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bay solch ainer heiligä Handlung nit lachä."

Stilling antwortete: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Ich kann nicht sagen, ob ich gelacht habe; ich weiss aber wohl, was profanatio sacrorum ist, und habs lang gewusst.

Nun befahl der Präsident, dass seine Gegner herein treten sollten; sie kamen, und der Secretair musste ihnen das eben abgefasste Protocoll vorlesen. Sie sahen sich an, und schämten sich.

Habt ihr noch was einzuwenden? fragte der Präsident. Sie sagten: Nein!

Nun dann, fuhr der ehrliche Mann fort, so hab ich noch was einzuwenden: Dem Herrn Inspector kommts zu, einen Schulmeister zu bestätigen, wenn ihr einen erwählt habt. Meine Pflicht aber ist's, Acht zu haben, dass Ruhe und Ordnung erhalten werde; deswegen befehl ich euch bei hundert Gulden Strafe, den vorigen Schulmeister nicht zu wählen, sondern einen ganz unparteiischen; damit die Gemeinde wieder ruhig werde.

Der Inspector erschrak, sah den Präsident an, und sagte: auf die Wais werden die Lait nimmer zu Ruh kommä.

Herr Inspector! erwiderte jener, das gehört ins forum politicum, und geht Sie nichts an.

Indessen liess sich Rehkopf melden. Er wurde hereingelassen. Dieser begehrte das Protocoll zu sehen, im Namen seiner Principalen. Der Secretair musste ihm das heutige vorlesen. Rehkopf sah Stilling an, und fragte ihn: ob das Recht wäre? Stilling antwortete: Man kann nicht immer tun, was Recht ist, sondern man muss auch wohl zuweilen die Augen zutun, und ergreifen, was man kann, und nicht, was man will, indessen dank ich euch tausendmal, rechtschaffener Freund! Gott wirds euch vergelten! Rehkopf schwieg eine Weile, endlich fing er an, und sagte: so protestir ich im Namen meiner Principalen gegen die Wahl des vorigen Schulmeisters; und begehrte, dass diese Protestation zu Protocoll getragen werde. Gut! sagte der Präsident, das soll geschehen, ich hab dasselbige auch schon vorhin bei hundert Gulden Strafe verboten. Nun wurden sie allzusammen nach Haus geschickt, und die ganze Sache geschlossen.

Stilling war also wiederum in seine betrübte Umstände versetzt, er nahm sehr traurig Abschied von seinen lieben Kleefeldern, ging aber nicht nach Haus, sondern zum Herrn Pastor Goldmann, und klagte ihm seine Umstände. Dieser bedauerte ihn von Herzen, und behielt ihn über Nacht bei sich. Des Abends hielten sie Rat zusammen, was Stilling nun wohl am füglichsten vorzunehmen hätte. Herr Goldmann erkannte sehr wohl, dass er bei seinem Vater wenig Freude haben würde, und doch wusste er ihm auch kein anderes Mittel an die Hand zu geben; endlich fiel ihm etwas ein, das sowohl dem Pastor als auch Stillingen angenehm und vorteilhaft vorkam.

Zehn Stunden von Salen liegt ein Städtchen, welches Rotagen heisst; in demselben war der junge Herr Goldmann, ein Sohn des Predigers, Richter. Noch zwo Stunden weiter zu Lahnburg war Herr Schneeberg Hofprediger bei zweien hohen Prinzessinnen, und dieser war ein Vetter des Herrn Goldmanns. Nun glaubte der ehrliche Mann, wenn er Stillingen mit Empfehlungsschreiben an beide Männer abschicken würde, so könnte es nicht fehlen, sie würden ihm unterhelfen. Stilling hoffte selbsten ganz gewiss, es würde alles nach Wunsch ausschlagen. Die Sache wurde also beschlossen, die Empfehlungsschreiben fertig gemacht, und Stilling reiste des andern Morgens getrost und freudig fort.

Das Wetter war diesen Tag sehr rauh und kalt, dabei war es wegen der kotigen Wege sehr übel reisen. Doch ging Stilling viel vergnügter seine Strasse fort, als wenn er im schönsten Frühlingswetter nach Leindorf zu seinem Vater hätte gehen sollen. Er fühlte eine so tiefe Ruhe in seinem Gemüt, und ein Wohlgefallen des Vaters der Menschen, dass er frölich fortwanderte, beständig Dank und feurige Seufzer zu Gott schickte, ob er gleich bis auf die Haut vom Regen durchnetzt war. Schwerlich würde's ihm so wohl gewesen sein, wenn Weinhold Recht gehabt hätte.

Des Abends um sieben Uhr kam er müd und nass zu Notagen an. Er fragte nach dem Haus des Herrn Richter Goldmanns, und dieses wurde ihm gewiesen, er ging hinein und liess sich melden. Der Herr Goldmann kam die Treppe herab gelaufen, und rief: Ei willkommen, Vetter Stilling! Willkommen in meinem Haus! Er führte ihn die Treppe hinauf. Seine Liebste empfieng ihn ebenfalls freundlich, und machte Anstalten, dass er trockene Kleider an den Leib kriegte, und die Seinigen wiederum trocken wurden, hernach setzte man sich zu Tisch. Während dem Essen musste Stilling seine geschichte erzählen; als das geschehen war, sagte Herr Goldmann; Vetter! es muss doch etwas in eurer Lebensart sein, das den Leuten missfällt, sonsten wär es unmöglich, so unglücklich zu sein. Ich werde es bald bemerken, wenn ihr einige Tage bei mir gewesen seid, ich will's euch dann sagen, und ihr müsst es suchen abzuändern. Stilling lächelte und antwortete: Ich will mich freuen, Herr Vetter! wenn Sie mir meine Fehler sagen, aber ich weiss ganz wohl, wo der Knoten sitzt, und den will ich Ihnen aufknüpfen: Ich lebe nicht in dem Beruf, zu welchem ich gebohren bin, ich tue alles mit Zwang, und deswegen ist auch kein Segen dabei.

Goldmann schüttelte den Kopf, und erwiderte: Ei! Ei! wozu solltet ihr gebohren sein? Ich glaube, ihr habt euch durch euer Romanlesen unmögliche Dinge in den