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"Du hast wohl ehe eine alte Frau sehen betteln gehen. Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: Gott lohn euch! Nicht wahr? so sagen die Bettelleute, wenn man ihnen etwas gibt? – Die Bettelfrau kam an eine Tür – an eine Tür! – Da stunde ein freundlicher Schelm vom Jungen am Feuer und wärmte sich – Das war so ein Junge, als –"
Sie winkte den Schulmeister an.
"Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frauen, wie sie so an der Tür stunde und zitterte: kommt, Altmutter, und wärmt euch!" Sie kam herzu.
Nun ging sie auch wieder ganz bebend, kam und stand krumm neben Stillingen.
"Sie ging aber zu nah ans Feuer stehen; – ihre alte Lumpen fiengen an zu brennen, und sie wards nicht gewahr. Der Jüngling stunde und sah das. – Er hätt's doch löschen sollen, nicht wahr, Schulmeister? – Er hätt's löschen sollen?"
Stilling schwieg. Er wusste nicht, wie ihm war; er hatte so eine dunkle Ahndung, die ihn sehr melancholisch machte. Sie wollte aber eine Antwort haben; sie sagte:
"Nicht wahr, er hätte löschen sollen? – Gebt mir eine Antwort, so will ich auch sagen: Gott lohn euch!"
Ja! erwiderte er, er hätte löschen sollen. Aber, wenn er nun kein wasser hatte, nicht löschen konnte! – Stilling stunde auf, er fand keine Ruhe mehr, doch durfte er sich's nicht merken lassen.
"Ja! (fuhr Anna fort und weinte) dann hätte er alles wasser in seinem leib zu den Augen heraus weinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen."
Sie kam wieder und sah ihm scharf ins Gesicht; die Tränen stunden ihm in die Augen.
"Nun, die will ich dir doch abwischen!"
Sie nahm ihr weisses Schnupftüchlein, wischte sie ab, und setzte sich wieder still an ihren Ort. Alle waren still und traurig. Drauf gingen sie zu Bett.
Stillingen kam kein Schlaf in die Augen; er meinte nicht anders, als wenn ihm das Herz im leib für lauter Mitleid und Erbarmen zerspringen wollte. Er besann sich, was da wohl seine Pflicht wäre? – Sein Herz sprach für sie um Erbarmung, sein Gewissen aber forderte die strengste Zurückhaltung. Er untersuchte nun, welcher Forderung er folgen müsste? Das Herz sagte: Du kannst sie glückselig machen. Das Gewissen aber: Diese Glückseligkeit ist von kurzer Dauer, und dann folgt ein unabsehlich langes Elend darauf. Das Herz meinte: Gott könnte die zukünftigen Schicksale wohl recht glücklich ausfallen lassen; das Gewissen aber urteilte: man müsste Gott nicht versuchen, und nicht von ihm erwarten, dass er, um ein Paar Leidenschaften zweier armer Würmer willen, eine ganze Verkettung vieler auf einander folgender Schicksale, wobei so viele andre Menschen interessirt sind, zerreissen und verändern solle. Das ist auch wahr! sagte Stilling, sprang aus dem Bett, und wandelte auf und ab, ich will freundlich gegen sie sein, aber mit Ernst und Zurückhaltung.
Des Sonntags Morgens begab sich der Schulmeister mit der armen Jungfer auf den Weg. Sie wollte absolut an seinem Arm gehen; er liess das nicht gern zu, weil es ihm sehr übel würde genommen worden sein, wenn es ehrbare Leute gesehen hätten. Doch er überwand dieses Vorurteil, und führte sie am rechten Arm. Als sie auf oben gedachte Heide kamen, verliess sie ihn, spazierte umher, und pflückte Kräuter, aber keine grüne, sondern solche, die entweder halb, oder ganz welk und dürre waren. Dabei sunge sie folgendes Lied.
Es sass auf grüner Heide,
Ein Schäfer grau und alt:,:
Es grasten auf der Weide
Die Schäflein langs den Wald.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Der Schäfer, krumm und müde,
Stieg bei der Heerde her:,:
Und wann die Sonne glühte,
Dann war sein gang so schwer.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Sein Mädchen jung und schöne,
Sein einzigs Töchterlein:,:
War vieler Schäfer-Söhne,
Ihr einz'ger Wunsch allein.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Doch einer unter allen,
Der edle Faramund:,:
Tät ihr allein gefallen
In ihres Herzens Grund.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Es hatte ihn gebissen
Ein fremder Schäferhund:,:
Sein Fleisch war ihm zerrissen,
Sein Fuss war ihm verwundt.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Sie gingen einmal beide
Im wald hin und her:,:
Eins an des andern Seite,
Das Herz war jedem schwer.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Sie kamen nah zur Heide,
wo der Vater sass:,:
Es trauerten an der Weide
Die Schäflein in dem Gras.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Auf einem grünen Rasen
Stand Faramund starr und vest:,:
Die bangen Vögelein sassen
Ganz still in ihrem Nest.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Er fiel, mit blanken Zähnen,
Sein armes Mädchen an:,:
Sie rief mit tausend Tränen
Ihn um Erbarmen an.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!
Das bange Seelenzagen
Hört nun der Vater bald:,:
Des Mädchens Ach und Klagen
Erscholl im ganzen Wald.
Sonne, noch einmal