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wirkt, um eine jede Seele in seine eigene natur zu verwandeln; je ferner nun jemand von Gott ist, je fremder ist ihm dieser Geist. Was denkst du davon, Bruder Isaac?

Ich stelle mir die Sache ungefehr eben so vor, versetzte der Meister: es ist hauptsächlich um den Willen des Menschen zu tun, der Wille macht ihn fähig

Nun konnte sich Stilling nicht mehr halten; er fühlte, dass er bei frommen Leuten war, er fing ganz unvermutet hinter dem Tisch an, laut zu weinen und zu rufen: O Gott, ich bin zu Haus! ich bin zu Haus! Alle Anwesende erstarrten, und entsetzten sich; sie wussten nicht, was ihm wiederfuhr. Meister Isaac sah ihn an, und fragte: wie ist es Stilling? (er hatte ihm seinen Namen gesagt) Stilling antwortete: ich hab lange diese Sprache nicht gehört; und da ich nun sehe, dass Sie Leute sind, die Gott lieben, so weiss ich mich vor Freude nicht zu lassen. Meister Isaac fuhr fort: seid Ihr dann auch ein Freund vom Christentum, und von wahren Gottseeligkeit?

O Ja! versetzte Stilling: von Herzen!

Der Schöffe lachte vor Freuden, und sagte: da haben wir also einen Bruder mehr. Meister Isaac und Schöffe Schauerhof reichten und schüttelten ihm die Hand, und waren sehr froh. Des Abends nach dem Essen ging der Geselle und der Lehrjunge nach Haus, der Schöffe aber, Isaac und Stilling blieben noch lange beisammen, rauchten Toback, tranken Bier dazu, und redeten auf eine erbauliche Weise vom Christentum. Henrich Stilling lebte nun wieder vergnügt zu Waldstätt; auf so viele Leiden und Gefangenschaft schmeckte nun der Friede und die Freiheit so viel süsser. Er hatte von all seiner Drangsal seinem Vater nicht ein Wort geschrieben, um ihn nicht zu betrüben; jetzt aber, da er von Hochberg ab und wieder bei dem Handwerk war, so schrieb er ihm vieles, aber nicht alles. Die Antwort, welche er darauf erhielt, war wiederum eine Bekräftigung, dass er zur Unterweisung der Jugend nicht geschaffen wäre.

Als Stilling nun einige Tage bei Meister Isaac gewesen war, so fing letzterer einsmahls, über der Arbeit, mit ihm an, von seinen Kleidern zu sprechen; der andere Geselle und der Lehrbursche waren nicht gegenwärtig; er erkundigte sich genau nach allem, was er hatte. Als Isaac das alles hörte, stunde er alsofort auf, und hohlte ihm schönes violettes Tuch zum Rock, einen schönen neuen Hut, schwarzes Tuch zur Weste, Zeug zum Unterwämschen, und zu Hosen, ein paar guter feiner Strümpfe, desgleichen musste ihm der Schuhmacher Schuhe anmessen, und seine Frau machte ihm sechs neue Hemder; alles dieses war in vierzehn Tagen fertig. Nun gab ihm sein Meister auch einen von seinen Rohrstäben in die Hand; und damit war Stilling schöner gekleidet, als er in seinem Leben gewesen war; dazu war auch alles nach der Mode, und nun durfte er sich sehen lassen.

Dieses war nun noch der letzte Feind, der aufgehoben werden musste. Stilling konnte seinen innigen Dank gegen Gott und seinen Wohltäter nicht genug ausschütten; er weinte vor Freuden, und war völlig wohl und vergnügt. Aber gesegnet sei deine Aschedu Stillings-Freund! da du liegst und ruhst! Wenn einmal die stimme über den ganzen flammenden Erdkreis erschallen wird: Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet! so wirst du auch dein Haupt empor heben, und dein verklärter Leib wird siebenmahl heller glänzen, als die Sonne am Frühlingsmorgen! –

Stillings Neigung, höher in der Welt zu steigen, war nun vor diese Zeit gleichsam aus dem grund und mit der Wurzel ausgerottet; und er war vest und unwiderruflich entschlossen, ein Schneider zu bleiben, bis er gewiss überzeugt sein würde, dass es der Wille Gottes sei, etwas anders anzufangen; mit Einem Wort, er erneuerte den Bund mit Gott feierlich, den er verwichenen Sommer, den Sonntag Nachmittag, auf der Gassen zu Schauberg mit Gott geschlossen hatte. Sein Meister war auch so zufrieden mit ihm, dass er ihn nicht anders als seinen Bruder behandelte; die Meisterinn aber liebte ihn über die massen, und so auch die Kinder, so dass er nun wieder recht in seinem Element lebte.

Seine Neigung zu den Wissenschaften blieb zwar noch immer, was sie war, doch ruhte sie unter der Aschen, sie war ihm jetzt nicht zur leidenschaft, und er liess sie ruhen.

Meister Isaac hatte eine grosse Bekanntschaft auf fünf Stunden umher mit frommen und erweckten Leuten. Der Sonntag war zu Besuchen bestimmt, daher ging er mit Stilling des Sonntags Morgens früh nach dem Ort hin, den sie sich vorgenommen hatten, und blieben den Tag über bei den Freunden, des Abends gingen sie wieder nach Haus; oder wenn sie weit gehen wollten, so gingen sie des Sonntags Nachmittags zusammen fort, und kamen des Montags Vormittags wieder. Das war nun Stilling eine Seelenfreude, so viele rechtschaffene Menschen kennen zu lernen; besonders gefiel es ihm, dass alle diese Leute nichts entusiastisches hatten, sondern bloss Liebe gegen Gott und Menschen auszuüben, im Leben und Wandel aber ihrem haupt Christo nachzuahmen suchten. Dieses kam mit Stillings Religionssystem völlig überein, und daher verband er sich auch mit allen diesen Leuten zur Brüderschaft und aufrichtiger Liebe. Und wirklich, diese Verbindung hatte eine vortrefliche wirkung auf ihn. Isaac ermahnte ihn immerfort zum Wachen und Beten, und erinnerte ihn