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gab so lange er hatte, und half dem Elenden so viel er konnte. Nur dann war er ausgelassen, und unerbittlich, wenn er sah dass jemand von geringem Stand Miene machte, neben ihm empor zu steigen. Aus dieser Ursache war er auch Johann Stilling immer feind. Dieser war, wie oben gesagt worden, Commerzien-Präsident des Salenschen Landes; und da Stollbein ein grosser Liebhaber von Bergwerken war, so liess er Herrn Stillingen immer merken, dass er ihn gar nicht vor das erkannte was er war; und wenn jener nicht bescheiden genug gewesen wäre, dem alten Mann nachzugeben, so hätte es oft harte Stösse abgesetzt.

Doch zeigt Stollbeins Beispiel, dass Güte des Herzens und Redlichkeit niemahlen ungebessert sterben lasse.

Einsmahlen war eine allgemeine Gewerken-Rechnung abzulegen, so dass also die vornehmsten Commerzianten des Landes bei ihrem Präsidenten Stilling zusammen kommen mussten. Herr Pastor Stollbein kam auch, desgleichen Schöffe Keilhof mit noch einigen andern Florenburgern. Herr Stilling ging auf den Pastor zu, nahm ihn an der Hand und führte ihn neben sich an die rechte Seite, und liess ihn da sitzen. Der Prediger war die ganze Zeit über aus der massen freundlich. Nach dem Mittagessen fing er an:

"Meine Herren und Freunde! Ich bin alt, und ich fühle dass meine Kräfte mit Gewalt abnehmen, es ist das letzte mahl dass ich bei Ihnen bin, ich werde nicht wieder herkommen. Ist nun jemand unter Ihnen, der mir noch nicht vergeben hat, wo ich ihn beleidiget habe, den bitte ich jetzt von Herzen um Versöhnung." Alle Anwesende sahen sich an, und schwiegen. Herr Stilling konnte das unmöglich ausstehen. Herr Pastor! sagte er: das bricht mir mein Herz! – Wir sind Menschen und fehlen alle, ich hab Ihnen unendlich viel zu danken, Sie haben mir die Grundwahrheiten unserer Religion beigebracht, und vielleicht hab ich Ihnen oft Anlass zur Aergerniss gegeben, ich bin also der Erste, der Sie von Grund seiner Seelen um Verzeihung bittet, wo er Sie beleidiget hat. Der Pastor wurde so gerührt, dass ihm die Tränen die Wangen herunter liefen, er stunde auf, umarmte Stillingen, und sagte: Ich hab Sie oft beleidigt. Ich bedaure es, und wir sind Brüder. Nein, sagte Stilling, Sie sind mein Vater! geben Sie mir Ihren Seegen! Stollbein hielt ihn noch fest in den Armen, und sagte: Sie sind gesegnet, Sie und Ihre ganze Familie, und das um des Mannes willen, der so oft mein Stolz und meine Freude war.

Dieser Auftritt war so unerwartet und so rührend, dass die mehresten Anwesende, Tränen in Menge vergossen, Stilling und Stollbein aber am mehresten.

Nun stunde der Prediger auf, ging herab zu Schöffe Keilhof und den übrigen Florenburgern, lächelte und sagte: Sollen wir denn auch an diesem Rechnungstage, unsre Rechnung zusammen abmachen? Keilhof antwortete: Wir sind Ihnen nicht böse! – Ja! versetzte Herr Stollbein: davon ist hier die Rede nicht. Ich bitte euch alle feierlich um Vergebung, wo ich euch beleidigt habe! – Wir vergeben Ihnen gerne, erwiderte Keilhof, aber das müssten Sie auf der Canzel tun.

Stollbein fühlte sein ganzes Feuer wieder, doch schwieg er still, und setzte sich neben Stilling hin. Dieser aber wurde so voller Eifer, dass er im Gesicht glühte. Herr Schöffe! fing er an: Sie sind nicht wert, dass Ihnen Gott Ihre Sünden vergiebt, so lange Sie so denken. Der Herr Pastor ist frei, und hat seine volle Pflicht erfüllt. Christus gebeut Liebe und Versöhnlichkeit. Er wird euch euren Starrsinn auf den Kopf vergelten.

Herr Stollbein schloss diese rührende Scene mit den Worten: Auch das soll geschehen, ich will meine ganze Gemeinde öffentlich auf der Canzel um Vergebung bitten, und ihnen weissagen, dass einer nach mir kommen wird, der ihnen eintränken wird, was sie an mir verschuldet haben. Beides ist auch in seiner ganzen Fülle geschehen.

Kurz nach diesem Vorfall starb Herr Stollbein im Frieden, und wurde zu Florenburg in die Kirche bei seiner Gattin begraben. In seinem Leben wurde er gehasst, und nach seinem tod beweint, geehrt und geliebt. Wenigstens Heinrich Stilling hält ihn Lebenslang in ehrwürdigem Andenken.

Stilling war noch bis Ostern bei dem Schöffen Keilhof, allein er merkte, dass ihn ein jeder sauer ansah, er wurde also auch dieses Lebens müde.

Nun überlegte er einsmahlen des Morgens auf dem Bett seine Umstände; zu seinem Vater zurück zu kehren, war ihm ein erschrecklicher Gedanke; denn die viele Feldarbeit hätte ihn auf die länge zu Boden gedrückt, dazu gab ihm sein Vater nur Speise und Trank; denn was er allenfalls mehr verdiente, das rechnete ihm derselbe auf den Vorschuss, den er ihm in vorigen Jahren getan hatte, wenn er mit dem Schullohn nicht auskommen konnte; er durfte also noch nicht an Kleider denken, und diese waren doch binnen Jahrsfrist ganz unbrauchbar. Bei andern Meistern zu arbeiten, war ihm ebenfalls schwer, und er sah sich auch damit nicht zu retten, denn ein halber Gulden Wochenlohn, trug ihm in einem ganzen Jahr nicht so viel ein, als nur die allernotwendigsten Kleider erforderten. Er wurde halb rasend, fuhr aus dem Bett, und rief: Allmächtiger Gott! was soll ich denn machen? – In dem Augenblick war es ihm, als wenn ihm in die Seele gesprochen wurde: Geh aus deinem Vaterland, von deiner Freundschaft,