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die Bank zu legen; das wurde befolgt, doch schrieb ein jeder seinen Namen mit dem Griffel auf den seinigen.

Nach der Schule ging er zu dem Kirchen-Aeltesten, erzählte ihm den Vorfall, und fragte ihn um Rat. Der Mann lächelte und sagte: Der Pastor wird so seine böse Laune gehabt haben, legt ihr die Steine zurück, dass er sie nicht sieht, wenn er wieder kommen sollte; fahrt ihr aber fort, die Kinder müssen doch rechnen lernen! Er erzählte es auch Krügern, dieser glaubte, der Teufel habe ihn besessen, und nach seiner Meinung sollten nun auch die Mädchen sich Schiefersteine anschaffen, und das Rechnen lernen, seine Kinder wenigstens sollten es nun zuerst vornehmen. Und das geschah auch, Stilling musste den grössten Knaben sogar in der Geometrie unterrichten.

So stunden die Sachen den Sommer über, aber niemand vermutete, was den Herbst geschah. Vierzehn Tage vor Martini kam der Aelteste in die Schule, und kündigte Stilling im Namen des Pastors an, auf Martini die Schule zu verlassen, und zu seinem Vater zurück zu kehren. Dieses war dem Schulmeister und den Schülern ein Donnerschlag, sie weinten allzusammen. Krüger und die übrigen Zellberger wurden fast rasend, sie stampften mit den Füssen und schwuren: der Pastor sollte ihnen ihren Schulmeister nicht nehmen. Allein Wilhelm Stilling, wie sehr er sich auch ärgerte, fand doch ratsamer, seinen Sohn bei sich zu nehmen, um ihn an seinem fernern Glück nicht zu hindern. Des Sonntags Nachmittags vor Martini stopfte der gute Schulmeister sein Bissgen Kleider und Bücher in einen Sack, hieng ihn auf den rücken, und wanderte aus Zellberg das Höchste hinauf, seine Schüler gingen truppweise hinten nach und weinten, er selbsten vergoss tausend Tränen, und beweinte die süsse zeiten, die er zu Zellberg zugebracht hatte. Der ganze westliche Himmel sah ihm traurig aus, die Sonne verkroch sich hinter ein schwarzes Wolkengebirge, und er wanderte im Dunkel des Waldes den Giller hinunter.

Des Montags Morgens setzte ihn sein Vater wieder in seinen alten Winkel an die Nähnadel. Das Schneiderhandwerk war ihm nun doppelt verdriesslich, nachdem er die Süssigkeit des Schulhaltens geschmeckt hatte. Das einzige, was ihm noch übrig bliebe, war, dass er seine alte Sonnenuhren wiederum in Ordnung brachte, und seiner Grossmutter die Herrlichkeit des Homers erzählte, die sich dann auch alles wohl gefallen liess, und wohl gar Geschmack daran hatte, nicht so sehr aus eignem Naturtrieb, sondern weilen sie sich erinnerte, dass ihr seeliger Eberhard ein grosser Liebhaber von dergleichen Sachen gewesen war.

Henrich Stillings Leiden stürmten nun mit voller Kraft auf ihn zu, er glaubte fest, er sei nicht zum Schneiderhandwerk gebohren, und er schämte sich von Herzen, so da zu sitzen, und zu nähen; wenn daher jemand Ansehnliches in die stube kam, so wurde er rot im Gesicht.

Einige Wochen hernach begegnete dem oheim Simon Herr Pastor Stollbein im Fuhrweg; als er den Pastor von Ferne her reiten sah, arbeitete er sich über Hals und Kopf mit dem Ochsen und seiner Karre aus dem Wege auf das Feld, stellte sich mit dem Hut in der Hand neben den Ochsen hin, bis Herr Stollbein herzukam.

"Nu, was macht euers Schwagers Sohn?"

Er sitzt am Tisch und näht!

"Das ist recht! so will ich's haben!"

Stollbein ritte fort, und Simon fuhr seiner Wege nach Haus. Alsofort erzählte er Wilhelmen, was der Pastor gesagt hatte; Henrich hörte es mit grösstem Herzeleid; ermunterte sich aber wieder, als er sah, wie sein Vater mit aufgebrachtem Gemüt das Nähzeug von sich warf, aufsprang, und mit Heftigkeit sagte: und ich will haben, er soll Schul halten, sobald sich gelegenheit dazu äussert! Simon versetzte, ich hätt' ihn zu Zellberg gelassen, der Pastor wird doch noch zu bezwingen sein. Das hätte wohl geschehen können, antwortete Wilhelm, aber man hat ihn hernach doch immer auf den Hals, und wird seines Lebens nicht froh. Leiden ist besser als Streiten. Meinetwegen, fuhr Simon fort, ich schier mich nichts um ihn, er sollte mir nur einmal zu nahe kommen! Wilhelm schwieg, und dachte: das lässt sich in der stube hinterm Ofen gut sagen.

Die mühselige Zeit des Handwerks dauerte vorjetzo nicht lange, denn vierzehn Tage vor Weihnachten kam ein Brief von Dorlingen aus der Westphälischen Grafschaft Mark in Stillings haus an. Es wohnte daselbst ein reicher Mann, Namens Steifmann, welcher den jungen Stilling zum Haus-Informator verlangte. Die Bedinge waren: dass Herr Steifmann von Neujahr an bis nächste Ostern Unterweisung für seine Kinder verlangte; dafür gab er Stillingen Kost und Trank, Feuer und Licht; fünf Reichstaler Lohn bekam er auch, allein dafür musste er von den benachbarten Bauern so viel Kinder in die Lehre nehmen, als sie ihm schicken würden, das Schulgeld davon zog Steifmann; auf die Weise hatte er die Schule fast umsonst.

Die alte Margrete, Wilhelm, Elisabet, Mariechen und Henrich, beratschlagten sich hierauf über diesen Brief. Margrete fing nach einiger überlegung an: Wilhelm, behalt den Jungen bei dir! denke einmal! ein Kind so weit in die Fremde zu schicken, ist kein Spas, es gibt wohl hier in der Nähe gelegenheit vor ihn. Das ist auch wahr! sagte Mariechen, mein Bruder Johann sagt oft: dass die Bauern daherum so grobe Leute wären, wer weiss, was sie mit dem guten Jungen anfangen werden