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wenn er auf der Schule war; und da war der Ort nicht, um selber zu lesen, sondern andre zu unterrichten. Doch stahl er manche Stunde, die er auf die Matematik und andere Künsteleien verwandte. Wilhelm merkte das, er stellte ihn darüber zur Rede, und schärfte ihm das Gewissen. Stilling antwortete mit betrübtem Herzen: "Vater! meine ganze Seele ist auf die Bücher gerichtet, ich kann meine Neigung nicht bändigen, gebt mir vor und nach der Schule Zeit, so will ich kein Buch auf die Schule bringen." Wilhelm erwiderte das ist doch zu beklagen! alles, was du lernst, bringt dir ja kein Brod und Kleider ein, und alles, was dich ernähren könnte, dazu bist du ungeschickt. Stilling betrauerte selber seinen Zustand, denn das Schulhalten war ihm auch zur Last, wenn er dabei keine Zeit zum Lesen hatte; er sehnte sich deswegen von seinem Vater ab, und an einen andern Ort zu kommen.

Zu Leindorf waren indessen die Leute ziemlich mit ihm zufrieden, obgleich ihre Kinder in der Zeit mehr hätten lernen können; denn sein Wesen und sein Umgang mit den Kindern gefiel ihnen. Auch der Herr Pastor Dahlheim, zu dessen Kirchspiel Leindorf gehörte, ein Mann, der seinem Amt Ehre machte, liebte ihn. Stilling wunderte sich über die massen, als er das erstemal bei diesem vortreflichen Mann auf sein Zimmer kam; er war ein Greis von achtzig Jahren, und lag just auf einem Ruhebettchen, als er zur Tür herein trat; er sprung auf, bot ihm die Hand, und sagte: "Nehmt mir nicht übel, Schulmeister! dass ihr mich auf dem Bette findet, ich bin alt und meine Kräfte wanken." Stilling wurde von Ehrfurcht durchdrungen, ihm flossen die Tränen die Wangen herab. Herr Pastor! antwortete er, es freut mich recht sehr, unter Ihrer Aufsicht Schule zu halten! Gott gebe Ihnen viel Freude und Seegen in Ihrem Alter! Ich danke euch, lieber Schulmeister! erwiderte der edle Alte, ich bin, Gott sei Dank! nahe an dem Ziel meiner Laufbahn, und ich freue mich recht auf meinen grossen Sabbat. Stilling ging nach haus, und unterwegens machte er die besondere Anmerkung: Herr Dahlheim müsste entweder ein Apostel, oder Herr Stollbein ein Baalspfaffe sein.

Herr Dahlheim besuchte zuweilen die Leindorfer Schule, wenn er auch dann eben nicht alles in gehöriger Ordnung fande, so fuhr er nicht aus, wie Herr Stollbein, sondern er ermahnte Stillingen ganz liebreich, dieses oder jenes abzuändern; und das tat bei einem so empfindsamen Gemüt immer die beste wirkung. Diese Behandlung des Herrn Pastors war wirklich zu bewundern, denn er war ein gähzorniger hitziger Mann, aber nur gegen die Laster, nicht gegen die Fehler; dabei war er auch gar nicht herrschsüchtig. Um den charakter dieses Mannes meinen Lesern zu schildern, will ich eine geschichte erzählen, die sich mit ihm zugetragen hat, als er noch Hofprediger bei einem Fürsten zu R ... gewesen war. Dieser Fürst hatte eine vortrefliche Gemahlin, und mit derselben auch verschiedene Prinzessinnen, dennoch verliebte er sich in eine Bürgerstochter in seiner Residenzstadt, bei welcher er, seiner gemahlin zum höchsten Leidwesen, ganze Nächte zubrachte. Dahlheim konnte das ungeahndet nicht hingehen lassen; er fing auf der Canzel an, unvermerkt dagegen zu predigen, doch fühlte der Fürst wohl, wohin der Hofprediger zielte, daher blieb er aus der Kirchen, und fuhr während der Zeit auf sein Lustaus in den Tiergarten. Einsmals kam Dahlheim und wollte in die Kirche gehen zu predigen, er traf den Fürsten just auf dem Platz, als er in die Kutsche steigen wollte; der Hofprediger trat herzu, und fragte: wo gedenken Eure Durchlaucht hin? Was liegt dir Pfaff daran? war die Antwort. Sehr viel! versetzte Dahlheim, und ging in die Kirche, wo er mit trocknen Worten gegen die Ausschweifungen der Grossen dieser Welt anging, und ein Weh über das andre gegen sie ausrief. Nun war die fürstin in der Kirche, sie liess ihn zur Mittagstafel bitten, er kam, und sie bedauerte seine Freimütigkeit, und befürchtete üble Folgen. Indessen kam der Fürst wieder, fuhr aber auch alsofort wieder in die Stadt zu seiner Maitresse, welche zum Unglück auch in der Hofcapelle gewesen war, und Herrn Dahlheim gehöret hatte. Sowohl der Hofprediger, als auch die Fürstin, hatten sie gesehen, sie konnten leicht das Gewitter voraus sehen, welches Herrn Dahlheim über dem Haupt schwebte; dieser aber kehrte sich an nichts, sondern sagte der Fürstin, dass er alsofort hingehen und dem Fürsten die Wahrheit ins Gesicht sagen wollte, er liess sich auch gar nicht warnen, sondern ging alsofort hin, und gerade zum Fürsten ins Zimmer. Als er hineintrat, stutzte derselbige, und fragte: was habt ihr hier zu machen? Dahlheim antwortete: "Ich bin gekommen, Ew. Durchlaucht Seegen und Fluch vorzulegen, werden Dieselben diesem ungeziemenden Leben nicht absagen, so wird der Fluch Dero hohes Haus und Familie treffen, und Stadt und Land werden Fremde erben." Darauf ging er fort, und des folgenden Tages wurde er abgesetzt und des Landes verwiesen. Doch hatte der Fürst hiebei keine Ruhe, denn nach zweien Jahren rief er ihn mit Ehren wieder zurück, und gab ihm die beste Pfarre, die er in seinem land hatte. Dahlheims Weissagung wurde indessen erfüllt. Schon vor mehr als vierzig Jahren ist kein Zweig mehr von diesem fürstlichen