, wenn sie ihre Aufgabe recht gut auswendig können würden; während der Zeit schrieb er ihnen vor, was sie nachschreiben sollten, liess sie noch einmal alle lesen, und denn kam's zum Erzählen, wobei vor und nach alles erschöpft wurde, was es jemals in der Bibel, im Kaiser Octavianus, der schönen Magelone, und andern mehr gelesen hatte; auch die Zerstörung der königlichen Stadt Troja wurde mit vorgenommen. So war es auf seiner Schule Sitte und Gebrauch von einem Tag zum andern. Es lässt sich nicht aussprechen, mit welchem Eifer die Kinder lernten, um nur früh ans Erzählen zu kommen; waren sie aber mutwillig, oder nicht fleissig gewesen, so erzählte der Schulmeister nicht, sondern lase selbsten.
Niemand verlor bei dieser seltsamen Manier zu unterweisen, als die Abc-Schüler, und die am Buchstabiren waren; dieser teil des Schulamts war Stilling viel zu langweilig. Des Sonntags Morgens versammleten sich die Schulkinder um ihren angenehmen Lehrer, und so wanderte er mit seinem Gefolge unter den schönsten Erzählungen nach Florenburg in die Kirche, und nach der Predigt in eben der Ordnung wieder nach Haus.
Die Zellberger waren indessen mit Stilling recht gut zufrieden, sie sahen, dass ihre Kinder lernten, ohne viel gezüchtiget zu werden; verschiedene hatten sogar ihre Freude an all den schönen Geschichten, welche ihnen ihre Kinder zu erzählen wussten. Besonders liebte ihn Krüger aus der massen, denn er konnte vieles mit ihm aus dem Paralacelsus reden, (so sprach der Jäger das Wort Paracelsus aus); er hatte eine alte teutsche Uebersetzung seiner Schriften, und da er ein sclavischer Verehrer aller der Männer war, von denen er glaubte, dass sie den Stein Lapis gehabt hätten, so waren ihm Jacob Böhms, Graf Bernhards, und des Paracelsus Schriften, grosse Heiligtümer. Stilling selber fand Geschmack darinnen, nicht bloss wegen des Steins der Weisen, sondern weilen er ganz hohe und herrliche Begriffe, besonders im Böhm, zu finden glaubte; wenn sie das Wort: Rad der ewigen Essenzien, oder auch schielender Blitz, und andre mehr aussprachen, so empfunden sie eine ganz besondere Erhebung des Gemüts. Ganze Stunden lang forschten sie in magischen Figuren, bis sie manchmal Anfang und Ende verloren, und meinten, die vor ihnen liegende Zauberbilder lebten und bewegten sich; das war dann so rechte Seelenfreude, im Taumel groteske Ideen zu haben, und lebhaft zu empfinden.
Allein dieses paradiesische Leben war von kurzer Dauer. Herr Pastor Stollbein und Herr Förster Krüger waren Todfeinde. Dieses kam daher: Stollbein war ein unumschränkter Monarch in seinem Kirchspiel; sein geheimes Rats-Collegium, ich meine das Consistorium, bestund aus lauter Männern, die er selber angeordnet hatte, und von denen er voraus wusste, dass sie einfältig gnug waren, immer Ja zu sagen. Vater Stilling war der letzte gewesen, der noch vom vorigen Prediger bestellet worden; daher fand er nirgends Widerstand. Er erklärte Krieg und schloss Frieden, ohne jemand zu Rat zu ziehen, alles fürchtete ihn, und zitterte in seiner Gegenwart. Doch kann ich nicht sagen, dass das gemeine Wesen unter seiner Regierung sonderlich gelitten hätte, er hatte bei seinen Fehlern eine Menge guter Eigenschaften. Nur Krüger und einige der Vornehmsten zu Florenburg hassten ihn so sehr, dass sie fast gar nicht in die Kirche gingen, vielweniger bei ihm communicirten. Krüger sagte öffentlich: er sei vom bösen Geist besessen; und daher tat er immer gerade das Gegenteil von dem, was der Pastor gern sah.
Nachdem Stilling einige Wochen zu Zellberg gewesen war, so beschloss Herr Stollbein, seinen neuen Schulmeister daselbst einmal zu besuchen; er kam des Vormittags um neun Uhr in die Schule; zum Glück war Stilling weder am Erzählen noch Lesen. Er wusste aber schon, dass er bei Krügern im haus war, daher sah er ganz mürrisch aus, schaute umher, und fragte: Was macht ihr mit den Schiefersteinen auf der Schul? – (Stilling hielte des Abends eine Rechenstunde mit den Kindern). Der Schulmeister antwortete: Darauf rechnen die Kinder des Abends. Der Pastor fuhr fort:
"Das kann ich wohl denken, aber wer heisst euch das!"
Henrich wusste nicht, was er sagen sollte; er sah dem Pastor ins Gesicht, und verwunderte sich, endlich erwiderte er lächelnd: Der mich geheissen hat, die Kinder Lesen, Schreiben und den Catechismus zu lehren, der hat mich auch geheissen, sie im Rechnen zu unterrichten.
"Ihr ... ich hätte bald was gesagt! lehrt sie erst einmal das Nötigste, und wenn sie das können, so lehrt sie auch rechnen."
Nun fing es an, Stillingen weich ums Herz zu werden. Das ist so seiner natur gemäss, anstatt dass andre Leute bös und launigt werden, schiessen ihm die Tränen in die Augen und die Backen herunter; es gibt aber auch einen Fall, in welchem er recht zornig werden kann: Wenn man ihn, oder auch sonsten eine ernste und empfindsame Sache satyrisch behandelt. Gott! versetzte er, wie soll ichs doch machen? Die wollen haben, ich soll die Kinder rechnen lehren, und der Herr Pastor will's nicht haben! Wem soll ich nun folgen?
"Ich hab' in Schulsachen zu befehlen", sagte Stollbein, "und eure Bauern nicht!" und damit ging er zur Tür hinaus.
Stilling befahl alsofort, alle Schiefersteine herab zu nehmen, und auf einen Haufen hinter dem Ofen unter