieser Ort nur drei viertel Stunden von Schönental ablag, so entschloss er sich desto lieber dahin zu gehen.

Des Nachmittags um drei Uhr kam er daselbst an. Er fragte alsbald nach dem Sprachmeister, ging zu ihm, und fand einen sehr seltsamen originellen Menschen, der sich Heesfeld schrieb.