1778_Jung_Stilling_124_2.txt

sanfter vernünftiger Mann, und wusste zu geben und zu nehmen. Des Mittags nach dem Essen sammlete Stilling einen Haufen Kinder um sich her, ging mit ihnen hinaus aufs Feld, oder an einen Bach, und dann erzählte er ihnen allerhand schöne empfindsame Historien, und wenn er sich ausgeleert hatte, so mussten andere erzählen. Einsmals waren ihrer auch etliche zusammen auf einer Wiesen, es fand sich ein Knabe herzu, dieser fing an: Hört, Kinder! ich will euch was erzählen: "Neben uns wohnt der alte Frühling, ihr wisst, wie er daher geht, und so an seinem Stock zittert; er hat keine Zähne mehr, auch hört und sieht er nicht viel. Wenn er denn so da am Tisch sass und zitterte, so verschüttete er immer vieles, auch floss ihm zuweilen etwas wieder aus dem Mund. Das ekelte dann seinem Sohn und seiner Schnur, und deswegen musste der alte Grossvater endlich hinter dem Ofen im Eck essen, sie gaben ihm etwas in einem irdenen Schüsselchen, und noch dazu nicht einmal satt, ich hab ihn wohl sehen essen, er sah so betrübt nach dem Tisch, und die Augen waren ihm dann nass. Nun hat er ehgestern sein irdenes Schüsselchen zerbrochen. Die junge Frau keiffte sehr mit ihm, er sagte aber nichts, sondern seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar heller, da musste er gestern Mittag zum erstenmal aus essen; wie sie so da sitzen, so schleppt der kleine Knabe von viertehalb Jahr auf der Erden kleine Bretchen zusammen. Der junge Frühling fragt: was machst du da, Peter? Ho! sagt das Kind, ich mach ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin. Der junge Frühling und seine Frau sahen sich eine Weile an, fiengen endlich an zu weinen, und hohlten alsofort den alten Grossvater an den Tisch, und liessen ihn mit essen."

Die Kinder sprungen in die Höhe, klatschten in die hände, lachten und riefen: das ist recht artig; sagte das der kleine Peter? ja, versetzte der Knabe, ich hab dabei gestanden, wie's geschah. Henrich Stilling aber lachte nicht, er stunde und sah vor sich nieder; die geschichte drung ihm durch Mark und Bein, bis ins Innerste seiner Seelen; endlich fing er an: das sollte meinem Grossvater wiederfahren sein! ich glaube, er wäre von seinem hölzernen Schüsselchen aufgestanden, in die Ecke der Stuben gegangen, und dann hätte er sich hingestellt und gerufen: Herr, stärke mich in dieser Stunde, dass ich mich einst räche an diesen Philistern! dann hätte er sich gegen den Eckpfosten gesträubt, und das Haus eingeworfen. Sachte! sachte! Stilling! redete ihm der grössten Knaben einer ein, das wäre doch von deinem Grossvater ein wenig zu arg gewesen, Du hast recht! sagte Henrich; aber denke! es ist doch recht satanisch; wie oft hat wohl der alte Frühling seinen Jungen auf dem Schoos gehabt, und ihm die beste Brocken in Mund gesteckt? es wär doch kein Wunder, wenn einmal ein feuriger Drache um Mitternacht, wenn das Viertel des Monds eben untergegangen ist, sich durch den Schornstein eines solchen Hauses hinunter schlengerte, und alles Essen vergiftete. Wie er eben auf den Drachen kam, ist kein Wunder, denn er hatte selbsten vor kurzen Tagen des Abends, als er nach haus ging, einen grossen durch die Luft fliegen sehen, und er glaubte vor die Zeit noch fest, dass es einer von den obersten Teufeln selbst gewesen.

So verfloss die Zeit unter der Hand, und es war nun bald an dem, dass er die lateinische Schule nach und nach verlassen, und seinem Vater am Handwerk helfen musste; doch dieses war schweres Leiden für ihn; er lebte nur in den Büchern, und es dauchte ihn immer, man liesse ihm nicht Zeit gnug zum Lesen; deswegen sehnte er sich unbeschreiblich, einmal Schulmeister zu werden; dieses war in seinen Augen die höchste Ehrenstelle, die er jemals zu erreichen glaubte. Der Gedanke, ein Pastor zu werden, war zu weit jenseits seiner Sphäre. Wenn er sich aber zuweilen hinauf schwung, sich auf die Canzel dachte, und sich dazu vorstellte, wie selig es sei, ein ganzes Leben unter Büchern hinzubringen, so erweiterte sich sein Herz, er wurde von Wonne durchdrungen, und dann fiel ihm wohl zuweilen ein: Gott hat mir diesen Trieb nicht umsonst eingeschaffen, ich will ruhig sein, Er wird mich leiten, und ich will ihm folgen.

Dieser Entusiasmus verleitete ihn zuweilen, wenn seine Leute nicht zu Haus waren, eine lustige Comödie zu spielen; er versammlete so viel Kinder um sich her, als er zusammen treiben konnte, hing einen Weiberschurz auf den rücken, machte sich einen Kragen von weissem Papier, trat alsdann auf einen Lehnstuhl, so, dass er die Lehne vor sich hatte, und dann fing er mit einem Anstand an zu predigen, der alle Zuhörer in Erstaunen setzte. Dieses tat er oft, denn es war auch nur sein einziges Kinderspiel, das er jemalen mag getrieben haben.

Nun trug es sich einsmalen zu, als er recht heftig declamirte, und seinen Zuhörern die Hölle heiss machte, dass Herr Pastor Stollbein auf einmal in die stube trat; er lächelte nicht oft, doch konnte er es jetzt nicht verbeissen; Henrich lachte aber nicht, sondern er stunde wie eine Bildsäule,