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die ihm der Hofprediger gegeben hatte.

Die Prediger können das sehr selten, sagte Herr Goldmann. Sie moralisiren gut, und ein braver Prediger kann auch in seinem Zirkel gut moralisch leben, aber! aber! wir andern können das so nicht, man führt die Geistlichen nicht so leicht in Versuchung als andere Leute. Sie haben gut sagen! – Hört, Vetter! alle moralischen Predigten sind nicht einen Pfifferling wert, der Verstand bestimmt niemahlen unsre Handlungen, wenn die Leidenschaften etwas stark dabei interessirt sind, das Herz macht allezeit ein Mäntelchen darum, und überredet uns: schwarz sei weiss! – Vetter! ich sag euch eine grössere Wahrheit, als Freund Schneeberg. Wer nicht dahin kommt, dass das Herz mit einer starken leidenschaft Gott liebt, den hilft alles moralisiren ganz und gar nichts. Die Liebe Gottes allein macht uns tüchtig, moralisch gut zu werden. Dieses sei euch ein Notabene, Vetter Stilling! und nun bitte ich euch, gebt dem Herrn Berg-Verwalter seinen ehrlichen Abschied, und bewillkommt die arme Nähnadel mit Freuden, so lang bis euch Gott hervorziehen wird. Ihr seid mein lieber Vetter Stilling, und wenn ihr auch nur ein Schneider seid. Summa Summarum! ich will das ganze Ding rückgängig machen, sobald ich nach Lahnburg komme.

Stilling konnte für Empfindung des Herzens die Tränen nicht einhalten. Es ward ihm so wohl in seiner Seelen, dass er es nicht aussprechen konnte. O! sagte er: Herr Vetter! wahr ist das! – Woher erlang ich doch Kraft, um meinem teufelischen Hochmut zu widerstehen! – ein, zwei, drei Tage! – und dann bin ich tot. – Was hilfts mich dann, ein grosser vornehmer Mann in der Welt gewesen zu sein? – Ja, es ist wahr! – Mein Herz ist die falscheste Creatur auf Gottes Erdboden, immer mein ich, ich hätte die Absicht nur mit meinen Wissenschaften Gott und dem nächsten zu dienenund wahrlich! – es ist nicht wahr! ich will nur gern ein grosser Mann werden, gern hoch klimmen, um nur auch tief fallen zu können. – O! wo krieg ich Kraft, mich selber zu überwinden?

Goldmann konnte sich nicht mehr entalten. Er weinte, fiel Stillingen um den Hals: und sagte: edler! edler Vetter! seid getrost; Dieses treue Herz wird Gott nicht fahren lassen. Er wird euer Vater sein. Kraft erlangt man nur durch Arbeit; der Hammerschmidt kann einen Centner Eisen unter dem Hammer hin und her wenden, wie einen leichten Stab, das ist uns beiden unmöglich, so kann ein Mensch der durch Prüfungen geübt ist, mehr überwinden als ein Muttersöhngen der immer an der Brust saugt, und nichts erfahren hat. Getrost Vetter! freut euch nur wenn Trübsalen kommen, und glaubt alsdann, dass ihr auf Gottes Universität seid, der etwas aus euch machen will.

Des andern Tages reiste also Stilling getröstet und gestärkt wiederum nach seinem Vaterland. Der Abschied von Herrn Goldmann kostete ihn viele Tränen, er glaubte, dass er der rechtschaffenste Mann sei, den er je gesehen hatte, und ich glaube jetzt auch noch, dass Stilling recht gehabt habe. So ein Mann mag wohl Goldmann heissen; wie er sprach, so handelte er auch; wenn er noch lebt und liesst dieses, so wird er weinen, und sein Gefühl dabei wird englisch sein.

Auf der Heimreise nahm sich Stilling fest vor, ruhig am Schneiderhandwerk zu bleiben, und nicht wieder so eitle Wünsche zu hegen; diejenigen Stunden aber die er frei haben würde, wollte er ferner dem Studiren widmen. Doch als er nahe bei Leindorf kam, fühlte er schon wieder die Melancholie anklopfen. Insonderheit fürchtete er die Vorwürfe seines Vaters, so dass er also sehr niedergeschlagen zur Stubentür hereintrat.

Wilhelm sass mit einem Lehrjungen und nähete. Er grüsste seinen Vater und Mutter, setzte sich still hin und schwieg. Wilhelm schwieg auch eine Weile, endlich legte er seinen Fingerhut nieder, schlug die arme übereinander und fing an:

Heinrich! ich hab alles gehört, was dir abermals zu Kleefeld wiederfahren ist; ich will dir keine Vorwürfe machen; das sehe ich aber klar ein, es ist Gottes Wille nicht, dass du ein Schulmeister werden sollst. Nun gieb dich doch einmal ruhig ans Schneiderhandwerk, und arbeite mit Lust. Es findet sich noch so manches Stündgen, wo du deine Sachen fortsetzen kanst.

Stilling ärgerte sich recht über sich selber, und befestigte seinen Vorsatz den er unterweges gefasst hatte. Er antwortete deswegen seinem Vater: Ja ihr habt ganz recht! ich will beten, dass mir unser Herr Gott die Sinnen ändern möge! und so setzte er sich hin, und fing wieder an zu nähen. Dieses geschahe vierzehn Tage nach Michaelis, Anno 1760, als er ins ein und zwanzigste Jahr getreten war.

Wenn er nun weiter nichts zu tun gehabt hätte, als auf dem Handwerk zu arbeiten, so würde er sich beruhigt und in die Zeit geschickt haben; allein sein Vater stellte ihn auch ans Dreschen. Er musste den ganzen Winter durch des Morgens früh um zwei Uhr aus dem Bett, und auf die kalte Dreschtenne. Der Flegel war ihm erschrecklich. Er bekam die hände voller lichter Blasen, und seine Glieder zitterten für Schmerzen und Müdigkeit, allein das half alles nichts, vielleicht hätte sich sein Vater über ihn erbarmt, allein die Mutter wollte haben, dass ein jeder im haus Brod und Kleider verdienen sollte