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Johann Heinrich Jung-Stilling

Henrich Stillings

Wanderschaft

Eine wahrhafte geschichte

So wie Henrich Stilling den Berg hinunter ins Tal ging, und sein Vaterland aus dem Gesicht verlor, so wurde auch sein Herz leichter; er fühlte nun, wie alle Verbindungen und alle Beziehungen, in welchen er bis dahin so ängstlich geseufzet hatte, aufhörten, und deswegen atmete er freie Luft, und war völlig vergnügt.

Das Wetter war unvergleichlich schön; des Mittags trank er in einem Wirtshaus, das einsam am Wege stand, ein Glas Bier, ass ein Butterbrod dazu, und wanderte darauf wieder seine Strasse, die ihn durch wüste und öde Oerter, des Abends, nach Sonnen-Untergang, in ein elendes Dörfgen brachte, welches, in einer morastigen Gegend, in einem engen Tal, in den Gesträuchen lag; die Häuser waren elende Hütten, und stunden mehr in der Erden als auf derselben. An diesem Ort war er nicht willens gewesen zu übernachten, sondern zwo Stunden weiter; allein da er sich des Morgens früh irr gegangen hatte, konnte er so weit nicht kommen.

An dem ersten haus fragte er: ob niemand im dorf wohne der Reisende beherberge? Man wies ihm ein Haus, er ging dahinein und fragte: ob er hier übernachten könnte? die Frau sagte: Ja. Er ging in die stube, setzte sich hin, und legte seinen Reisesack ab. Der Hausvater kam herein, einige kleine Kinder versammelten sich bei den Tisch, und die Frau brachte ein Tranlicht, welches sie, an eine hänfene Schnur, mitten in der Stuben, aufhieng; alles sah so ärmlich, und, die Wahrheit zu sagen, so verdächtig aus, dass Stilling angst und bang wurde, und lieber im wilden Wald geschlafen hätte; doch das war ganz unnötig, denn er besass nichts, das Stehlens wert war. Indessen brachte man ihm ein irdenes Schüsselchen mit Sauerkraut, ein Stück Speck dabei, und darauf ein Paar gebackene Eier. Er liess sichs gut schmecken, und legte sich aufs Stroh, das man ihm in der Stuben bereitet hatte. Er schlief vor Mitternacht, mehrenteils aus Angst, nicht viel. Der Wirt und seine Frau schliefen auch in der Stuben in einem Alkoven. Gegen zwölf Uhr hörte er die Frau zum Mann sagen: Arnold, schläfst du? Nein Trine, antwortete er, ich schlafe nicht. Stilling horchte, holte aber mit Fleiss stark Odem, damit sie glauben sollten, er schliefe fest.

Was mag das wohl für ein Mensch sein? sagte die Frau. Arnold erwiderte: "Das mag Gott wissen! ich habe den ganzen Abend nachgedacht, er sprach nicht viel; sollte es auch wohl eine rechte Sache mit dem Menschen sein?"

denke doch nicht gleich was arges von den Leuten! versetzte Trine, er sieht so ehrlich aus, wer weiss, was er all vor Unglück erlebt hat! gewiss er dauert mich; so bald als er zur Tür herein trat, kam er mir so traurig vor; unser Herr Gott woll ihm doch als beistehn! ich kann sehen: das er etwas auf dem Herzen hat.

"Du hast recht, Trine!" antwortete Arnold, "Gott verzeih mir meinen Argwohn! ich dachte just an den Schulmeister aus den Salenschen Land, der vor ein paar Jahren hier schlief, der war just so gekleidet, und wir hörten hernach, dass er ein Goldmünzer gewesen."

Arnold! sagte Trine, du kannst auch die Leute gar nicht aus dem Gesicht kennen, der sah so schwarz und so finster aus den Augen, und durfte einen nicht ansehen, dieser aber sieht so freundlich und so gut aus, er hat warlich ein gut Gewissen.

"Ja, ja!" schloss Arnold, "wir wollen ihn unserm Herr Gott befehlen, der soll ihm wohl helfen, wenn er fromm ist."

Nun schliefen die guten Leute wieder; Stilling wurde aber so vergnügt auf seinem Stroh, er fühlte den Stillingschen Geist um sich wehen, und schlief so sanft, bis an den Morgen, als wenn er in Eiderdunen gelegen hätte. So bald er erwachte, war schon sein Wirt und Wirtin am Ankleiden; er sah sie beide lächelnd an, und wünschte ihnen einen guten Morgen. Sie fragten ihn: wie er geschlafen hätte? er antwortete; nach Mitternacht recht wohl. Ihr waret gestern Abend wohl recht müde, sagte Trine, ihr sahet so traurig aus. Stilling erwiderte: Lieben Freunde! ich war nicht so sehr müde, allein ich hab viel in meinem Leben ausgestanden, und sehe deswegen trauriger aus, als ich bin; dazu muss ich bekennen, ich war bang, ob ich auch bei frommen Leuten wäre. Ja, sagte Arnold, ihr seid bei Leuten, die Gott fürchten und gern seelig werden wollen; wenn ihr grosse Schätze bei euch hättet, sie wären bei uns verwahrt. Stilling reichte ihm seine rechte Hand, und sagte mit der zärtlichsten Miene: Gott segne euch! so sind wir einer Meinung. Trine! fuhr Arnold fort, mach uns einen guten Tee, hohl etwas vom besten Milchrahm dazu, da wollen wir drei so zusammen trinken, wir mögten nicht wieder zusammen kommen. Die Frau war hurtig und froh, sie tat gern was der Mann sagte. Nun trunken die drei den Tee, und waren alle daheim. Stilling floss über von Freundschaft und Empfindung, es tat ihm wehe von den Leutgen wegzugehen, die Augen gingen ihnen allen über