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Schulmeister kann sie nutzen, und dabei wahrnehmen, was für einen Antecessor er ehmals gehabt habe.

Um diese Zeit hatte er im historischen Fach noch nichts gelesen, als Kirchenhistorie, Martergeschichten, Lebensbeschreibungen frommer Menschen, desgleichen auch alte Kriegshistorien vom dreissigjährigen Krieg und dergleichen. Im Poetischen fehlt's ihm noch; da war er noch immer nicht weiter gekommen, als vom Eulenspiegel bis auf den Kayser Octavianus, den Reinike Fuchs mit eingeschlossen. Alle diese vortrefliche Werke der alten deutschen hatte er wohl hundertmal gelesen, und wieder andern erzählt; er sehnte sich nun nach neueren. Den Homer rechnete er nicht zu dieser Lectüre, es war ihm um vaterländische Dichter zu tun. Stilling fand, was er suchte. Herr Pastor Goldmann hatte einen Eidam, der ein Chirurgus und zugleich Apoteker war; dieser Mann hatte einen Vorrat von schönen poetischen Schriften, besonders aber von Romanen; er lehnte sie dem Schulmeister gern, und das erste Buch, welches er mit nach haus nahm, war die Asiatische Banise.

Dieses Buch fing er an einem Sonntag Nachmittag an zu lesen. Die Schreibart war ihm neu und fremd. Er glaubte in ein fremdes Land gekommen zu sein, und eine neue Sprache zu hören, aber sie entzückte und rührte ihn bis auf den Grund seines Herzens. Blitz, Donner und Hagel, als die rächenden Werkzeuge des gerechten himmelswar ein Ausdruck für ihn, dessen Schönheit er nicht genug zu rühmen wusste. Goldbedeckte Türnewelche herrliche Kürze! und so bewunderte er das ganze Buch durch, die Menge von Metaphern, in welchen der Styl des Herrn von Ziegler gleichsam schwomme. über alles aber schien ihm der Plan dieses Romans ein Meisterstück der Erdichtung zu sein, und der Verfasser desselben war in seinen Augen der grösste Poet, den jemals Teutschland hervorgebracht hatte. Als er im Lesen dahin kam, wo Balacin seine Banise im Tempel errettet, und den Chaumigrem ermordet, so überlief ihn der Schauer der Empfindung dergestalt, dass er fortlief, in einen geheimen Winkel niederkniete, und Gott dankte, dass Er doch endlich den Gottlosen ihren Lohn auf ihr Haupt bezahle, und die Unschuld auf den Tron setze. Er vergoss milde Tränen, und lase mit eben der Wärme auch den zweiten teil durch. Dieser gefiel ihm noch besser; der Plan ist verwickelter, und im Ganzen mehr romantisch. Darauf lase er die zwei Quartbände von der geschichte des christlichen deutschen Grossfürsten Hercules, und der Königlich Böhmischen Prinzessin Valiska, und dieses Buch gefiel ihm gleichfalls über die massen; er las es im Sommer während der Heuerndte, als er einige Tage Ferien hatte, aneinander ganz durch, und vergass die ganze Welt dabei. Was das für eine Glückseligkeit sei, eine solche neue Schöpfung von Geschichten zu lesen, gleichsam mit anzusehen, und alles mit den handelnden Personen zu empfinden, das lässt sich nur denen sagen, die ein Stillings Herz haben.

Es war einmal eine Zeit, da man sagte: der Hercules, die Banise und dergleichen, ist das grösste Buch, das Teutschland hervorgebracht hat. Es war auch einmal eine Zeit, da mussten die Hüte der Mannspersonen dreieckigt hoch in die Luft stehen, je höher, je schöner. Der Kopfputz der Weiber und Jungfrauen stand derweil in die Queere, je breiter, je besser. Jetzt lacht man der Banise und des Hercules, eben so, wie man eines Hagestolzen lacht, der noch mit hohem Hut, steifen Rockschössen, und ellenlangen herabhangenden Aufschlägen einhertritt. Anstatt dessen trägt man Hütchen, Röckchen, Manschettchen, liest Amourettchen, und buntschäckigte Romänchen, und wird unter der Hand so klein, dass man einen Mann aus dem vorigen Jahrhundert, wie einen Riesen ansieht, der von Grobheit strotzt. Dank sei's vorab Klopstock, und so die Reihe herunter bis aufdass sie dem unteutschen tändelnden Ton die Spitze geboten, und ihn auf die Neige gebracht haben. Es wird noch einmal eine Zeit kommen, wo man grosse Hüte tragen, und also auch die Banise als eine herrliche Antiquität lesen wird.

Die Wirkungen dieser Lectüre auf Stillings Geist waren wunderbar, und gewiss ungewöhnlich; es war etwas in ihm, das seltene Schicksale in seinem eigenen Leben ahndete; er freute sich recht auf die Zukunft, fasste Zutrauen zum lieben himmlischen Vater, und beschloss grossmütig: so gerade zu, blindlings dem Faden zu folgen, wie ihn ihm die weise Vorsicht in die Hand geben würde. Desgleichen fühlte er einen himmlischsüssen Trieb, in seinem Tun und Lassen recht edel zu sein, eben so, wie die Helden in gemeldeten Büchern vorgestellet werden. Er lase dann mit einem recht empfindsam gemachten Herzen die Bibel, und geistliche Lebensgeschichten frommer Leute: als Gottfried Arnolds Leben der Altväter, seine Kirchen- und Ketzerhistorie und andere von der Art mehr. Dadurch erhielt nun sein Geist eine höchst seltsame Richtung, die sich mit nichts vergleichen, und nichts beschreiben lässt. Alles, was er in der natur sah, jede Gegend idealisirte er zum Paradies, alles war ihm schön, und die ganze Welt beinah ein Himmel. Böse Menschen rechnete er mit zu den Tieren, und was sich halb gut auslegen liess, das war nicht mehr böse in seinen Augen. Ein Mund, der anders sprach, als das Herz dachte, jede Ironie, und jede Satyre, war ihm ein Gräuel, alle andre Schwachheiten konnte er entschuldigen.

Die Frau Schmoll lernte ihn auch immer mehr und mehr kennen, und so wuchs auch ihre Liebe zu ihm