1778_Jung_Stilling_124_19.txt

, blicke zurücke!

Der Vater, steif und bebend,

Lief langsam stolpernd hin:,:

Er fand sie kaum mehr lebend,

Ihm starrte Mut und Sinn.

Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Der Jüngling kehrte wieder

Von seiner Raserei:,:

Und fiele sterbend nieder,

Zog Lorens Haupt herbei.

Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Und unter tausend Küssen

Flog hin das Seelenpaar:,:

In matten Tränengüssen

Entflohn sie der Gefahr.

Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Nun wankt, im Seelenleiden,

Der Vater hin und her:,:

Ihn fliehen alle Freuden,

Kein Sternlein glänzt ihm mehr.

Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Stilling musste sich mit Gewalt halten, dass er nicht hart weinte und heulte. Sie stunde oft gegen der Sonne über, sah sie zärtlich an, und sung dann: Sonne, noch einmal, blicke zurücke! Ihr Ton war sanft, wie einer Turteltauben, wenn sie vor dem Untergang der Sonne noch einmal girrt. Ich wünschte, dass meine Leser nur die sanfte harmonische Melodien dieses und anderer in dieser geschichte vorkommenden Lieder hätten, sie würden dieselben doppelt empfinden; doch werde ich sie vielleicht dereinsten auch drucken lassen.

Endlich sprung sie wieder an seinen Arm, und ging mit ihm fort. Du weinst, Faramund! sagte sie, aber du beissest mich doch nicht, heiss mich Lore, ich will dich Faramund heissen; willst du? Ja! sagte Stilling mit Tränen, sei du Lore, ich bin Faramund. arme Lore! was wird die Mutter sagen?

"Hab ihr da so ein welkes Sträuschen gebunden, mein Faramund! aber du weinst?"

Ich weine um Lore.

"Lore ist ein gutes Mädchen. Bist du wohl in der Hölle gewesen? Faramund?"

Davor bewahr uns Gott!

Nun griff sie seine rechte Hand, legte sie unter ihre linke Brust, und sagte: Wie's da klopft! – da ist die Hölleda gehörst du hinein, Faramund! – Sie knirschte auf den Zähnen, sah wild um sich her. Ja! fuhr sie fort, du bist schon dadrinnen! – aberwie ein böser Engel! – Hier hielt sie ein, weinte. Nein, sagte sie, so nicht, so nicht.

Unter dergleichen Reden, die dem guten Stilling scharfe Messer im Herzen waren, kamen sie nach haus. So wie sie über die Schwelle traten, kam Maria aus der Küchen, und die Mutter aus der Stubentür heraus. Anna flog der Mutter um den Hals, küsste sie, und sagte: Ach, liebe Mutter! ich bin nun so fromm geworden, so fromm, wie ein Engel, und du, Mariechen, magst sagen, was du willst, (sie dräuete ihr mit der Faust) du hast mir meinen Schäfer genommen, du weidest da in guter Ruh. – Aber, kannst du das Liedchen: Es graste ein Schäflein am Felsenstein? Sie hüpfte in die stube und küsste alle Menschen, die sie sah. Frau Schmoll und Maria weinten laut. Ach! was muss ich erleben! sagte die gute Mutter, und heulte laut. Stilling erzählte indessen alles, was er von der Tante gehört hatte, und trauerte herzlich um sie. Seine Seele, die ohnehin so empfindsam war, versunk in tiefen Kummer. Denn er sah nunmehr wohl ein, woher das Unglück entstanden war, und doch durfte er keinem Menschen ein Wörtchen davon sagen. Maria merkte es auch, sie spiegelte sich an ihrer Schwester, und zog ihr Herz allmählich von Stilling ab, indem sie andern braven Jünglingen Gehör gab, die um sie wurben. Indessen brachte man die arme Anna oben im haus auf ein Zimmer, wo man eine alte Frau bei sie tat; die auf sie Acht haben, und ihrer warten musste. Sie wurde zuweilen ganz rasend, so, dass sie alles zerriss, was sie nur zu fassen bekam; man rief alsdann den Schulmeister, weil man keine andre Mannsperson, ausser dem Knecht, im haus hatte; dieser konnte sie bald zur Ruhe bringen, er hiess sie nur Lore, dann hiess sie ihn Faramund, und war so zahm, wie ein Lämmchen.

Ihr gewöhnlicher Zeitvertreib bestund darinnen, dass sie eine Schäferin vorstellte; und diese idee muss bloss von obigem Lied hergekommen sein, denn sie hatte gewiss keine Schäfergeschichte, oder Idyllen gelesen, ausgenommen einige Lieder, welche von der Art in Schmolls haus gäng und gäbe waren. Wenn man zu ihr hinauf kam, so hatte sie ein weisses Hemd über ihre Kleider angezogen, und einen rund um abgezügelten Mannshut auf dem Kopf. Um den Leib hatte sie sich mit einem grünen Band gegürtet, dessen lang herabhangendes Ende sie ihrem Schäferhund, den sie Phylax hiess, und der niemand anders, als ihre alte Aufwärterinn war, um den Hals gebunden hatte. Das gute alte Weib musste auf Händen und Füssen herumkriechen, und so gut bellen, als sie konnte, wenn sie von ihrer Gebieterin gehetzt wurde; öfters war es mit dem Bellen nicht genug, sondern sie musste sogar einen oder den andern ins Bein beissen. Zuweilen war die Frau müde, die Hundsrolle zu spielen, allein sie bekam alsdenn derbe Schläge, denn Anna hatte beständig einen langen Stab in der Hand; indessen liess sich die gute Alte gern dazu gebrauchen, weilen sie Anna damit stillen konnte, und nebst gutem Essen und Trinken einen schönen Lohn