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, und versprach, alles zu tun, was er haben wollte. Das gefiel dem alten mann von Herzen, er liess ihn im Frieden gehen, und hielte sein Wort treulich, denn auf Ostern ging er zum Nachtmahl, und alsofort wurde er zum Schulmeister nach Zellberg bestimmt, welches Amt er den ersten May antreten musste. Die Zellberger verlangten auch mit Schmerzen nach ihm, denn sein Ruhm war weit und breit erschollen. Die Wonne lässt sich nicht aussprechen, welche der junge Stilling hierüber empfand, er konnte kaum den Tag erwarten, der zum Antritt seines Amts bestimmt war.

Zellberg liegt eben hinter der Spitze des Gillers, man geht von Tiefenbach gerade den Wald hinauf; so bald man auf die Höhe kommt, hat man vor sich ein grosses ebenes Feld, nahe zur rechten Seiten den Wald, dessen hundertjährige Eichen und Maybuchen in gerader Linie gegen Osten zu, wie eine Preussische Wachtparade, hingepflanzt stehen, und den Himmel zu tragen scheinen; fast ostwärts, am Ende des Waldes, erhebt sich ein buschigter Hügel, auf dem Höchsten, oder auch der Hänsgesberg genannt; dieses ist der höchste Gipfel von ganz Westphalen. Von Tiefenbach bis dahin hat man drei Viertelstund beständig gerad und steil auf zu steigen. Linker Hand liegt eine herrliche Flur, die sich gegen Norden in einen Hügel von Saatland erhebt, dieser heisst: auf der AntoniusKirche. Vermutlich hat in alten zeiten eine Capelle da gestanden, die diesem Heiligen gewidmet gewesen. Vor diesem Hügel, südwärts, liegt ein schöner herrschaftlicher Meierhof, der von Pachtern bewohnt wird. Nordostwärts senkt sich die Fläche in eine vortrefliche Wiese, die sich zwischen buschigten Hügeln herumdrängt; zwischen dieser Wiese und dem Höchsten geht durchs Gebüsche ein grüner Rasenweg vom Feld aus, längs die Seite des Hügels fort, bis er sich endlich im feierlichen Dunkel dem Auge entzieht; es ist ein blosser Holzweg, und von der natur und dem Zufall so entstanden. Sobald man über den höchsten Hügel hin ist, so kommt man an das Dorf Zellberg; dieses liegt also an der Ostseite des Gillers, da, wo in einer Wiesen ein Bach entspringt, der endlich zum Fluss wird, und nicht weit von Cassel in die Weser fällt. Die Lage dieses Orts ist bezaubernd schön, besonders im späteren Frühling, im Sommer und im Anfange des Herbsts; der Winter aber ist daselbst fürchterlich. Das Geheul des Sturms, und der Schwall von Schnee, welcher vom Wind getrieben, hinstürzt, verwandelt dieses Paradies in eine Norwegische Landschaft. Dieser Ort war also der erste, wo Henrich Stilling die probe seiner Fähigkeiten ablegen sollte.

Auf den kleinen Dörfern in diesen Gegenden wird vom ersten May bis auf Martini, und also den Sommer durch, wöchentlich nur zwei Tage, nämlich Freitags und Samstags, Schul gehalten; und so war es auch zu Zellberg. Stilling ging Freitags Morgens mit Sonnen-Aufgang hin, und kam des Sonntags Abends wieder. Dieser gang hatte für ihn etwas unbeschreibliches; – besonders wenn er des Morgens vor SonnenAufgang auf der Höhe aufs Feld kam, und die Sonne dort aus der Ferne, zwischen den buschigten Hügeln aufstieg; vor ihr her säuselte ein Windchen, und spielte mit seinen Locken; dann schmolz sein Herz, er weinte oft, und wünschte Engel zu sehen, wie Jacob zu Mahanaim. Wenn er nun da stunde, und in Wonnegefühl zerschmolz, so drehte er sich um, sah Tiefenbach unten im nächtlichen Nebel liegen. Zur Linken senkte sich ein grosser Berg, der Hitzige Stein genannt, vom Giller herunter, zur Rechten vorwärts lagen ganz nahe die Ruinen des Geisenberger Schlosses. Da traten dann alle Scenen, die da zwischen seinem Vater und seiner seligen Mutter, zwischen seinem Vater und ihm, vorgegangen waren, als so viele vom herrlichsten Licht erleuchtete Bilder vor die Seele, er stunde wie ein Trunkener, und überliess sich ganz der Empfindung. Dann schaute er in die Ferne; zwölf Meilen südwärts lag der Taunus oder Feldberg nahe bei Frankfurt, acht bis neun Meilen westwärts lagen vor ihm die sieben Berge am Rhein, und so fort eine unzählbare Menge weniger berühmter Gebirge; aber nordwestlich lag ein hoher Berg, der mit seiner Spitze dem Giller fast gleich kam; dieser verdeckte Stillingen die Aussicht über die Schaubühne seiner künftigen grossen Schicksale.

Hier war der Ort, wo Henrich eine Stunde lang verweilen konnte, ohne sich selbst recht bewusst zu sein; sein ganzer Geist war Gebet, inniger Friede, und Liebe gegen den Allmächtigen, der das alles gemacht hatte.

Zuweilen wünschte er auch wohl ein Fürst zu sein, um eine Stadt auf dieses Gefilde bauen zu können; alsofort stunde sie schon da vor seiner Einbildung; auf der Antonius-Kirche hatte er seine Residenz, auf dem Höchsten sah er das Schloss der Stadt, so wie Montalban in den Holzschnitten im Buch von der schönen Melusine; dieses Schloss sollte Henrichsburg heissen, wegen des Namens der Stadt stunde er noch immer im Zweifel, doch war ihm der Name Stillingen der schönste. Unter diesen Vorstellungen stieg er auf vom Fürsten zum Könige, und wenn er Aufs Höchste gekommen war, so sah er Zellberg vor sich liegen, und war nichts weiter, als zeitiger Schulmeister daselbst, und so war es ihm dann auch recht, denn er hatte Zeit zu lesen.

An diesem Ort wohnte ein Jäger, Namens Krüger, ein redlicher braver Mann; dieser hatte zwei junge Knaben, aus denen er gern etwas rechts gemacht hätte. Er hatte den alten Stilling