finden, denn erstere liebte ihn, und die beiden letzteren hatten ihre Liebe in eine herzliche Freundschaft verwandelt, die aber doch gar leicht wieder hätte in erstern Brand geraten können, wenn er sich zärtlicher gegen sie ausgelassen, oder dass sich eine andere Möglichkeit den erwünschten Zweck zu erreichen geäussert hätte. Sie weinten alle drei, und fürchteten den Tag des Abschiedes, doch der kam mehr als zu früh. Die Mädchen versunken in stummen Schmerz, Frau Schmoll aber weinte; Stilling ging wie ein Trunkener; sie hielten an ihm an, sie oft zu besuchen; er versprach das, und taumelte wieder Mitternachtwärts den Berg hinauf; auf der Höhe sah er sich nochmals nach seinem lieben Preisingen um, setzte sich hin und weinte. Ja! dachte er: Lampe singt wohl recht: Mein Leben ist ein Pilgrimstand – Da geh ich schon das drittemal wieder an das SchneiderHandwerk, wann ehr mag es doch wohl endlich Gott gefallen, mich beständig glücklich zu machen! hab ich doch keine andere Absicht, als ein rechtschaffener Mann zu werden. Nun befahl er sich Gott, und wanderte mit seinem Bündel auf Leindorf zu.
Nach dem Verlauf zweier Stunden kam er daselbst an. Wilhelm sah ihn zornig an, als er zur Tür herein trat; das ging ihm durch die Seele, seine Mutter aber sah ihn gar nicht an, er setzte sich hin und wusste nicht, wie ihm war. Endlich fing sein Vater an: "Bist du wieder da, ungeratener Junge? ich hab mir eitle Freude deinetwegen gemacht, was helfen dich deine Brodlosen Künste? – das Handwerk ist dir zuwider, sitzest da seufzen und seufzen, und wenn du Schulmeister bist, so wills nirgend fort. Zu Zellberg warst' ein Kind und hattest kindische Anschläge, darum gab man dir was zu; zu Dorlingen warst' ein Schuhputzer, sogar kein Salz und Kraft hast' bei dir; hier zu Leindorf ärgertest du die Leute mit Sächelchen, die weder dir noch andern nutzen, und zu Preisingen musst d' entfliehen, um so eben deine Ehre zu retten. Was willst' nun hier machen? – Du musst Handwerk und Feldarbeit ordentlich verrichten, oder ich kann dich nicht brauchen." Stilling seufzte tief und antwortete: Vater! ich fühl es in meiner Seelen, dass ich unschuldig bin, ich kann mich aber nicht rechtfertigen; Gott im Himmel weiss alles! ich muss zufrieden sein, was er über mich verhängen wird. Aber:
Endlich wird das frohe Jahr
Der erwünschten Freiheit kommen!
Es wäre doch entsetzlich, wenn mir Gott Triebe und Neigungen in die Seele gelegt hätte, und seine Vorsehung weigerte mir, so lang ich lebe, die Befriedigung derselben!
Wilhelm schwieg, und legte ihm ein Stück Arbeit vor. Er setzte sich hin und fing wieder an zu arbeiten; er hatte ein so gutes Geschicke dazu, dass sein Vater oft zu zweifeln anfieng, ob er nicht gar von Gott zum Schneider bestimmt sei? Dieser Gedanke aber war Stillingen so unerträglich, dass sich seine ganze Seele dagegen empörete; er sagte dann auch wohl zuweilen, wenn Wilhelm so etwas vermutete: Ich glaube nicht, dass mich Gott in diesem Leben zu einer beständigen Hölle verdammet habe.
Es war nunmehr Herbst, und die Feld-Arbeit mehrenteils vorbei, daher musste er fast immer auf dem Handwerk arbeiten, und dieses war ihm auch lieber, seine Glieder konnten es besser aushalten. Dennoch aber fand sich seine tiefe Traurigkeit bald wieder, er war, wie in einem fremden land, von allen Menschen verlassen. Dieses Leiden hatte so etwas ganz besonders und unbeschreibliches; das einzige, was ich nie habe begreifen können, war dieses: So bald die Sonne schien, fühlte er sein Leiden doppelt, das Licht und Schatten des Herbstes brachte ihm ein so unaussprechliches Gefühl in seine Seele, dass er für Wehmut oft zu vergehen glaubte, hingegen wenn es regnigt Wetter und stürmisch war, so befand er sich besser, es war ihm, als wenn er in einer dunklen Felsenkluft sässe, er fühlte dann eine verborgene Sicherheit, wobei es ihm wohl war. Ich hab unter seinen alten Papieren noch einen Aufsatz gefunden, den er diesen Herbst im October an einem Sonntag Nachmittag verfertiget hat; es heisst unter andern darinnen:
Gelb ist die Trauerfarbe
Der sterbenden natur,
Gelb ist der Sonnenstral;
Er kommt so schief aus Süden,
Und lagert sich so müde
Langs Feld und Berge hin;
Die kalte Schatten wachsen,
Auf den erblassten Rasen
Wirds grau von Frost und Reif,
Der Ost ist scharf und herbe,
Er stösst die falben Blätter,
Sie nieseln auf den Frost u.s.w.
An einem andern Ort heisst es:
Wenn ich des Nachts erwache,
So heults im Loch der Eulen,
Die Eiche saust im Wind.
Es klappern an den Wänden,
Die halb verfaulten Bretter,
Es rast der wilde Sturm
Dann ist es mir wohl im Dunkeln,
Dann fühl ich tiefen Frieden,
Dann ist es mir traurig wohl u.s.w.
Wenn sein Vater guter Laune war, so dass er sich in etwa an ihn entdecken durfte, so klagte er ihm zuweilen sein inneres trauriges Gefühl. Wilhelm lächelte dann und sagte: "Das ist etwas, welches wir Stillinge nicht kennen, das hast du von deiner Mutter geerbt. Wir sind immer gut Freund mit der natur, sie mag grün, gelb, oder weiss aussehen; wir denken dann, das muss so sein,