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also bei jeder Wahl auch die erste stimme.

Stilling wusste die geheime Liegenheit der Sache. Er freute sich, dass sich alles so gut schickte. Doch durfte er die Gesinnung des Predigers nicht entdecken, damit Herr Keilhof nicht alsbald seinen Vorsatz ändern möchte. Die Sache wurde also auf die Weise beschlossen.

Wilhelm und sein Sohn glaubten nunmehr gewiss, dass das Ende aller Leiden da sei. Denn die Stelle war ansehnlich und einträglich, so dass er ehrlich leben konnte, wenn er auch heiraten würde. Selbsten die Stief-Mutter fing an, sich zu freuen; denn sie liebte Stillingen wirklich, nur dass sie nicht wusste, was sie mit ihm machen sollte; sie fürchtete immer, er verdiene Kost und Trank nicht, geschweige die Kleider; doch was das letzte betrift, so war er ihr darinnen noch nie beschwerlich gewesen, denn er hatte kaum die Notdurft.

Er zog also auf Neujahr 1762 nach Florenburg bei dem Schöffen Keilhof ein, und fing seine lateinische Information an. Als er einige Tage da gewesen war, tat ihm Herr Stollbein in geheim zu wissen, er möchte einmal zu ihm kommen, doch so, dass es niemand gewahr würde. Dieses geschah auch an einem Abend in der Dämmerung. Der Pastor freute sich von Herzen, dass die Sachen eine solche Wendung nahmen. "Gebt acht! sagte er zu Stilling, wenn sie sich wegen eurer einmal eins sind, und alles regulirt haben, so müssen sie doch zu mir kommen, und meine Einwilligung holen. Weil sie nun immer gewohnt sind, dumme Streiche zu machen, so sind sie auch gewohnt, dass ich ihnen allezeit contrair bin. Wie werden sie auf spitzige Stichelreden studiren? – und wenn sie dann hören werden, dass ich mit ihnen einer Meinung bin, so wird sie's wirklich reuen, dass sie euch gewählt haben, allein dann ist es zu spät. Haltet euch ganz ruhig, und seid nur brav und fleissig, so wirds gut gehen."

Indessen fiengen die Florenburger an, des Abends nach dem Essen zum Schöffen Keilhof zu kommen, und sich zu beratschlagen, wie man die Sache am besten angreifen möchte, um auf alle Fälle gegen den Pastor gerüstet zu sein. Stilling hörte das alles, und öfters musste er hinausgehen, um durch lachen der Brust Luft zu machen.

Unter denen, die bei Keilhof kamen, war ein gar sonderlicher Mann, ein Franzos von Geburt, der hiess Gayet. So wie nun niemand wusste, wo er eigentlich her war, desgleichen ob er luterisch oder reformirt war, und warum er des Sommers eben sowohl wollene Ober-Strümpfe mit Knöpfen an den Seiten trug, als des Winters; wie auch, woher er an das viele Geld kam, das er immer hatte, so wusste auch niemalen jemand, mit welcher Partie er es hielte. Stilling hatte diesen wunderlichen Heiligen schon kennen gelernt, als er in die lateinische Schule ging. Gayet konnte niemand leiden, der ein Werkeltags-Mensch war; Leute, mit denen er umgehen sollte, mussten Feuer und Trieb und Wahrheit und erkenntnis in sich haben; wenn er so jemand fand, dann war er offen und vertraulich. Da er nun zu Florenburg niemand von der Art wusste, so machte er sich ein Plaisir daraus, sie alle zusammen, den Pastor mitgerechnet, zum Narren zu haben. Stilling aber hatte ihm von jeher gefallen, und nun, da er erwachsen und Informator bei Keilhof war, so kam er oft hin, um ihn zu besuchen. Dieser Gayet sass auch wohl des Abends da und hielte Rat mit den andern; dieses war aber nie sein Ernst, sondern nur, seine Freude an ihnen zu haben. Einsmals, als ihrer sechs bis acht recht ernstlich an der Schulsache überlegten, fing er an: "Hört, ihr Nachbarn, ich will euch was erzählen! Als ich noch mit dem Kasten auf dem rücken längs die Türen ging und Hüte feil trug, so komm ich auch von ungefehr einmal ins Königreich Siberien, und zwar in die Hauptstadt Emugi; nun war der König eben gestorben, und die Reichsstände wollten einen andern wählen. Nun war aber ein Umstand dabei, worauf alles ankam; das Reich Kreuz-Spinn-Land gränzt an Siberien, und beide Staaten haben sich seit der Sündflut her immer in den Haaren gelegen, bloss aus der Ursache: Die Siberier haben lange in die Höh stehende Ohren, wie ein Esel, und die Kreuz-Spinn-Länder haben Ohrlappen, die bis auf die Schulter hangen. Nun war von jeher Streit unter beiden Völkern; jedes wollte behaupten, Adam hätte Ohren gehabt wie sie. Deswegen musste in beiden Ländern immer ein rechtgläubiger König erwählt werden; das beste Zeichen davon war, wenn jemand gegen die andere Nation einen unversöhnlichen Hass hatte. Als ich nun da war, so hatten die Siberier einen vortreflichen Mann im Vorschlag, den sie nicht so sehr wegen seiner Rechtgläubigkeit, als vielmehr wegen seiner vortreflichen Gaben zum König machen wollten. Nur er hatte hoch in die Höhe stehende Ohren, und auch herabhangende Ohrlappen, er trug also in dem Fall auf beiden Schultern; das wollte zwar vielen nicht gefallen, doch man wählte ihn. Nun beschloss der Reichsrat, dass der König mit der wohlgeordneten hochohrigten Armee gegen den langohrigten König zu feld ziehen sollte; das geschah. Allein, was das einen Allarm gab! – Beide Könige kamen ganz friedlich zusammen, gaben sich die hände