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sie am gewohnten Platz hinter dem Ofen sitzen. Sie erkannte ihn bald an der stimme, denn sie war staarblind und konnte ihn also nicht sehen. Heinrich! sagte sie: Komm, setze dich hier neben mich! Stilling tat das. Ich habe gehört, fuhr sie fort, dass dich dein Vater hart hält, ist wohl deine Mutter schuld daran? Nein! sagte Stilling, sie ist nicht schuld daran, sondern meine betrübte Umstände.

"Hör! sagte die ehrwürdige Frau: es ist dunkel um mich her, aber in meinem Herzen ist es desto lichter, ich weiss es wird dir gehen, wie einer gebährenden Frau, mit vielen Schmerzen must du gebähren was aus dir werden soll. Dein seliger Grossvater sah das alles voraus. Ich denke mein Lebtag daran, wir lagen einmal des Abends auf dem Bett, und konnten nicht schlafen. Da sprachen wir dann so von unsern Kindern, und auch von dir, dann du bist mein Sohn und ich habe dich erzogen. Ja! sagte er: Margrete! wenn ich doch noch erleben mögte, was aus dem Jungen wird. Ich weiss nicht: Wilhelmwird noch in die Klemme kommen, so stark als er jetzt das Christentum treibt, wird er es nicht ausführen, er wird ein frommer ehrlicher Mann bleiben, aber er wird noch was erfahren. Denn er spart gern, und hat Lust zu Geld und Gut. Er wird wieder heiraten, und dann werden seine gebrechliche Füsse dem Kopf nicht folgen können. Aber der Junge! der liebt nicht Geld und Gut, sondern Bücher, und davon lässt sichs im Bauernstand nicht leben. Wie die beiden zusammen stallen werden, weiss ich nicht! – Aber der Junge wird doch am ende glücklich sein, das kann nicht fehlen. Wenn ich eine Axt mache, so will ich damit hauen; und wozu unser Herr Gott einen Menschen schafft, dazu will er ihn brauchen."

Stillingen war es als wenn er im dunklen Heiligtum gesessen, und ein Orakel gehört hätte, er war als wenn er entzückt wäre und aus der dunklen Gruft seines Grossvaters die gewohnte stimme sagen hörte: Sei getrost, Heinrich! der Gott deiner Väter wird mit dir sein!

Nun redete er noch ein und anderes mit seiner Grossmutter. Sie vermahnte ihn geduldig und grossmütig zu sein, er versprachs mit Tränen und nahm Abschied von ihr. Als er vor die Tür kam, übersah er seine alte romantische Gegenden; die Herbstsonne schien so hell und schön darüber hin; und da es noch früh am Tage war, so beschloss er alle diese Oerter noch einmal zu besuchen, und über das alte Schloss nach Florenburg zurück zu fahren. Er ging also den Hof hinauf, und in den Wald; er fand noch alle die Gegenden wo er so viele Süssigkeiten genossen hatte, aber der eine Strauch war verwachsen, und der andere ausgerottet; das tat ihm leid. Er spatzirte langsam den Berg hinauf bis aufs Schloss, auch da waren viele Mauern umgefallen, die in seiner Jugend noch gestanden hatten; alles war verändert; nur der Hollunderstrauch auf dem Wall westwärts stunde noch.

Er stellte sich auf die höchste Spitze zwischen die Ruinen, er konnte da über alles hinweg sehen. Nun überschaute er den Weg von Tiefenbach nach Zellberg. Ihm traten all die schönen Morgen vor seine Seele, mit ihrem herrlichen Genuss, den er die Strecke herauf empfunden hatte. Nun blickte er nordwärts in die Ferne, und sah einen hohen blauen Berg; er erkannte, dass dieser Berg nah bei Dorlingen war; nun traten ihm alle dortige Scenen klar vors Gemüt, sein Schicksal auf der Rauchkammer, und alles andere was er da gelitten hatte. Nun sah er westwärts die Leindorfer Wiesen in der Ferne liegen, er fuhr zusammen, und es schauerte ihm in allen Gliedern. Südwärts sah er die Preisinger Berge mit der Heide, wo Anna ihr Lied sung. Südwestwärts fielen ihm die Kleefelder Gefilde in die Augen, und mit einemmahl überdachte er sein kurzes und mühseeliges Leben. Er sunk auf die Knie, weinte laut, und betete feurig zum Allmächtigen um Gnade und Erbarmen. Nun stunde er auf, seine Seele schwomm in Empfindungen und Kraft; er setzte sich neben den Hollunderstrauch, nahm seine Schreibtafel aus der tasche und schrieb:

Hört ihr lieben Vögelein,

Eures Freundes stille Klagen!

Hört ihr Bäume gross und klein

Was euch meine Seufzer sagen!

Welke Blumen horchet still,

Was ich jetzt singen will!

Mutter-Engel! wallst du nicht,

Hier auf diesen Grases-Spitzen?

Weilst du wohl beim Monden-Licht

Glänzend an den Rasen-Sitzen?

Wo dein Herz sich so ergoss,

Als dein Blut noch in mir floss.

Schaut wohl dein verklärtes auge,

Diese matte Sonnenstrahlen?

Blickst du aus dem Lasurblau,

Das so viele Stern bemahlen,

Wohl zuweilen auf mich hin,

Wenn ich bang und traurig bin?

Oder schwebst du um mich her,

Wenn ich oft in trüben Stunden

Da mir war das Herz so schwer,

Einen stillen Kuss empfunden?

Trank ich dann nicht Himmelslust,

Aus der sel'gegen Mutterbrust?

Auf dem sanften Mondesstrahl,

Fährst du ernst und still von hinnen,

Lenkst den Flug zum Sternensaal,

An den hohen Himmelszinnen,

Wird dein Wagen weislichtblau

Zu dem schönsten Morgentau.

Vater Stillings Silberhaar,

Kräuselt sich im ewgen Winde,

Und sein Auge Sternenklar,

Sieht sein Dortgen sanft und linde,

Wie ein goldnes Wölkgen ziehen

Und der fernen Welt