herzlich geliebt, und so liebte er auch seine Kinder. Diesem war es Seelenfreude, den jungen Stilling als Schulmeister in seinem Dorf zu sehen. Daher entschloss er sich, denselben bei sich ins Haus zu nehmen. Henrichen war dieses eben recht, sein Vater machte alle Kleider für den Jäger und seine Leute, und deswegen war er daselbst am mehresten bekannt; überdem wusste er, dass Krüger viel rare Bücher hatte, die er recht zu nutzen gedachte. Er quartirte sich daselbst ein; und das erste, was er vornahm, war die Untersuchung der Krügerischen Bibliotek; er schlug einen alten Folianten auf, und fand eine Uebersetzung Homers in teutsche Verse; er hüpfte für Freuden, küsste das Buch, drückte es an seine Brust, bat sichs aus, und nahm es mit in die Schule; wo er es in der Schublade unter dem Tisch sorgfältig verschloss, und so oft darinnen lase, als es ihm nur möglich war. Auf der lateinischen Schule hatte er den Virgilius erklärt, und bei der gelegenheit so viel vom Homer gehört, dass er vorher Schätze darum gegeben hätte, um ihn nur einmal lesen zu können; nun bot sich ihm hier die gelegenheit von selbst dar, und er nutzte sie auch rechtschaffen.
Schwerlich ist die Ilias seit der Zeit, dass sie in der Welt gewesen, mit mehrerem Entzücken und Empfindung gelesen worden. Hector war sein Mann, Achill aber nicht, Agamemnon noch weniger; mit einem Wort: er hielt es durchgehends mit den Trojanern, ob er gleich den Paris mit seiner Helenen kaum des Andenkens würdigte; besonders weil er immer zu Haus blieb, da er doch die Ursache des krieges war. Das ist doch ein unerträglicher schlechter Kerl! dachte er oft bei sich selber. Niemand dauerte ihn mehr als der alte Priam. Die Bilder und Schilderungen des Homers waren so sehr nach seinem Geschmack, dass er sich nicht entalten konnte, laut zu jauchzen, wenn er ein so recht lebhaftes fand, das der Sache angemessen war; damals wär die rechte Zeit gewesen, den Ossian zu lesen.
Diese hohe Empfindung hatte aber auch noch Nebenursachen; die ganze Gegend trug dazu bei. Man denke sich einen bis zur höchsten Stufe des Entusiasmus empfindsamen Geist, dessen Geschmack natürlich, und noch nach keiner Mode gestimmt war, sondern der nichts als wahre natur empfunden, gesehen und studirt hatte, der ohne sorge und Gram höchst zufrieden mit seinem Zustand lebte, und allem Vergnügen offen stunde; ein solcher Geist liest den Homer in der schönsten und natürlichsten Gegend von der Welt, und zwar des Morgens in der Frühstunde. Man stelle sich die Lage dieses Orts vor; er sass auf der Schule an zweien Fenstern, die nach Osten gekehret waren; diese Schule stand an der Mittagsseite, am Abhang des höchsten Hügels, um dieselbe her waren alte Birken mit schneeweissen Stämmen auf einem grünen Rasen gepflanzt, deren dunkelgrüne Blätter beständig fort im ewigen Winde flisperten. Gegen Sonnenaufgang war ein prächtiges Wiesental, das sich an buschigte Hügel und Gebirge anschloss. Gegen Mittag lag, etwas niedriger, das Dorf, hinter demselben eine Wiese, und dann stieg unvermerkt eine Flur von Feldern auf, die ein Wald begränzte. Gegen Abend in der Nähe war der hohe Giller mit seinen tausend Eichen. Hier las Stilling den Homer im May und Junius, wenn ohne das die ganze halbe Welt schön ist, und in der Kraft ihres Erhalters jauchzet.
über das alles waren auch seine Bauern gute natürliche Leute, die beständig mit alten Sagen und Erzählungen schwanger gingen, und bei jeder gelegenheit damit herauskramten; dadurch wurde der Schulmeister vollends recht mit seinem Element genährt, und zu Empfindungen aufgelegt. Er ging einsmals hinter der Schule den höchsten Hügel hinauf spazieren, oben auf der Spitze traf er einen alten Bauer aus seinem Dorf, der Holz sammelte, so bald dieser den Schulmeister kommen sah, hörte er auf zu arbeiten, und sagte:
"Es ist gut, Schulmeister, dass du kommst, ich bin doch müde, nun hör, was ich dir sagen will; ich denke so eben dran. Ich und dein Grossvater haben vor dreissig Jahren einmal hier Kohlen gebrennt, da hatten wir viel Freude! wir kamen immer bei einander, assen und trunken zusammen, und redeten dann immer von alten Geschichten. Du siehst hier rund umher, so weit dein Auge trägt, keinen Berg, oder wir besannen uns auf seinen Namen, und den Ort, wo er am nächsten liegt; das war uns dann nun so recht eine Lust, wenn wir da so lagen, und uns Geschichten erzählten, und zugleich den Ort zeigen konnten, wo sie geschehen waren." Nun hielte der Bauer die linke Hand über die Augen, und mit der rechten wies er gegen Abend und Nordwest hin, und sagte: "Da etwas niederwärts siehst du das Geisenberger Schloss, gerad hinter demselben, dort weit weg, ist ein hoher Berg mit dreien Köpfen, der mittelste heisst noch der Kindelsberg, da stand vor uralten zeiten ein Schloss, das auch so hiess; da wohnten Ritter drauf, das waren sehr gottlose Leute. Da zur Rechten hatten sie, an dem Kopf, ein sehr schönes Silber-Bergwerk, wovon sie stockreich wurden. Nu, was geschah! Der Uebermut ging so weit, dass sie sich silberne Kegel machten; wenn sie spielten, so wurfen sie diese Kegel mit silbernen Klötzen; dann bucken sie grosse Kuchen von Semmelmehl, wie Kutschenräder, machten