entfliehn.
Hoch und stark geht er daher,
Höret seines Lieblings Leiden,
Wie ihm wird das Leben schwer,
Wie ihn fliehen alle Freuden.
Tief sich beugend blickt er dann
Dort das Priester-Schildlein an.
Licht und Recht strahlt weit und breit,
Vater Stilling sieht mit Wonne,
Wie nach schwerer Prüfungszeit,
Glänzt die unbewölkte Sonne,
Die versöhnte königin,
Auf des Lieblings Scheitel hin.
Vergnügt stunde nun Stilling auf, und steckte seine Schreibtafel in die tasche. Er sah, dass der Rand der Sonnen auf den sieben Bergen zitterte. Es schauerte etwas um ihn her, er fuhr zusammen, und eilte fort, ist auch seitdem nicht wieder dahin gekommen.
Er hatte jetzt die wenige Wochen welche er zu Florenburg war, eine sehr sonderbare Gemütsbeschaffenheit. Er war traurig, aber mit einer so zärtlichen Süssigkeit vermischt, dass man wünschen sollte, auf solche Weise traurig zu sein. Die Quellen von diesem seltsamen Zustand hat er nie entdecken können. Doch glaube ich die häusslichen Umstände seines Meisters trugen viel dazu bei; es war eine so ruhige Harmonie in diesem haus; was einer wollte, das wollte auch der andere. Dazu hatte er auch eine grosse wohlgezogene Tochter, die man mit Recht unter die grössten Schönheiten des ganzen Landes zählen musste. Diese sung unvergleichlich, und konnte einen Vorrat von vielen schönen Liedern.
Stilling spürte, dass er mit diesem Mädchen sympatisirte, und sie auch mit ihm doch ohne Neigung sich zu heiraten. Sie konnten Stunden lang zusammen sitzen und singen, oder sich etwas erzählen, ohne dass etwas Vertraulichers mit unterlief, als bloss zärtliche Freundschaft. Was aber endlich daraus hätte werden können, wenn dieser Umgang lange gedauert hätte, das will ich nicht untersuchen. Indessen genoss doch Stilling vor die Zeit manche vergnügte Stunde; und dieses Vergnügen würde vollkommener gewesen sein, wenn er nicht nötig gehabt hätte, wieder zurück nach Leindorf zu gehen.
An einem Sonntag Abend sass Stilling mit Liesgen (so hiess das Mädgen) am Tisch und sungen zusammen. Ob nun das Lied einigen Eindruck auf sie machte, oder ob ihr sonst etwas trauriges einfiel, weiss ich nicht; sie fing herzlich an zu weinen. Stilling fragte sie, was ihr fehlte? Sie sagte aber nichts, sondern stunde auf und ging fort, kam auch diesen Abend nicht wieder. Sie blieb von der Zeit an melancholisch, ohne dass Stilling damals gewahr wurde, warum. Diese Veränderung machte ihm Unruhe, und zu einer andern Zeit, da sie beide wiederum allein waren, setzte er so hart an sie, dass sie endlich folgender Gestalt anfieng:
"Heinrich, ich kann und darf dir nicht sagen, was mir fehlt, ich will dir aber etwas erzählen: Es war einmal ein Mädgen, das war gut und fromm, und hatte keine Lust zu unzüchtigen Leben; aber sie hatte ein zärtliches Herz, auch war sie schön und tugendsam.
Diese ging an einem Abend auf ihrer Schlafkammer ans Fenster stehen, der Vollmond schien so schön in den Hof, es war Sommer, und alles draussen so still. Sie bekam Lust, noch ein wenig heraus zu gehen. Sie ging still zur Hintertür hinaus in den Hof, und aus dem Hof in die Wiese die daran stiess. Hier setzte sie sich unter eine Hecke in den Schatten, und sung mit leiser stimme: Weicht quälende Gedanken!" (Dieses war eben das Lied, welches Liesgen den Sonntag Abend mit Stilling sung, als sie so ausserordentlich traurig wurde.) "Nachdem sie ein paar Verse gesungen hatte, kam ein wohlbekannter Jüngling zu ihr, der grüsste sie, und fragte: Ob sie wohl ein klein wenig mit ihm die Wiesen herunter spatzieren wollte? Sie tats nicht gern, doch als er sie sehr nötigte, so ging sie mit. Als sie nun eine Strecke zusammen gewandelt hatten, so wurde dem Mädgen auf einmal alles fremd. Sie befand sich in einer ganz unbekannten Gegend, der Jüngling aber stunde lang und weiss neben ihr, wie ein Todter der auf der Bahre liegt, und sah sie erschrecklich an. Das Mädgen wurde Todbange, und sie betete recht herzlich, dass ihr doch der liebe Gott gnädig sein möchte. Nun drehete sie der Jüngling auf einmal mit dem Arm herum, und sprach mit hohler stimme: Da sieh wie es dir ergehen wird! Sie sah vor sich hin eine Weibsperson stehen, welche ihr selbsten sehr ähnlich oder wohl gar gleich war; sie hatte alte Lumpen anstatt der Kleider um sich hangen, und ein kleines Kind auf dem Arm, welches eben so ärmlich aussahe. Sieh! sagte der Geist ferner! das ist schon das dritte unehliche Kind das du haben wirst. Das Mädgen erschrak und sunk in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich selber kam, da lag sie in ihrem Bett und schwitzte vor Angst, sie glaubte aber sie hätte geträumt. Siehe, Heinrich! das liegt mir immer so im Sinn, und deswegen bin ich traurig." Stilling setzte hart an sie mit fragen, ob ihr das nicht selbsten passirt wäre? Allein sie läugnete es beständig, und bezeugte, dass es eine geschichte wäre, die sie hätte erzählen hören.
Die traurige Lebens-geschichte dieser bedauernswürdigen person hat es endlich ausgewiesen, dass sie diese schreckliche Ahndung selber muss gehabt haben; und nun lässt es sich leicht begreifen, warum sie damals so melancholisch geworden. Ich übergehe ihre Historie aus wichtigen Gründen, und sage nur so viel: Sie