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und hiessen sich Brüder. Alsofort setzte man den König mit den Zwitterohren wieder ab, und schnitte ihm die Ohren ganz weg, nun konnte er laufen."

Der Bürgermeister Scultetus nahm seine lange Pfeiffe aus dem Mund, und sagte: der Herr Gayet ist doch weit in der Welt umher gewesen. Ja wohl! sagte ein anderer, aber ich glaube er gibt uns einen Stich; er will damit sagen, wir wären alle zusammen Esel. Schöffe Keilhof aber lachte, blinkte Herrn Gayet heimlich an, und sagte ihm ins Ohr: Die Narren verstehen nicht, dass Sie den Pastor und sein Consistorium damit meinen. Stilling aber, der ein guter Geographus war, und überhaupt die ganze Fabel wohl verstund, lachte recht herzlich und schwieg. Gayet sagte Keilhof wieder ins Ohr, Sie habens so halb und halb erraten.

Nachdem man nun glaubte, sich in gehörige Sicherheit gesetzt zu haben, so schickte man um Fastnacht eine Deputation an den Pastor ab; Schöffe Keilhof ging selbst mit, denn er musste das Wort führen. Stillingen wurde Zeit und Weile lang, bis sie wieder kamen, um zu hören, wie die Sache abgelaufen wäre. Er hörte es auch von Wort zu Wort. Keilhof hatte den Vortrag getan.

"Herr Pastor! wir haben uns einen lateinischen Schulmeister ausgesucht, wir kommen her, um es Ihnen anzukündigen."

Ihr habt mich aber nicht eh gefragt, ob ich den auch haben will, den ihr ausgesucht habt.

"Davon ist die Frage nicht, die Kinder sind unser, die Schul ist unser, und auch der Schulmeister."

Aber welcher unter euch versteht wohl so viel Latein, um einen solchen Schulmeister zu prüfen, ob er auch zu dem amt nutzt?

"Dazu haben wir unsre Leute."

Der Fürst aber sagte: Ich soll der Mann sein, der den hiesigen Rector examiniret und bestättiget, versteht ihr mich!

"Deswegen kommen wir ja auch her."

Nun dann! ohne Weitläuftigkeit! – ich hab auch einen ausgesucht der gut ist, – und das istder bekannte Schulmeister Stilling!

Keilhof und seine Leute sahen sich an. Stollbein aber stunde und lächelte mit Triumph, und so schwieg man eine Weile und sagte gar nichts.

Keilhof erholte sich endlich, und sagte: "Nun denn so sind wir ja einer Meinung!"

Ja, Schöffe Starrkopf! wir wären denn doch endlich einmal einer Meinung! bringt euren Schulmeister her! ich will ihn bestätigen und einsetzen.

"So weit sind wir noch nicht, Herr Pastor! wir wollen ein eigenes Schulhaus vor ihn haben, und die lateinische Schule von der deutschen sepperiren."

(Denn beide schulen waren vereiniget, jeder Schulmeister bekam das halbe Gehalt, und der lateinische half dem deutschen in den übrigen Stunden).

Gott verzeih mir meine Sünde! da säet doch der Teufel wieder sein Unkraut. Wo soll euer Rector denn von leben?

"Das ist wiederum unsre Sache und nicht die Ihrige."

Hört Schöffe Keilhof! Ihr seid ein recht dummer Kerl! ein Vieh, so gross als eins auf Gottes Erdboden geht, schert euch nach Haus!

"Was? IhrIhrscheltet mich?"

Geht grosser Narr! ihr sollt nun euren Stilling nicht haben, so wahr ich Pastor bin! und damit ging er in sein Cabinet, und schloss die Tür hinter sich zu.

Noch eh der Schöffe nach Haus kam, erhielt Stilling Ordre nach dem Pfarrhaus zu kommen; er ging und dachte nicht anders als er würde nun zum Rector eingesetzt werden. Allein, wie erschrack er nicht, als ihn Stollbein folgender Gestalt anredete:

"Stilling! eure Sache ist nichts. Wenn ihr nicht ins grösste Elend, in Hunger und Kummer geraten wollt, so melirt euch nicht weiter mit den Florenburgern."

Und hierauf erzählte ihm der Pastor alles was vorgefallen war. Stilling nahm mit grösster Wehmut Abschied vom Pastor. Seid zufrieden! sagte Herr Stollbein: Gott wird euch noch segnen, und glücklich machen, bleibt nur an eurem Handwerk, bis ich euch sonsten anständig versorgen kann.

Die Florenburger wurden indessen bös auf Stillingen, weil er, wie sie glaubten, heimlich mit dem Pastor gepflügt hatte. Sie verliessen ihn also auch, und wählten einen andern. Herr Stollbein liess ihnen vor diesmahl ihren Willen; sie machten einen neuen Rector, gaben ihm ein besonderes Haus, und da sie der alten deutschen Schule das Gehalt nicht entziehen konnten und durften, zu einem neuen aber keinen Rat wussten: so beschlossen sie, ihm sechzig Kinder zum Latein lernen zu verschaffen, und von jedem Kind jährlich vier Reichstaler zu bezahlen. Allein der rechtschaffene Mann hatte das erste viertel Jahr sechzig, hernach vierzig, zu Ende des Jahrs zwanzig, und endlich kaum fünf, so dass er bei aller Müh und Arbeit, endlich im Hunger, Kummer, und Elend starb, und seine Frau und Kinder betteln.

Nach diesem Vorfall gab sich Herr Stollbein in Ruhe, er fing an stille zu werden, und sich um nichts mehr zu bekümmern; er versah nur bloss seine Amtsgeschäfte, und zwar mit aller Treue. Der Hauptfehler welcher ihn so oft zu törichten Handlungen verleitet hatte, war ein Familienstolz. Seine Frau hatte vornehme Verwandten, und die sah er gern hoch ans Brett kommen. Auch er selber strebte gern nach Gewalt und Ehre. Dieses ausgenommen war er ein gelehrter und sehr guterziger Mann, ein Armer kam nie fehl bei ihm, er