1778_Jung_Stilling_124_24.txt

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Ja! sagte Stilling.

"'r sayd mer ain schöner Kerl! wärt wärt, dass man

aich aus dem Land paitschte!"

Sachte! sachte! redete der Präsident ein, audiatur

et altera pars.

"Herr Präsident! das k'hört ad forum ecclesiasti

cum. Sie habä da nichts z' sagä."

Der Präsident ergrimmte und schwieg. Der Inspec

tor sah Stilling verächtlich an, und sagte:

"Wie 'r da stät, der schlechte Mensch!"

Die Männer lachten ihn hönisch aus. Stilling konn

te das gar nicht ertragen, er hatte auf der Zunge, er wollte sagen: wie Christus vor dem Hohenpriester! allein er nahms wieder zurück, trat näher, und sagte: was hab ich getan? Gott ist mein Zeuge, ich bin unschuldig! Der Inspector lachte hönisch, und erwiderte:

"Als wenn 'r nit wüsst, was'r selbstan begangä hat!

fragt air K'wissä!"

Herr Inspector! mein Gewissen spricht mich frei,

und der, der da recht richtet, auch; was hier geschehen wird, weiss ich nicht.

"Schwaigt 'r Gottloser! – sagt mer, Kerchäältester,

was ist aire Klage?"

Herr Oberprediger! wir habens heute vierzehn Tage protocolliren lassen.

"Arächt's is wahr!"

Und dieses Protocoll, sagte Stilling, muss ich haben!

"Was wollt'r? Nain! sollt's nit habä!"

C'est contre l'ordre du prince versetzte der Präsident, und ging fort.

Der Inspector dictirte nun und sagte: "Schraibt, Secretär! Hait erschienä N. N. Kerchäältester von Kleefeld, und N.N. ainwahner daselbst, cantra ihren Schoolmaister Stilling. Kläger beziehä sich of variges Protocoll. Der Schoolmaister begährte extractum protocolli, wird'm aber aus giltigä Ohrsachä abk'schlagä."

Nun krachte der Inspector noch ein paarmal auf den Absätzen, stemmte die hände in die Seiten, und sprach:

"Könnt nu nacher Haus geh!" Sie gingen alle drei fort.

Gott weiss es, dass die Erzählung wahr, und wirklich so passirt ist! Schande wärs für mich, der Protestantischen Kirche einen solchen Teologen anzudichten. Schande für mich! wenn Weinhold noch eine gute Seite gehabt hätte. – Aber! – Ein jeder junger Teologe spiegele sich doch an diesem Exempel, und denke: wer da will unter euch der Grösste sein, der sei der Geringste.

Stilling war ganz betäubt, er begriff von allem, was er gehört hatte, nicht ein Wort. Die ganze Scene war ihm ein Traum, er kam nach Kleefeld ohne zu wissen wie. So bald er da anlangte, ging er in die Capelle, und zog die Glocke; dieses war das Zeichen, wenn die Gemeinde in einem ausserordentlichen Notfall schleunig zusammen berufen werden sollte. Alle Männer kamen eiligst bei der Capelle auf einem grünen Platz zusammen. Nun erzählte ihnen Stilling den ganzen Vorfall umständlich. Da sah man recht, wie die verschiedene Temperamente der Menschen bei einerlei Ursache verschieden wirken; einige rasten, die andern waren launigt, noch andere waren betrübt, und wieder andere waren wohl bei der Sache; diese rückten den Hut aufs Ohr, und riefen: kein T ... soll uns den Schulmeister nehmen! Unter all diesem Gewirre hatte sich ein junger Mensch, Namens Rehkopf, weggeschlichen, er setzte im Wirtshaus eine Vollmacht auf, mit diesem Papier in der Hand kam er in die Tür, und rief: wer Gott und den Schulmeister liebt, der komme her, und unterschreibe sich! Da ging nun der ganze Trupp etwa hundert Bauern hinein, und unterschrieben sich. Noch denselbigen Tag ging Rehkopf mit zwanzig Bauern nach Salen und zum Inspector.

Rehkopf klopfte oder schellte nicht an der Tür des Pfarrhauses, sondern ging gerade hinein, die Bauern hinter ihm her; im Vorhaus begegnete ihm der Knecht. Wohin? ihr Leute! rief er: wart! ich will euch melden! Rehkopf versetzte: geh, fülle deine Weinflasche! wir können uns selber melden; und so klotzten die zwei und vierzig Füsse die Treppe hinauf, und gerade ins Zimmer des Inspectors. Dieser sass da im Lehnsessel, er hatte einen damastenen Schlafrock an, eine baumwollene Mütze auf dem Kopf, und eine feine Leidische Kappe drüber, dabei trunk er so ganz genüglich seine Tasse Schocolade. Er erschrack, setzte seine Tasse hin und sagte:

"Gott! – ihr Laitwas wallt'r?"

Rehkopf antwortete: wir wollen hören, ob unser Schulmeister ein Mörder, ein Ehebrecher oder ein Dieb ist?

"Behüt Gott! wer sagt das?"

Herr! Sie sagens oder lassens, Sie behandeln ihn so. Entweder Sie sollen sagen und beweisen, dass er ein Missetäter ist, und in dem Fall wollen wir ihn selber abschaffen, oder Sie sollen uns Genugtuung für seine Schmach geben, und in diesem Fall wollen wir ihn behalten. Sehen Sie hier unsre Vollmacht.

"Waist ämahl her!" Der Inspector nahm sie, und fasste sie an, als wenn er sie zerreissen wollte. Rehkopf trat hinzu, nahm sie ihm aus der Hand, und sprach: Herr! lassen Sie sich das vergehn! Sie verbrennen, weiss Gott! die Finger, und ich auch!

"Ihr trotzt mer in main Haus?"

Wie Sie's nehmen, Herr! Trotz oder nicht!

Der Inspector zog gelindere