1778_Jung_Stilling_124_27.txt

Kopf gesetzt. Die Glücksfälle, welche die Phantasie der Dichter ihren Helden andichtet, setzen sich in Kopf und Herz vest, und erwecken einen Hunger nach dergleichen wunderbaren Veränderungen.

Stilling schwieg eine Weile, sah vor sich nieder; endlich blickt er seinen Vetter durchdringend an, und sagte mit Nachdruck: Nein! bei den Romanen fühl ich nur, mir ist es, als wenn mir alles selbsten wiederführe, was ich lese; aber ich hab gar keine Lust, solche Schicksale zu erleben. Es ist was anders, lieber Herr Vetter! ich habe Lust zu Wissenschaften, wenn ich nur einen Beruf hätte, in welchem ich mit Kopfarbeit mein Brod erwerben könnte, so wär mein Wunsch erfüllt.

Goldmann versetzte: Nun so untersucht einmal diesen Trieb unparteiisch, ist nicht Ruhm und Ehrbegierde damit verknüpft? habt ihr nicht süsse Vorstellungen davon, wenn ihr in einem schönen Kleid, und herrschaftlichen Aufzug einhertreten könntet? wenn die Leute sich bücken und den Hut vor euch abziehen müssten, und wenn ihr der Stolz und das Haupt eurer Familie würdet?

Ja! antwortete Stilling treuherzig, das fühl ich freilich, und das macht mir manche süsse Stunde.

Recht! fuhr Goldmann fort: Aber ist es euch auch ein wahrer Ernst, ein rechtschaffener Mann in der Welt zu sein, Gott und Menschen zu dienen, und also auch nach diesem Leben selig zu werden? da heuchelt nun nicht, sondern seid aufrichtig, habt ihr den vest entschlossenen Willen?

O ja! versetzte Stilling, das ist doch wohl der rechte Polarstern, nach welchem sich endlich, nach vielem Hin- und Hervagiren, mein Geist wie eine Magnetnadel richtet.

Nun, Vetter! erwiderte Goldmann: Nun will ich euch eure Nativität stellen, und die soll zuverlässig sein. Hört mir zu! "Gott verabscheut nichts mehr, als den eiteln Stolz, und die Ehrbegierde, seinen Nebenmenschen, der oft besser ist, als wir, tief unter sich zu sehen; das ist verdorbene menschliche natur. Aber Er liebt den Mann, der im Stillen und Verborgenen zum Wohl der Menschen arbeitet, und nicht wünscht, offenbar zu sein. Diesen zieht Er durch Seine gütige Leitung, gegen seinen Willen endlich hervor, und setzt ihn hoch hinauf. Da sitzt dann der rechtschaffene Mannohne Gefahr, gestürzt zu werden, und weilen ihn die Last der Erhöhung niederdrückt, so betrachtet er alle Menschen neben sich so gut als sich selbsten. Seht, Vetter! das ist wahre edle verbesserte oder wiedergebohrne Menschennatur. Nun will ich weissagen, was euch wiederfahren wird: Gott wird durch eine lange und schwere Führung alle eure eitle Wünsche suchen abzufegen; gelingt ihm dieses, so werdet ihr endlich nach vielen schweren Proben, ein glücklicher grosser Mann, und ein vortrefliches Werkzeug Gottes werden! Wenn ihr aber nicht folgt, so werdet ihr euch vielleicht bald hoch schwingen, und einen entsetzlichen Fall tun, der allen Menschen, die es hören werden, in die Ohren gellen wird."

Stilling wusste nicht, wie ihm ward, alle diese Worte waren, als wenn sie Goldmann in seiner Seelen gelesen hätte. Er fühlte diese Wahrheit im Grund seines Herzens, und sagte mit inniger Bewegung und gefaltenen Händen: Gott! Herr Vetter! das ist wahr! ich fühl's, so wirds mir gehen.

Goldmann lächelte, und schloss das Gespräch mit den Worten: Ich beginne zu hoffen, ihr werdet endlich glücklich sein.

Des andern Morgens setzte der Richter Goldmann Stillingen in die Schreibstube, und liess ihn copiren; da sah er nun alsofort, dass er sich vortreflich zu so etwas schicken würde, und wenn die Frau Richterinn nicht ein wenig geizig gewesen wäre, so hätte er ihn alsofort zum Schreiber angenommen.

Nach einigen Tagen ging er auch nach Lahnburg. Der Hofprediger war in den nahgelegenen vortreflichen Tiergarten gegangen. Stilling ging ihm nach, und suchte ihn daselbst auf. Er fand ihn in einem buschigten gang wandeln, er ging auf ihn zu, überreichte ihm den Brief, und grüsste ihn von den Herrn Goldmann Vater und Sohn. Herr Schneeberg kannte Stillingen, sobald als er ihn sah; denn sie hatten sich einmal in Salen gesehen und gesprochen. Nachdem Herr Schneeberg den Brief gelesen hatte, so ersuchte er Stillingen, mit ihm bis an Sonnen Untergang spazieren zu gehen, und ihm indessen seine ganze geschichte zu erzählen. Er tats mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit, so dass der Hofprediger zuweilen die Augen wischte.

Des Abends nach dem Essen sagte Herr Schneeberg zu Stillingen: hören Sie, mein Freund! ich weiss ein Etablissement für Sie, und das soll Ihnen verhoffentlich nicht fehl schlagen. Nur eins ist hier die Frage: Ob Sie sich getrauen, demselben mit Ehren vorzustehen?

"Die Prinzessinnen haben hier in der Nähe ein ergiebiges Bergwerk, nebst einer dazu gehörigen Schmelzhütte. Sie müssen daselbst einen Mann haben, der das Berg- und Hüttenwesen versteht, dabei treu und redlich ist, und überall das Interesse Ihrer Durchlauchten wohl besorgt und in Acht nimmt. Der jetzige Verwalter zieht künftiges Frühjahr weg, und alsdann wär es Zeit, diesen vorteilhaften Dienst anzutreten; Sie bekommen da Haus, Hof, Garten und Ländereien frei, nebst drei hundert Gulden jährlichen Gehalt. Hier hab ich also zwo fragen an Sie zu tun. Verstehn Sie das Berg- und Hüttenwesen hinlänglich, und getrauen Sie sich wohl, einen berechneten Dienst zu übernehmen?"

Stilling konnte seine herzliche Freude nicht bergen. Er antwortete: was das erste betrifft