nicht anders, als sie würde erschreckliche Schläge bekommen. Doch Freimut dachte daran nicht, sondern er würde rasend über die Freveltat des Pöbels. Seine Meinung war, sich grausam an diesen Spitzbuben, wie er sie nannte, zu rächen; deswegen befahl er seiner Frauen drohend, ihm die Täter zu sagen, denn sie hatte sie gesehen und gekannt.
Ja, sagte sie: lieber Mann! die will ich dir sagen, aber ich weiss noch einen grösseren Sünder, als die alle zusammen; denn es war einer, der hat mich wegen eben der Ursache ganz abscheulich geschlagen.
Freimut verstund das nicht, wie sie es meinte; er fuhr auf, schlug auf seine Brust, und brüllte: den soll der T ... hohlen, und dich dazu, wenn du mir ihn nicht augenblicklich sagst! Ja! antwortete Frau Freimut: den will ich dir sagen, räche dich an ihm so viel du willst; der Mann, der das getan hat, bist du! und also schlimmer als die Leute, die nur bloss die Fenster eingeschlagen haben. Freimut verstummte, und war wie vom Donner gerührt, er schwieg eine Weile, endlich fing er an: Gott im Himmel, Du hast Recht! – Ich bin wohl ein rechter Bösewicht gewesen, will mich an Leuten rächen, die besser sind als ich! – Ja, Frau! ich bin der gottloseste Mensch auf Erden! Er sprang auf, lief die Treppen hinauf auf sein Schlafzimmer, lag da drei Tage und drei Nächte platt auf der Erden, ass nichts, bloss dass er sich zuweilen etwas zu trinken geben liess. Seine Frau leistete ihm so viel Gesellschaft, als sie konnte, und half ihm beten, damit er bei Gott durch den Erlöser Gnade erlangen möchte.
Am vierten Tage des Morgens stunde er auf, war vergnügt, lobte Gott, und sagte: Nun bin ich gewiss, dass mir meine schwere Sünden vergeben sind! Von dem Augenblick an war er ganz umgekehrt; so demütig, als er vorhin stolz, so sanftmütig, als er vorher trotzig und zornig, und so von Herzen fromm, als er vorhin gottlos gewesen war.
Dieser Mann wär ein Gegenstand für meinen Freund Lavater. Seine Gesichtsbildung ist die roheste und wildeste von der Welt; es dürfte nur eine leidenschaft, zum Beispiel der Zorn, rege werden, die Lebensgeister brauchten nur jeden Muskel des Gesichts zu spannen, so würde er rasend aussehen. Jetzt aber ist er einem Löwen ähnlich, der in ein Lamm verwandelt worden ist. Friede und Ruhe ist jedem Gesichtsmuskel eingedrückt, und das gibt ihm ein eben so frommes Aussehen, als es vorhin wild war.
Nach dem Essen schickte Glöckner seine Magd an Freimuts Haus, und liess da ansagen: dass Freunde bei ihm angekommen wären. Freimut und seine Frau kamen alsbald, und bewillkommten Isaac und Stilling. Dieser letztere hatte den ganzen Abend seine Betrachtungen über die beiden Leute; bald musste er des Löwen Sanftmut, bald des Lammes Heldenmut bewundern. Alle sechs waren sehr vergnügt zusammen, sie erbauten sich so gut sie konnten, und gingen spät schlafen.
Unsre beiden Freunde blieben nun noch ein paar Tage zu Rotenbeck, besuchten und wurden besucht; auch gehörte der Schulmeister daselbst, der sich auch Stilling schrieb, und aus dem Salenschen Land zu Haus war, mit unter die Gesellschaft der Frommen zu Rotenbeck; diesen besuchten sie auch. Er gewann besonders Stillingen lieb, vorab da er hörte, dass er auch lange Schulmeister gewesen war. Die beiden Stillinge machten einen Bund zusammen, dass einer dem andern so lange schreiben sollte als sie lebten, um die Freundschaft zu unterhalten.
Endlich reisten sie wieder von Rotenbeck nach Waldstätt zurück, und gaben sich an ihr Handwerk, wobei sie sich die Zeit mit allerhand angenehmen Gesprächen vertrieben.
Es wohnte aber eine Stunde von Waldstätt ein weidlicher Kaufmann, der sich Spanier schrieb. Dieser Mann hatte sieben Kinder, wovon das älteste eine Tochter von etwa sechszehen Jahren, das jüngste aber ein Mädchen von einem Jahr war. Unter diesen Kindern waren drei Söhne und vier Töchter. Er hatte eine sehr starke Eisen-Fabrik, die aus sieben Eisenhammern bestund, wovon vier bei seinem haus, drei aber andertalb Stunden von ihm ab, nicht weit von Herrn Hochbergs Haus lagen, wo Stilling gewesen war. Dabei besass er ungemein viele liegende Güter, Häuser, Höfe, und was dazu gehörte, nebst vielem Gesinde, Knechte, Mägden und Fuhrknechten; denn er hatte verschiedene Pferde zu seinem eigenen Gebrauch.
Wenn nun Herr Spanier verschiedene Schneiderarbeit für sich und seine Leute zusammen verspart hatte; so liess er Meister Isaac mit seinen Gesellen kommen, um einige Tage bei ihm zu nähen, und für ihn und seine Leute alle Kleider wieder in Ordnung zu bringen.
Nachdem nun Stilling zwölf Wochen bei Meister Isaac gewesen war, so traf es sich, dass sie auch bei Herrn Spanier arbeiten mussten. Sie gingen also des Morgens früh hin. Als sie zur Stubentür herein traten, so sass Herr Spanier allein am Tisch, und trank den Coffee aus einem kleinen Kännchen, das für ihn allein gemacht war. Langsam drehte er sich um, sah Stillingen ins Gesicht, und sagte:
"Guten Morgen, Herr Präceptor!"
Stilling ward blutrot, er wusste nicht, was er sagen sollte, doch erhohlte er sich geschwind, und sagte: Ihr Diener, Herr Spanier! Doch dieser schweig nun wieder still, und trank seinen Coffee fort