haus übrig gewesen. Doch ich kehre wieder zu meiner geschichte.
Stilling konnte mit aller seiner Guterzigkeit doch nicht verhüten, dass sich nicht Leute fanden, denen er zu viel auf der Schule in Büchern lase, es gab ein Gemurmel im Dorf, und viele vermuteten, dass die Kinder versäumt würden. Ganz unrecht hatten die Leute wohl nicht, aber doch auch nicht ganz recht; denn er sorgte noch so ziemlich, dass auch der Zweck, warum er da war, erreicht wurde. Es kam freilich den Bauern seltsam vor, so unerhörte Figuren an den Schulfenstern zu sehen, wie seine Sonnenuhren waren. Oftmalen stunden zwei oder mehrere auf der Strassen still, und sahen ihn im Fenster durch ein Gläschen nach der Sonne gucken; da sagte dann der eine: der Kerl ist nicht gescheut! – der andere vermutete! er betrachte den Himmelslauf, und beide irrten sehr, es waren nur Stücke zerbrochener Füsse von Brandtweinsgläsern. Diese hielte er vors Auge, und betrachtete gegen die Sonne die herrlichen Farben in ihren mancherlei Gestalten, welches ihn, nicht ohne Ursache, königlich ergötzte.
Dieses Jahr ging nun wiederum so seinen gang fort; Handwerksgeschäfte, Schulhalten, und verstohlne Lesestunden, hatten darinnen beständig abgewechselt, bis er, kurz vor Michaelis, da er eben sein achtzehntes Jahr angetreten hatte, einen Brief vom Herrn Pastor Goldmann empfieng, der ihm eine schöne Schule an einer Capelle zu Preisingen antrug. Dieses Dorf liegt zwo Stunden südwärts von Leindorf ab, in einem herrlichen breiten Tal. Stilling wurde über diesen Beruf so entzückt, dass er sich nicht zu lassen wusste; sein Vater und seine Mutter selber freuten sich über die massen. Stilling dankte Herrn Goldmann schriftlich für diese vortrefliche Recommendation, und versprach ihm Freude zu machen.
Dieser Prediger war ein weitläuftiger Anverwandter des seligen Dortchens, mitin auch des jungen Stillings. Diese Ursache nebst dem allgemeinen Ruf von seinen seltnen Gaben, hatten den braven Pastor Goldmann bewogen, ihn der Preisinger Gemeinde vorzuschlagen. Er wanderte also auf Michaelis nach seiner neuen Bestimmung. So wie er auf die Höhe kam, und das herrliche Tal vor sich sah, mit seinen breiten und grünen Wiesen, gegenüber ein schönes grünes Gebirge von lauter Wäldern und Feldern. Mitten in der Ebene lag das Dorf Preisingen rund und gedrang zusammen, die grüne Obstbäume, und die weisse Häuser dazwischen, machten ein anmutiges Ansehen. Gerad in der Mitten ragte der Capellenturn, mit blauen Schiefersteinen gedeckt und bekleidet, über alles empor, und hinter dem Dorf her schimmerte das Flüsschen Sal im Glanz der Sonne. So brach er in Tränen aus, setzte sich eine Weile auf die Rasen nieder, und ergötzte sich an der herrlichen Aussicht. Hier fing er zuerst an, ein Lied zu versuchen, es gelung ihm auch so ziemlich, denn er hatte eine natürliche Anlage dazu. Ich habe es unter seinen Papieren nachgesucht, aber nicht finden können.
Hier nahm er sich nun vest und unwiderruflich vor, Fleiss und Eifer auf die Schule zu verwenden, die übrige Zeit aber in seinem matematischen Studium fortzufahren. Als er diesen Bund mit sich selber geschlossen hatte, so stunde er auf, und wanderte vollends nach Preisingen hin.
Seine wohnung wurde ihm bei einer reichen, vornehmen und dabei über die massen dicken witwe, angewiesen, die sich Frau Schmoll nennte, und zwo schöne sittsame Töchter hatte, wovon die älteste Maria hiess, und zwanzig Jahr alt war; die andre aber hiess Anna, und war achtzehn Jahr alt. Beide Mädchen waren recht gute Kinder, so wie auch ihre Mutter. Sie lebten zusammen wie die Engel, in der edelsten Harmonie, und so zu sagen, in einem Ueberfluss von Freuden und Vergnügen, denn es fehlte ihnen nichts, und das wussten sie auch zu nutzen, daher brachten sie ihre Zeit, nebst den Hausgeschäften, mit Singen und allerhand erlaubten Ergötzlichkeiten zu. Stilling liebte zwar das Vergnügen, allein, die Untätigkeit des menschlichen Geistes war ihm zuwider, daher konnte er nicht begreifen, dass die Leute keine Langeweile hatten. Doch befand er sich unvergleichlich in ihrer Gesellschaft; wenn er sich zuweilen in Betrachtungen und Geschäften ermüdet hatte, so war es eine süsse Erholung für ihn, mit ihnen umzugehen.
Stilling hatte noch an keine Frauenliebe gedacht; diese leidenschaft und das Heiraten war in seinen Augen eins, und jedes ohne das andre ein Gräuel. Da er nun gewiss wusste, dass er keine von den Jungfern Schmoll heiraten konnte, indem keine, weder einen Schneider, noch einen Schulmeister nehmen durfte, so unterdrückte er jeden Keim der Liebe, der so oft, besonders zu Maria, in seinem Herzen aufblühen wollte. Doch, was sage ich vom Unterdrücken! wer vermag das aus eigner Kraft? – Stillings Engel, der ihn leitete, kehrte die Pfeile von ihm ab, die auf ihn geschossen wurden. Die beiden Schwestern dachten indessen ganz anders; der Schulmeister gefiel ihnen im Herzen, er war in seiner ersten Blüte, voller Feuer und Empfindung; denn ob er gleich ernst und still war, so gab es doch Augenblicke, wo sein Licht aus allen Winkeln des Herzens hervorglänzte; dann breitete sich sein Geist aus, er floss über von mitteilender heiterer Freude, und dann war's gut sein in seiner Gegenwart. Aber es gibt der Geister wenig, die da mit empfinden können; es ist so etwas Geistiges und Erhabenes, von roher lärmender Freude so Entferntes, dass die wenigsten begreifen werden, was ich hier sagen will