blass wie die Wand, und das Weinen war ihm näher als das lachen; seine Zuhörer stellten sich alle an die Wand und falteten die hände. Henrich sah den Pastor furchtsam an, ob er vielleicht den Rohrstab aufheben möchte, um ihn zu schlagen; denn das war so seine Gewohnheit, wenn er die Kinder spielen sah; doch er tat's jetzt nicht, er sagte nur: geh herunter, und stell dich dahin, wirf den närrischen Anzug von dir! Henrich gehorchte gern; Stollbein fuhr fort:
"Ich glaube, du hast wohl den Pastor im Kopf?"
Ich hab kein Geld, zu studiren.
"Du sollst nicht Pastor, sondern Schulmeister werden!"
Das will ich gern, Herr Pastor! aber wenn unser Herr Gott nun haben wollte, dass ich Pastor, oder ein anderer gelehrter Mann werden sollte, muss ich dann sagen: Nein, lieber Gott! ich will Schulmeister bleiben, der Herr Pastor wills nicht haben?
"Halt's Maul, du Esel! weisst du nicht, wen du vor dir hast?"
Nun catechisirte der Pastor die Kinder alle, darinnen hatte er eine vortrefliche Gabe.
Bei nächster gelegenheit suchte Herr Stollbein Wilhelmen zu bereden, er möchte doch seinen Sohn studiren lassen, er versprach sogar, Vorschub zu verschaffen; allein dieser Berg war zu hoch, er liess sich nicht ersteigen.
Henrich kämpfte indessen in seinem beschwerlichen Zustand rechtschaffen; seine Neigung zum Schulhalten war unaussprechlich; aber nur bloss aus dem Grund, um des Handwerks los zu werden, und sich mit Büchern beschäftigen zu können; denn er fühlte selbst gar wohl, dass ihm die Unterrichtung anderer Kinder ew'ge Langeweile machen würde. Doch machte er sich das Leben so erträglich, als es ihm möglich war. Die Matematik nebst alten Historien und Rittergeschichten war sein Fach; denn er hatte wirklich den Tobias Beutel und Bions matematische Werkschule ziemlich im Kopf; besonders ergötzte ihn die Sonnuhrkunst über die Masse; es sah comisch aus, wie er sich den Winkel, in welchem er sass und nähte, so nach seiner Phantasie ausstaffirt hatte; die Fensterscheiben waren voll Sonnenuhren, inwendig vor dem Fenster stunde ein viereckigter Klotz, in Gestalt eines Würfels, mit Papier überzogen, und auf allen fünf Seiten mit Sonnenuhren bezeichnet, deren Zeiger abgebrochene Nähnadel waren; oben unter der Stubendecke war gleichfalls eine Sonnenuhr, die von einem Stücklein Spiegel im Fenster erleuchtet wurde; und ein astronomischer Ring von Fischbein hing an einem Faden vor dem Fenster; dieser musste auch die Stelle der Taschenuhr vertreten, wenn er ausging. Alle diese Uhren waren nicht allein gründlich und richtig gezeichnet, sondern er verstand auch schon dazumal die gemeine Geometrie, nebst Rechnen und Schreiben aus dem Grund, ob er gleich nur ein Knabe von zwölf Jahren und ein Lehrjunge im Schneiderhandwerk war. Der junge Stilling fing auch nunmehr an, zu Herrn Stollbein in die Catechisation zu gehen; das war ihm nun zwar eine Kleinigkeit, allein es hatte doch auch seine Beschwerden; denn da der Pastor immer ein Auge auf ihn hatte, so entdeckte er auch immer etwas an ihm, das ihm nicht gefiel; zum Beispiel: Wenn er in die Kirche, oder in die Catechisationsstube kam, so war er immer der Vorderste, und hatte also auch immer den obersten Stand; dieses konnte nun der Pastor gar nicht leiden, denn er liebte an andern Leuten die Demut ungemein. Einsmals fuhr er ihn an, und sagte:
"Warum bist du immer der Vorderste?" er antwortete:
wenn es Lernen gilt, so bin ich nicht gern der Hinterste.
"Ei, weisst du Schlingel kein Mittel zwischen hinten und vornen?"
Stilling hätte gern noch ein Wörtchen dazu gesetzt, allein er furchte sich, den Pastor zu erzürnen. Herr Stollbein spazierte die stube ab, und indem er wiederum herauf kam, sagte er lächelnd: "Stilling, was heisst das zu deutsch: medium tenuere beati?"
Das heisst: die Seeligen haben den Mittelweg gehalten; doch deucht mir, man könnte auch sagen, plerique medium tenentes sunt damnati. (Die mehresten Leute sind verdammt, die das Mittel gehalten haben, das ist: Die weder kalt noch warm sind). Herr Stollbein stutzte, sah ihn an, und sagte: Junge! ich sage dir, du sollst das Recht haben, voran zu stehen, du hast vortreflich geantwortet. Doch nun stunde er nie wieder vornen, damit ihm die andre Kinder nicht bös werden möchten. Ich weiss nicht, ob es Feigherzigkeit, oder ob es Demut war. Nun fragte ihn Herr Stollbein wieder: Warum gehst du nicht an deinen Ort? Er antwortete: Wer sich selbst erniedriget, der soll erhöhet werden. Schweig! erwiderte der Pastor, du bist ein vorwitziger Bursche. Dieses ging nun so seinen gang fort, bis im Jahr 1755 auf Ostern, da Henrich Stilling vierzehn und ein halb Jahr alt war; vierzehn Tage vor dieser Zeit liess ihn Herr Pastor Stollbein allein vor sich kommen, und sagte zu ihm: Hör, Stilling, ich wollte gern einen braven Kerl aus dir machen, du musst aber hübsch fromm, und mir, deinem Vorgesetzten, gehorsam sein; auf Ostern will ich dich, mit noch andern, die älter sind, als du, zum heiligen Abendmahl einsegnen, und dann will ich sehen, ob ich dich nicht zum Schulmeister machen kann. Stillingen hüpfte das Herz für Freuden, er dankte dem Pastor