und es gefällt uns. Aber deine selige Mutter hüpfte und tanzte im Frühling, im Sommer war sie munter und geschäftig, im Anfang des Herbstes fing sie an zu trauren, bis Weihnachten weinte sie, und dann fing sie an zu hoffen, und die Tage zu zählen, im März lebte sie schon halb wieder auf." Wilhelm lächelte, schüttelte den Kopf und sagte: Es sind doch besondere Dinge! – Ach! seufzte dann Henrich oft in seinem Herzen: möchte sie noch leben, sie würde mich am besten verstehen! –
Zuweilen fand Stilling ein Stündchen, das er zum Lesen verwenden konnte, und dann dauchte ihm, als wenn er noch einen fernen Nachgeschmack von den vergangenen seeligen zeiten genösse, allein es war nur ein vorbeieilender Genuss. Um ihn her wirkten eitel frostige Geister, er fühlte das beständige Treiben des Geldhungers, und der frohe stille Genuss war verschwunden. – Er beweinte seine Jugend, und trauerte um sie, wie ein Bräutigam um seine erblasste Braut. Allein das alles half nichts, klagen durfte er nicht; und sein Weinen brachte ihm nur Vorwürfe.
Doch hatte er einen einzigen Freund zu Leindorf, der ihn ganz verstund, und dem er alles klagen konnte. Dieser Mensch hiess Caspar und war ein Eisenschmelzer, eine edle Seele, warm für die Religion, mit einem Herzen voller Empfindsamkeit. Der November hatte noch schöne Herbsttage, deswegen gingen Caspar und Stilling Sonntags Nachmittags spazieren, alsdann flossen ihre Seelen in einander über; besonders hatte Caspar eine veste überzeugung in seinem Gemüt, dass sein Freund Stilling vom himmlischen Vater zu weit was anders, als zum Schulhalten und Schneiderhandwerk bestimmt sei; er konnte das so unwidersprechlich dartun, dass Stilling ruhig und grossmütig beschloss, alle seine Schicksale geduldig zu ertragen. Um Weihnachten blickte ihn das Glück wieder freundlich an. Die Kleefelder Vorsteher kamen, und beriefen ihn zu ihren Schulmeister; dieses war nun die beste und schönste Capellenschule im ganzen Fürstentum Salen. Er wurde wieder ganz lebendig, dankte Gott auf den Knien, und zog hin. Sein Vater gab ihm beim Abschied die treusten Ermahnungen, und er selber tat, so zu sagen, ein Gelübde, jetzt alle seine Geschicklichkeit und Wissenschaft anzuwenden, um im Schulhalten den höchsten Ruhm davon zu tragen. Die Vorsteher gingen mit ihm nach Salen, und er wurde daselbst vor dem Consistorium von dem Inspector Meinhold bestättiget.
Mit diesem vesten Entschluss trat er mit dem Anfang des 1760sten Jahrs, im zwanzigsten seines Alters, dieses Amt wiederum an, und bediente dasselbe mit solchem Ernst und Eifer, dass es rund umher bekannt wurde, und alle seine Feinde und Missgönner fiengen an zu schweigen, seine Freunde aber zu triumphiren, er beharrte auch in dieser Treue, so lange er da war. Dem ungeachtet setzte er doch seine Lectüre in den übrigen Stunden fort. Das Clavier und die Matematik waren sein Hauptwerk; indessen wurden doch Dichter und Romanen nicht vergessen. Gegen das Frühjahr wurde er mit einem Amts-Collegen bekannt, der Graser hiess, und das Tal hinauf, eine starke halbe Stunde weit von Kleefeld, auf dem Dorf Kleinhoven, Schul hielt. Dieser Mensch war einer von denjenigen, die immer mit vielbedeutender Miene stillschweigen, und im Verborgenen handeln.
Ich hab oft Lust gehabt, die Menschheit zu classificiren, und da möchte ich die klasse, worunter Graser gehörte, die launigte nennen. Die besten Menschen darinnen, sind stille Beobachter ohne Gefühl, die mittelmässige sind Dockmäuser, die schlechtesten, Spionen und Verräter. Graser war freundlich gegen Stilling, aber nicht vertraulich. Stilling hingegen war beides, und das gefiel jenem, er beobachtete gern andere im Lichte, stunde aber dagegen selber lieber im Dunklen. Um nun Stillingen recht zum Freund zu behalten, so sprach er immer von grossen Geheimnissen, er verstund magische und sympatetische Kräfte zu regieren, und einsmals vertraute er Stillingen unter dem Siegel der grössten Verschwiegenheit, dass er die erste Materie des Steins der Weisen recht wohl kenne; Graser sah dabei so geheimnissvoll aus, als wenn er wirklich das grosse Universal selber besessen hätte. Stilling vermutete es, und Graser leugnete es auf eine Art, die jenen vollends überzeugte, dass er gewiss den Stein der Weisen habe; dazu kam noch, dass Graser immerfort sehr viel Geld hatte, weit mehr, als ihm seine Umstände einbringen konnten. Stilling war überaus vergnügt wegen dieser Bekanntschaft, ja er hofte sogar, dereinst durch hülfe seines Freundes ein Adeptus zu werden. Graser liehe ihm die Schriften des Basilius Valentinus. Er lase sie ganz aufmerksam durch, und als er hinten an den Process aus dem Ungarischen Vitriol kam, da wusste er gar nicht, wie ihm ward. Er glaubte wirklich, er könnte nun den Stein der Weisen selber machen. Er bedachte sich eine Weile, nun fiel ihm ein, wenn der Process so ganz vollkommen richtig wäre, so müsste ihn ja ein jeder Mensch machen können, der nur das Buch hätte.
Ich kann versichern, dass Stillings Neigung zur Alchymie niemalen den Stein der Weisen zum Zweck hatte; wenn er ihn gefunden hätte, so wärs ihm lieb gewesen; sondern ein Grundtrieb in seiner Seelen, wovon ich bis dahin noch nichts gesagt habe, fing an sich bei reiferen Jahren zu entwickeln, und der war ein unersättlicher Hunger nach erkenntnis der ersten Urkräfte der natur. Damalen wusste er noch nicht, welchen Namen er dieser Wissenschaft beilegen sollte. Das Wort Philosophie schien ihm was anders zu bedeuten; dieser Wunsch ist